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Böse Erinnerungen

An den Finanzmärkten werden Erinnerungen an die Euro-Krise wach: Das Machtvakuum in Italien schürt Ängste vor einer unbeherrschbaren Schuldenlast. An den Börsen wächst die Unsicherheit.

© Richard Drew/AP/dpa

Rom/Frankfurt. Die politischen Wirren in Italien schüren Ängste vor einem erneuten Aufflammen der Schuldenkrise in Europa. An den Finanzmärkten kam es am Dienstag zu starken Kurseinbrüchen, die teils an die der schweren Euro-Krise 2011/2012 erinnerten. Auch der Euro geriet unter Druck und fiel fast bis auf 1,15 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) warnte vor einer Eskalation der Lage.

Die Aktienbörsen in Italien und Spanien gerieten ins Taumeln. So sackte der Mailänder Leitindex FTSE MIB um bis zu 3,7 Prozent ab. Besonders heftig erwischt es Bankaktien wie Intesa Sanpaolo und Unicredit, die um rund 6 Prozent einbrachen. In Madrid ging es für den Ibex 35 um fast 3 Prozent runter. Auch der Dax konnte sich den Turbulenzen nicht entziehen und stand zuletzt 1,5 Prozent tiefer.

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An den Staatsanleihemärkten Italiens und Portugals verschlechterte sich die Stimmung weiter. Italienische Staatstitel mit einer Laufzeit von zehn Jahren warfen erstmals seit 2014 mehr als drei Prozent Rendite ab. Portugiesische Anleihen mit gleicher Laufzeit rentierten mit bis zu 2,4 Prozent - ein Hoch seit Herbst 2017. In Spanien stiegen die Renditen ebenfalls, wenngleich weniger stark. Zum Vergleich: Deutschland genießt an den Finanzmärkten viel mehr Vertrauen - der Bund kann sich schon für 0,31 Prozent Geld über zehnjährige Bundesanleihen besorgen.

„Wir sehen einige unglaubliche Preisbewegungen bei italienischen Anleihen“, sagte Analyst Neil Wilson. „Der Markt bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die man seit den schwersten Zeiten der Euro-Krise nicht gesehen hat.“ Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners sprach gar von „ersten Spuren von Panik“, vor allem am Anleihenmarkt.

Die Entwicklung bei den Anleihen können gerade die Bilanzen der italienischen Banken belasten, die viele heimische Staatsbonds im Depot haben und ohnehin unter einem Berg fauler Wertpapiere ächzen. Auch Griechenland bekam die Turbulenzen zu spüren. Dort stürzte der Aktienmarkt um 2,5 Prozent ab. In Athen wird befürchtet, dass die Turbulenzen Griechenlands Wirtschaft in den Abgrund ziehen könnten.

EZB-Vizepräsident Vitor Constâncio warnte Italien vor einer erneuten Staatsschuldenkrise. „Als 2012 Finanzmärkte das Land attackiert haben, hat das gezeigt: Sie können in ihrer Wahrnehmung sprunghaft sein und die Risikoeinschätzung für einen Schuldner abrupt und schnell ändern, manchmal mit gravierenden Folgen“, sagte er dem „Spiegel“. Ob die EZB Italien notfalls vor der Pleite retten würde, ließ er offen. Jede Intervention müsse „der Erfüllung unseres Mandats dienen“, erklärte Constâncio. Demnach ist die EZB allein für Geldpolitik zuständig und darf keine Staaten finanzieren.

Nach der gescheiterten Regierungsbildung droht in Italien ein Zweikampf zwischen den beiden populistischen Kräften Fünf Sterne und Lega sowie Staatspräsident Sergio Mattarella. Die Fünf Sterne streben ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten an, da er aus ihrer Sicht mit der Weigerung, den Euro-Kritiker Paolo Savona zum Finanzminister zu ernennen, gegen die Verfassung verstoßen habe. Das Land steuert nun auf Neuwahlen zu, die radikale Parteien weiter stärken könnten. Ein Abbau der Schuldenlast Italiens wird so erschwert. Italien hat gemessen an der Wirtschaftskraft die höchste Verschuldungsquote der Eurozone nach Griechenland.

Auch die italienische Notenbank zeigte sich alarmiert. „Wir dürfen niemals vergessen, dass wir immer nur ein paar Schritte von dem sehr ernsten Risiko eines Verlusts des unersetzbaren Guts von Vertrauen entfernt sind“, sagte der Gouverneur der italienischen Notenbank, Ignazio Visco in Rom. Eine Finanzkrise müsse vermieden werden.

Er forderte die Politik in Italien auf, die Reformpolitik fortzusetzen. Die europäischen Vorgaben müssten akzeptiert werden. „Die Zukunft Italiens ist in Europa“, sagte Visco. Nicht die Vorgaben der EU oder Spekulanten seien für die Turbulenzen verantwortlich. Vielmehr hätten die Italiener mit ihrem Handeln und politischen Vorstellungen Umschichtungen an den Finanzmärkten ausgelöst. (dpa)