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Bluten für Griechenland

Rentner und Pensionäre sind Opfer des Sparkurses der Regierung. Die Hoffnung auf bessere Zeiten haben sie verloren.

© dpa

Von Ferry Batzoglou, Athen

Sie sind die großen Verlierer der desaströsen Griechenlandkrise: die Rentner und Pensionäre. Ihre Bezüge sind nach mehr als ein Dutzend Sparrunden seit dem Frühjahr 2010 um bis zu 55 Prozent eingebrochen. Ab 2019 sollen sie noch weiter sinken – um bis zu 18 Prozent. Doch das wird nicht reichen.

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Die Halbjahresnoten glattgebügelt und der Vorsatz, nochmal richtig Gas zu geben, zeigen es!

Nikos Meletis stöhnt unter der brütenden Hitze. Der 69-Jährige sitzt in einem der Cafés am Athener Verfassungsplatz, um einen Mokka zu trinken. In der Athener Innenstadt sind an diesem heißen Augusttag fast nur Touristen zu sehen. Aber Nikos Meletis kann nicht weg. Er zählt zu den knapp 54 Prozent der Griechen, die sich nicht einmal einen einwöchigen Urlaub leisten können. „Urlaub? Das soll wohl ein Witz sein! Ich bin Rentner. Ich kriege 740 Euro pro Monat, nach 35 Jahren Arbeit. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Einen Urlaub kann ich mir nicht leisten“, ätzt Meletis.

Dabei ist Meletis noch vergleichsweise gut bedient. Durchschnittlich belief sich die Rente in Griechenland per Dezember 2016 auf monatlich 722,03 Euro brutto. Dies gab das Athener Arbeitsministerium bekannt. Neuere Zahlen gibt es bisher nicht. Ferner beträgt die Zusatzrente (griechisch: „Epikuriki“) im Schnitt 170,93 Euro pro Monat. Sie ergänzt die sogenannte Hauptrente, wird aber nicht an alle Rentner gezahlt.

Die hellenischen Ex-Staatsdiener können sich zusätzlich über eine sogenannte Dividende aus der Beamtenkasse freuen. Sie beläuft sich auf durchschnittlich 97,86 Euro pro Monat.

Zwar ist das Renteneintrittsalter in Griechenland seit 2009 stetig angehoben worden. Bei Männern ist es von 57 Jahren im Jahre 2009 auf 65 (2010), 66 (2014) auf nunmehr 67 (seit 2015) gestiegen. Auch die Frauen müssen länger auf die Rente warten. Das betreffende Renteneintrittsalter hat sich von 57 Jahren (2009), auf 60 (2010), 62 (2011), 63,5 (2012), 65 (2013), 66 (2014) sowie auf nunmehr 67 Jahre (2015) erhöht.

Doch die Renten müssen noch weiter fallen, um nicht den gerade mühsam sanierten griechischen Staatshaushalt wieder aus den Fugen geraten zu lassen. Denn die Griechen leben länger. Zugleich schrumpft die Gesamtbevölkerungszahl – von 10,76 Millionen per 1. Januar 2017 auf 7,7 Millionen im Jahr 2080.

Griechenland manövrierte sich im Frühjahr 2010 an den Rand des Staatsbankrotts. Seither hängt das Euroland am Tropf seiner öffentlichen Geldgeber EU, EZB, IWF und Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM). Im Gegenzug für die Überweisung der Kredittranchen muss Athen schmerzliche Sparmaßnahmen umsetzen.

Kleines Plus im Haushalt

So wurden seit Anfang 2010 die Steuern und Abgaben in Griechenland massiv erhöht. Zugleich wurden die Staatsausgaben von 128 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf 86 Milliarden Euro im Jahr 2016 drastisch gekürzt – ein Minus von 33 Prozent.

Der rigide Sparkurs in Athen trägt mit Blick auf die Staatsfinanzen zwar Früchte. Im Jahr 2016 schaffte Athen ein Haushaltsplus – einschließlich des Schuldendienstes – in Höhe von 0,7 Prozent. Im Jahr 2009 belief sich das Budgetdefizit in Athen noch auf ein sagenhaftes Minus von 15,1 Prozent.

Und Athen will weitersparen – bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Die Regierung Tsipras hat sich erst kürzlich verpflichtet, bis 2023 ein primäres Haushaltsplus in Höhe von 3,5 Prozent und bis zum fernen 2060 von 2,5 Prozent pro Jahr zu erzielen.

Getreu dem durchaus ambitionierten Motto: „Die Griechen müssen nach dem faktischen Staatsbankrott ein halbes Jahrhundert sparen, um wieder auf gesunden Füßen zu stehen.“

Was aber auch bedeutet: Unter diesen Bedingungen können die Renten und Pensionen in Griechenland nur mit einem dauerhaft kräftigen Wirtschaftswachstum wenigstens konstant bleiben – oder bestenfalls sogar wieder steigen. Nur: Die griechische Wirtschaft wird just im Zuge dieses rigorosen Sparkurses abgewürgt. Ein Teufelskreis.

Für Nikos Meletis, den Rentner aus Athen, klingt das absurd. Verbittert sagt er: „Bessere Zeiten? Im Jahr 2060 wäre ich 112 Jahre alt. Das werde ich nicht erleben. Bis dahin haben wir uns doch alle totgespart.“