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BMW wächst in Leipzig – ohne neues Personal

300 Millionen Euro fließen in den Ausbau der Kapazitäten. Doch von neuen Mitarbeitern ist erstmal nicht die Rede.

Von Sven Heitkamp

Einige Meter hoch ragen die Betonsäulen schon in die Höhe, eine Handvoll gelber Kräne dreht sich im blauen Himmel: Der BMW-Konzern investiert derzeit erneut in seine Leipziger Autofabrik. Für mehr als 300 Millionen Euro werden neue Lackieranlagen aufgebaut sowie der Karosseriebau, das Presswerk, die Montage und die Logistik erweitert. Die Inbetriebnahme ist für 2020 geplant. Mit dem Ausbau soll die Produktionskapazität des Werks weiter aufgestockt werden. Schon jetzt verlassen 1 000 Autos pro Tag das Leipziger Werk – und damit etwa 250 000 im Jahr. In den nächsten Jahren sollen es bis zu 350 000 Neuwagen sein. Die Erweiterung sei ein klarer Vertrauensbeweis des Unternehmens in die Mitarbeiter und die Region, sagte Werksleiter Hans-Peter Kemser. Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) betonte, die Werkserweiterung sei ein gutes Zeichen, „das Sachsen als Industrieland weiter stärkt und gute Arbeitsplätze für die Leipziger Region sichert“.

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Von der Einstellung neuer Mitarbeiter für den Fabrik-Ausbau ist allerdings nicht die Rede. Zwar zählen zur BMW-Stammbelegschaft in Leipzig mittlerweile 5 300 Kollegen. Mit den Zeitarbeitern und den Mitarbeitern bei Drittfirmen wie in der Logistik seien sogar fast 8 000 Menschen am Standort beschäftigt. Und gearbeitet werde in einer Sechs-Tage-Woche, teils rund um die Uhr. Doch werde man in den nächsten zwei Jahren zunächst die Produktionskapazitäten ausbauen – und erst dann weitersehen, wie groß der Bedarf an neuem Personal tatsächlich sei, sagte Werksleiter Kemser auf SZ-Nachfrage. Vor allem werde die Produktion in den kommenden Jahren effizienter gestaltet.

Unter anderem ist die Installation von bis zu 500 neuen Industrie-Robotern vor allem im Karosseriebau geplant. Dies sind oft keine großen und schweren Industrieroboter mehr, die abgeschirmt hinter Sicherheitszäunen arbeiten – sondern kleine flexible Geräte, mit denen Menschen Hand in Hand arbeiten können. So wurde zum Beispiel bei der Produktion des Elektroautos i3 eine Scheibenklebe-Anlage aufgebaut. Im März entstand zudem eine 40 Tonnen schwere High-Tech-Anlage, mit der Panorama-Dächer in die Fahrzeuge eingebaut werden können. Damit müssten die Mitarbeiter nicht mehr in gesundheitlich schwierigen Haltungen über Kopf arbeiten. Auch Betriebsratschef Jens Köhler hielt sich mit Kritik zurück. „Mit den Investitionen werden unsere Arbeitsplätze am Standort langfristig gesichert“, sagte Köhler. Auch andere Standorte würden auf Effizienz ausgerichtet, um in Deutschland international wettbewerbsfähig produzieren zu können.

Nadelöhr beseitigt

Wichtigster Teil des jetzigen Ausbaus ist die Erweiterung der Lackiererei. Sie solle eine zweite vollautomatische Decklack-Linie und neue Vorbehandlungsanlagen erhalten. Bisher sei die Lackiererei das Nadelöhr, das die Produktion am Standort begrenze, sagt Werksleiter Kemser. Sie laufe ständig am Anschlag. Nun würden die Lackierkapazitäten um mehr als 40 Prozent erhöht. Auch in der Fördertechnik soll es Neuerungen geben. Zudem würden die Voraussetzungen für die Produktion zukünftiger Modelle geschaffen.

Das Leipziger BMW-Werk war im März 2005 mit 2 000 Mitarbeitern in die Serienproduktion gestartet. Seither wurden insgesamt rund drei Milliarden Euro in den Standort investiert. Derzeit werden dort vor allem der 1er- und 2er-BMW gebaut. Zugleich ist das Leipziger Werk bislang ein Pionier des BMW-Konzerns für die Produktion der Elektroautos. 2013 begann dort exklusiv die Serienproduktion des i3, dicht gefolgt vom i8 und dem BMW i8 Roadster seit März dieses Jahres. Dank großer Nachfrage sollen ab Herbst bereits 200 Stromer am Tag gebaut werden – statt bisher rund 130 Fahrzeugen täglich. Vier hauseigene Windräder und eine Speicherfarm mit bis zu 700 gebrauchten i3-Batterien stehen zudem für die Nutzung erneuerbarer Energien.

Zukünftig sollen auch die anderen Werke der BMW-Gruppe in die Lage versetzt werden, wahlweise Elektroautos oder Autos mit Verbrennungs- oder Hybridmotor zu bauen. „Das Leipziger Wissen beim Bau von Elektrofahrzeugen fließt jetzt in das weltweite Produktionsnetzwerk der BMW-Group ein“, so Zipse. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagte, er gehe davon aus, dass Elektroautos zunehmend auch in den Fuhrparks der öffentlichen Hand Einzug halten. Auch er habe einen Elektro-Dienstwagen.

Zudem geht der BMW-Vorstand aufgrund hoher Prognosen von enormen Wachstumszahlen bei der Autoproduktion aus: Nachdem im vergangenen Jahr weltweit mehr als 84 Millionen Fahrzeuge neu gebaut wurden, sollen es in den kommenden acht bis zehn Jahren weitere 40 Millionen Autos zusätzlich sein, sagte BMW-Produktionsvorstand Oliver Zipse.

Das internationale BMW-Produktionsnetzwerk umfasst bereits 30 Produktions- und Montagestätten in 14 Ländern – und auch in den USA, China, Mexiko und Brasilien werden derzeit die Kapazitäten erweitert.