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Hoyerswerda

Blumenkohl als Symbol

Die Landesbühnen Sachsen Radebeul gastierten mit Brechts „Arturo Ui“ in der Hoyerswerdaer Lausitzhalle.

Arturo Ui (Michael Berndt-Cananá) macht Cicero klar: "Wer da nicht für mich ist / Ist gegen mich und wird für diese Haltung / Die Folgen selbst sich zuzuschreiben haben. Jetzt könnt ihr wählen!“
Arturo Ui (Michael Berndt-Cananá) macht Cicero klar: "Wer da nicht für mich ist / Ist gegen mich und wird für diese Haltung / Die Folgen selbst sich zuzuschreiben haben. Jetzt könnt ihr wählen!“ © Foto: Uwe Jordan

Von Uwe Jordan

„Wir ... sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen“. – Was wir vor dem geschlossenen Vorhang tatsächlich sehen, ist: Karfiol. Ein Blumenkohlkopf, auf der Bühne zurückgeblieben, als die Schauspieler nach dem Schluss-Applaus abgegangen sind. Anders als die anfangs von Karfioltrust-Geschäftsleuten in den Saal der Lausitzhalle geworfenen Plast-Imitate des Gemüses ist er echt. Und leicht ramponiert: Arturo Ui, Entsprechung Adolf Hitlers, hat, in Ermangelung eines Feldherrn-Teppichs, hineingebissen als Bewältigungs-Ersatzhandlung im Konflikt zwischen Gefolgsleutetreue und Geschäftssinn. Betty Dullfeet, Sinnbild Österreichs, hat, gezwungen von Ui, in besagten Karfiol, vergifteter saurer Apfel des „Anschlusses“ am 13. März 1938, beißen müssen – und hineinbeißen sollen alle anderen Beteiligten auch. Freilich: nachdem sie ihn bezahlt haben. Denn darum, ums Geschäft, den Verkauf des Karfiols, geht es ja letztlich. Sie sollen es überdies nicht mürrisch, nicht halbherzig tun, sondern freudig bejahend. Werden sie? – Nun, eine Zeit lang taten sie’s.

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„Muss, muss, muss ...“

Brecht schrieb den „Aufstieg des Arturo Ui“ (später ergänzt um das „aufhaltsam“) 1941 nicht als Erörterung der Nöte von Grünzeughändlern in den USA, sondern als Parabel auf die Verhältnisse im Deutschland der 30er-Jahre: Die Wirtschaft liegt darnieder. Auch die Gangstertruppe des Arturo Ui, erkennbar als Adolf Hitler und seine Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, hat Sorgen. Vor dem Sturz ins Nichts kann sie nur retten: Ergreifung der Macht. Brecht wandelt die Ereignisse um Hitlers verzweifeltes Bemühen darob zur Gangsterstory: Der Osthilfeskandal (Zuwendungen an ostpreußische Junker) wird zum Dockshilfeskandal; der Reichstagsbrand zum Speicherbrand der Grünzeughändler. Die „Nacht der Langen Messer“ im Juni/Juli 1934, die Hinrichtung der nun Hitlers Plänen im Wege stehenden SA-Führer (hatte doch Hitler der Wehrmacht zugesagt, anders als von SA-Chef Röhm geplant, einziger Waffenträger des Reiches zu bleiben) wird zur Mordszene im Gangster-Milieu.

Ui, zunächst durch Zufälle in die Lage versetzt, seine Ziele zu verwirklichen, schreitet, weil ungehindert bei den ersten und erst recht allen weiteren Schritten, konsequent folgerichtig zu immer neuen Anmaßungen. Verspricht „Aufschwung“ und „Sicherheit“. Dass die Mittel dazu Nötigung, Erpressung und Mord sind: Wen stört‘s, besser (schlechter!): Wen wird’s noch stören? Da doch alle althergebrachten, Schutz versprechenden Autoritäten, verstrickt in Korruption und Selbstsucht, sich angesichts dieser neuen, brutalen, skrupellosen, peu à peu bis zur Absolutheit wachsenden Macht wie Rauch auflösen.

Mit Gewalt, wenn ihr nicht von Anfang an entschiedenst entgegengetreten wird, lässt sich alles durchsetzen, lehrt Brecht im „Ui“, schon vor dem nachgereichten Epilog („... der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“). Und dass die eingangs zitierte Formel vom Vorhang und den Fragen nicht aus dem „Ui“ stammt, sondern aus einem anderen Brecht-Stück, „Der gute Mensch von Sezuan“, sei mit der Fortführung jenes Zitats gerechtfertigt: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! / Es muss, ein guter da sein, muss, muss, muss!“

Auf der Bühne wartet derweil der Karfiol aufs Aufgehobenwerden.