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Blick auf DDR-Geschichte: Tiefensee warnt vor „historischer Demenz“

Abertausende Menschen gingen am 17. Juni 1953 vielerorts in der DDR auf die Straße. 60 Jahre später erinnern zahlreiche Veranstaltungen an den damals niedergeschlagenen Aufstand gegen das SED-Regime - auch in Ostsachsen und mit prominenten Teilnehmern.

Gespräch: Anett Böttger

Bautzen. Das 24. Bautzen-Forum ist an diesem Donnerstag und Freitag dem Widerstand gegen die SED-Diktatur gewidmet. Einer der Podiumsgäste wird der frühere Leipziger Oberbürgermeister und ehemalige Bundesminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sein. Kurz vor der Tagung äußert sich der heutige Vorsitzende des Vereins „Gegen Vergessen - für Demokratie“ zur Aufarbeitung von DDR-Geschichte.

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Wie schätzen Sie das öffentliche Interesse an Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur ein?

Tiefensee: „Mein persönlicher Eindruck ist der einer gewissen historischen Demenz, der wir mit einem Engagement gegen das Vergessen entgegenwirken müssen. Wir brauchen die Aufarbeitung der Fakten durch Historiker, aber ebenso wichtig scheint mir die Erinnerung der Zeitzeugen. Unsere Aufgabe ist es, neue Formen der Vermittlung zu finden, um gerade den jungen Menschen keine starren Geschichtsbilder überzustülpen. Für die Vermittlung der DDR-Vergangenheit könnte ich mir auch Methoden wie Audiowalks für Smartphones, Internetblogs oder Geocaching vorstellen.“

Wie haben Sie persönlich Widerstand gegen den Kommunismus erlebt?

Tiefensee: „Indirekt war mein Leben in der DDR schon durch meine Erziehung in einem christlichen Elternhaus immer von der Frage des Widerstandes geprägt. Gehen wir Kinder in die FDJ? Nein. Gehen wir zur Jugendweihe? Nein. Gehe ich zur NVA? Nein, ich wurde Bausoldat. Ich musste mir stets die Frage stellen, wie ich mit der Situation umgehe, Außenseiter zu sein und welche Konsequenzen mein „Nein“ für mein berufliches und persönliches Leben in der DDR haben wird. Mitte der 80er Jahre wurden all diese Fragen abgelöst von der Frage, hierzubleiben oder einen Ausreiseantrag zu stellen. Viele gute Freunde reisten aus, wir blieben.“

Warum sollte der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 immer wieder ins Bewusstsein geholt werden?

Tiefensee: „Es war das erste Aufbegehren gegen den Stalinismus im sowjetischen Herrschaftsbereich. Außerdem ist der Volksaufstand ein Ereignis der deutschen Freiheitstradition, die es neben all den Erfahrungen von Unfreiheit und Unterdrückung auch gegeben hat. Und es führt eine klare Linie von 1953 zu 1989, denn schon am 17. Juni ging es um den Wunsch nach Demokratie, Freiheit und Wiedervereinigung. Der entscheidende Unterschied im Herbst 1989 war, dass keine russischen Panzer mehr rollten.“ (dpa)