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Blinde erschnuppern Kamelienblüten

Der Heimatverein Königsbrück geht neue Wege. Er will Menschen mit Handicap am kulturellen Leben teilhaben lassen.

© René Plaul

Von Manuela Paul

Königsbrück. Blüten, wohin das Auge blickt. Wahrlich kein Wunder, dass das Königsbrücker Kamelienhaus ein Magnet für schaulustige Blumenliebhaber ist. Eine ganze Busladung voller Gäste reiste beispielsweise Mittwochfrüh bis aus Berlin an, um die üppig blühenden Winterschönheiten zu bestaunen. Nur kurze Zeit später stand bereits die nächste Menschentraube im Gewächshaus. Diesmal waren es ganz besondere Besucher: etwa zwei Dutzend Mitglieder der Regionalgruppe Kamenz des Sächsischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Zwar konnten sie die vielen Büsche und ihre unzähligen kleinen und großen Blüten nicht sehen, aber sie konnten sie dennoch mit anderen Sinnen wahrnehmen.

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Die Landesvorsitzende des Sächsischen Blindenverbandes Angela Fischer – hier mit ihrem Blindenhund – war ebenfalls zur Führung ins Kamelienhaus gekommen. Sie lobte den Verein für seine Idee Blinde und Sehbehinderte mehr am kulturellen Leben teilhaben zu l © René Plaul

„Wie das hier duftet“, schwärmten deshalb wohl auch viele der Besuchergruppe beim Betreten des Glashauses. Es ist tatsächlich ein feiner Duft von Frühling, der an diesem frostigen Wintertag von den Hunderten kleinen Blüten ausgeht und durch das Kamelienhaus zieht. Genau auf diesen Effekt setzte der Königsbrücker Heimatverein, als er eine neue Idee entwickelte – auf die ihn übrigens ein Beitrag in der SZ gebracht hatte. Der Artikel drehte sich um die Teilhabe von Blinden in der Gesellschaft, erzählt Peter Sonntag. Warum also nur sehende Besucher einladen? Es muss doch möglich sein, die Besonderheit und die Schönheit der Königsbrücker Kamelien auch Menschen nahezubringen, die über kein oder nur sehr wenig Augenlicht verfügen? Über Geruch, Gehör und Tastsinn. „Die sehbehinderten Menschen können die Kamelien zwar nicht sehen, aber ertasten und riechen“, so Vereinschef Peter Sonntag. Deshalb nahmen die Königsbrücker Kontakt mit der Kamenzer Gruppe des Blindenverbandes auf, welche diese Idee natürlich ebenfalls toll fand. Schnell war ein Termin gefunden. „Eigentlich wollte die Truppe mit dem Linienbus fahren“, erzählt Peter Sonntag. Doch das widerstrebte dem Vereinsvorsitzenden. Deshalb sprach er den Kamenzer Oberbürgermeister Roland Danz an, ob sich Heimatverein und Verwaltung nicht die Kosten für einen Reisebus teilen könnten. „Jeder Hundert Euro und die Sache ist bezahlt.“ Der OB stimmte gerne zu. Das betonte er in der Runde am Mittwochvormittag noch einmal ausdrücklich. Denn die Idee, Blinde und Sehbehinderte mehr am kulturellen Leben teilhaben zu lassen, sei „eine sehr, sehr schöne Sache“. Auch die Landesvorsitzende des Sächsischen Blinden- - und Sehbehindertenverbandes Angela Fischer lobte den Verein für diese Idee und wünschte sich, dass sich andere Vereine, Museen und Einrichtungen ein Beispiel daran nehmen.

Von dem sinnlichen Erlebnis versprechen sich beide Seiten ganz neue Erfahrungen. Die Blinden eine Welt aus Duft und lebendiger Natur, die Kamelienfreunde weitere Empfehlungen – auch über die Region hinaus. Nicht nur deshalb hatte der Heimatverein alles perfekt vorbereitet. Bis hin zu Königsbrücker Grund- und Oberschülern, die als Begleiter für die Gäste fungierten. Sie führten die Blinden bedachtsam durch die grüne Oase und beantworteten so manche Frage. Selbstverständlich waren auch die beiden Kameliendamen Caprice Zickler und Linda Bahr mit von der Partie. Sie erwarteten die Gäste an den wertvollsten Büschen – drei Uralt-Kamelien mit schneeweißen und feuerroten Blüten. Schneeweißchen und Rosenrot sind die volkstümlichen Namen der exotischen Winterblüher. Botanisch korrekt heißen die weiße „alba plena“ und die rote „althaeiflora“. Beide Exemplare haben über 190 Jahre auf dem Buckel und sind logischerweise der ganze Stolz der Königsbrücker.

Die an diesen Pflanzen befindliche Tafel mit Erläuterungen zu Alter und Herkunft hat der Verein inzwischen ergänzt. Auf dem Schild wurde ein Weiteres in Blindenschrift befestigt – vorerst noch provisorisch – welches sich hochklappen lässt. So können Sehende wie Nichtsehende gleichermaßen die Informationen abrufen. Das soll übrigen nicht die einzige Veränderung bleiben, so Peter Sonntag. Der Verein überlegt unter anderem auch, wie sich der Eingang barrierefrei machen lässt.

Seit dem Jahr 2000 werden die Königsbrücker Kamelien alljährlich öffentlich gezeigt. Während der Blütezeit zwischen Januar und April ist das Gewächshaus immer sonntags und auch nach Vereinbarung geöffnet. Neben den beiden Uralt-Sträuchern können Besucher etliche weitere Kamelien-Generationen bewundern. Und seit vorigem Jahr eben auch die prächtigen Duft-Kamelien. Kein Wunder, dass jedes Jahr Besucherscharen in die Kleinstadt an der Via Regia pilgern. Mitten im tiefsten Winter verzaubern die Pflanzen-Exoten mit unglaublicher Farbenpracht und Formenvielfalt. Kaum zu glauben, dass die Königsbrücker Kamelien zwischenzeitlich beinahe in Vergessenheit geraten waren. Jahrzehnte lang standen sie unbeachtet in der Ecke des Gewächshauses und sollten nicht nur einmal abgeholzt werden. Doch zum Glück gab es zivilen Ungehorsam und Widerständler, wie seinerzeit Gärtnermeister Siegfried Jähne und eine Handvoll Königsbrücker Heimatfreunde, die sich für den Erhalt der Kamelien stark machten. Aus Letzteren entwickelte sich schließlich die Kameliengruppe des Heimatvereines. Sie hegt und pflegt seither die kostbaren Pflanzen und vermarktet sie auch.

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