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Blitzschutz für den Feuermelder

Vor 85 Jahren entstand die Siedlung Königshufen, die einen uralten Görlitzer Flächen-Namen bewahrt.

Von Ralph Schermann

Anlass für die Entstehung der Siedlung Königshufen waren Zahlungsschwierigkeiten, in die der Besitzer des Geländes, der Kaufmann Kurt Jaekel, 1932 geriet. Um einer Zwangsversteigerung zu entgehen, teilte Jaekel sein Land in Parzellen auf. Die Liegnitzer Regierung genehmigte das. Die Jaekelsche Siedlung benötigte allerdings einen neuen Namen, um sie nicht mit dem Jäckelsberg in Moys zu verwechseln. Die Siedler reichten Vorschläge ein wie „Nordost“ oder „Klinge“. Ernst Müller († 1952) kam auf die Idee „Königshufen“ und bezog sich damit auf einen bereits in der Görlitzer Urkunde von 1071 vorhandenen königlichen Flächenbegriff. „Siedlung Königshufen“ wurde 1933 amtlich genehmigt.

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Noch heute umfasst die kleine Siedlung 10,5 Hektar, bedeckt mit bester Humusschicht. Letztere war früher wichtig, bewirtschaftete doch jeder Häuslebauer auch seinen Nutzgarten. Unter den Käufern 1932/33 befand sich sogar ein Amerikaner, der die größte Parzelle als Alterssitz erwarb. Er kam nie nach Görlitz, betrachtete sich nach dem Krieg wohl automatisch als enteignet, was nicht stimmte. Die Siedler nutzten die große Fläche am mittleren Querweg zu DDR-Zeiten als Festplatz. Anfangs waren es vorwiegend Arbeiter und Handwerker, die den Bodenkaufpreis von 50, 60 Pfennig je Quadratmeter investierten. Für das, was heute wenig erscheint, verschuldeten sich damals viele. Teuer wurde vor allem die Wassererschließung. Brunnen stießen erst in 33 Meter Tiefe auf das kostbare Nass, die städtische Leitung war zu weit entfernt. Die Siedler behalfen sich mit dem Bau eines eigenen Wasserwerkes mit Tiefbrunnen auf einer Wasserader, Druckkesseln und Motorpumpen. Erst 1983 erreichte die städtische Leitung die Siedlung. Zufahrtswege, Beleuchtung und mehr machten von Anfang an den Zusammenschluss aller Siedler wichtig. Der bei der Parzellierung angestrebte Verein kam indes nicht zustande, weil die Naziregierung Vereinsbildungen nicht mehr gestattete. Die Königshufener umgingen diese 1933 erlassene Verordnung mit der Bildung eines „Siedlerbundes“ und wählten Fritz Wuttke zum ersten Vorsitzenden. Kurios: Die Satzung des 1933er Bundes galt noch 1989. Die monatliche Siedler-Bringepflicht von drei Reichsmark wurde lediglich in DDR-Mark umbenannt.

Das erste bezugsfertige Haus in der Siedlung war 1934 die Nummer 10. 1939 wurde die Bautätigkeit bis nach dem Krieg eingestellt, von wenigen Schwarzbauten abgesehen. Kurt Horn sah 1945 zu, wie ein sowjetisches Flugzeug in ein Grundstück stürzte. Bei der Buntmetallabgabe eines Teils des Propellers kam der Siedler zu einem dringend benötigten Kochkessel. Viele solcher Geschichten machen die Siedlungschronik bunt, erzählen vom kleinen Konsum in Nummer 31 ebenso wie von Ottlingers Eisdiele und den Ponys der hier wohnenden Musikerlegende Martin Viertel, berichten von Telefonzelle oder Briefkasten. Der Feuermelder war das einzige Objekt, was mehrfach von Gewittern beschädigt wurde und daher 1953 sogar einen eigenen Blitzableiter bekam!

Der Charakter als abgelegene Gegend hatte sich mit dem Neubaugebiet gewandelt, dass den Siedlern ab den 1970er Jahren „vor die Nase“ gesetzt wurde und ihnen den Namen Königshufen kopierte. Spätestens seit ein Autohaus 1993 direkt vor die Siedlungsstraße gebaut wurde, findet sich kaum ein Ortsfremder zu den Grundstücken. Und doch gehört das alte Königshufen zu den bewahrenswerten Kleinoden Görlitzer Siedlungsgeschichte.