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Großenhain

„Bitte schicken Sie meinen Vati heim“

Siegfried Behla schrieb als Neunjähriger an Präsident Wilhelm Pieck. Das war 1952. Sein Vater war abgeholt worden

Wilhelm Pieck (m.) erhielt zu Weihnachten 1952 einen besonderen Brief.
Wilhelm Pieck (m.) erhielt zu Weihnachten 1952 einen besonderen Brief. © Höhne-Pohl

Großenhain. Im Dezember 1952 verfasste Siegfried Behla ein Schreiben an den damaligen Präsidenten. Seine Mutter Frieda hatte die Adresse in Berlin-Niederschönhausen herausbekommen. 

Folgende Zeilen schrieb der damals Neunjährige: „Lieber Herr Präsident Pieck! Nun kommt wieder das schöne Weihnachtsfest, aber ich kann mich diesmal nicht so darauf freuen wie sonst. Mein lieber Vater ist vor neun Monaten weggeholt worden, und wir haben gar nichts wieder von ihm gehört. Wir wissen nicht einmal, wo er ist. 

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Meine Mutti ist abends, wenn sie mit der Arbeit im Stall und in der Küche fertig ist, immer sehr traurig. Sie hat keine Lust zu den Weihnachtsvorbereitungen und meine Großeltern auch nicht. Sie sprechen oft vom Vati und überlegen, wie es ihm geht und wo er sein mag. In unserem Klassenzimmer hängen drei Bilder: eins von Stalin, eins von Ernst Thälmann und eins von Ihnen. Unsere Lehrerin hat uns erzählt, dass Sie für uns Kinder sorgen, besonders für die Jungen Pioniere. 

Nun habe ich eine große Bitte an Sie: Lassen Sie meinen Vati bitte nach Hause kommen, damit alle wieder froh werden! Das ist mein größter Weihnachtswunsch in diesem Jahr, und Mutti sagt: Diesen Wunsch kann nur unser Präsident Wilhelm Pieck erfüllen! Bitte lieber Präsident, schicken Sie meinen Vati bald heim.“

Otto Behla war im Mai 1952 zu 25 Jahren Zwangsarbeit sowie Einzug von Eigentum und Vermögen verurteilt worden. Erst im Oktober 1955 wurde er aus der Sowjetunion entlassen. Die Russische Föderation hat Otto Behla 1994 rehabilitiert. Er starb 1979 und steht im Gedenkbuch der IG Mahnmal Marienkirche. (SZ/krü)