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Bohren im Hochrisikogebiet

Am Ferdinandplatz wird der Bau des Verwaltungszentrums vorbereitet. Die Dresdner sollen bei der Gestaltung mitreden.

© Christian Juppe

Von Andreas Weller

Wo heute mehr als 400 Autos parken können, wird ab 2020 das neue Verwaltungszentrum gebaut. Bis zu 1 600 Mitarbeiter der Stadt sollen dort unterkommen. Welche Ämter das betrifft und wie genau der Komplex aussehen soll, steht noch nicht fest. Das sollen die Dresdner mitentscheiden. Die Baustelle wird nicht nur wegen der exponierten Lage Aufmerksamkeit erregen: Es ist damit zu rechnen, dass Fliegerbomben unter der Erde gefunden werden. Tritt das ein, muss die Innenstadt evakuiert werden.

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Aktuell laufen die Baugrunduntersuchungen. Damit die Bohrer bis zu 25 Meter tief in den Boden gerammt werden können, gab es erste Kampfmitteluntersuchungen. Aber keine umfänglichen, wie Jens Lerch, der Sachgebietsleiter für Verwaltungsbauten erklärt. Zunächst wurden nur die Stellen untersucht, an denen auch der Boden untersucht wird. Das wird an den Grenzen des geplanten Gebäudes gemacht, um genaue Vorstellungen zu haben, wie die Tiefgarage und das Fundament gestaltet werden müssen. „Trifft der Bohrer an einer Stelle auf etwas Metallisches, das eine Bombe sein könnte, wird ein Stück weiter weg gebohrt“, so Lerch. Die eigentlichen und abschließenden Kampfmitteluntersuchungen erfolgen erst bei den archäologischen Grabungen, also nach der konkreten Planung.

Die Grabungen sollen im Herbst 2019 beginnen. „Dann laufen mit den Baggern auch immer Experten mit, die nach Kampfmitteln schauen und im Zweifel die Bagger sofort stoppen“, sagt der Baubürgermeister. Dass auf dem zentralen Gelände noch Blindgänger von Fliegerbomben gefunden werden, gilt als wahrscheinlich. „Das ist ein Hochrisikogebiet“, so Lerch. Von den Grabungen versprechen sich die Archäologen einige Funde. Denn das Gebiet war mal Bankenstraße. „Aber wir wissen natürlich nicht genau, was uns erwartet“, erklärt Lerch. Noch zu viel früherer Zeit befanden sich dort Teiche und viel Grün, sodass der Boden lehmig sein kann. „Lehm dehnt sich bei Nässe. Dann besteht die Gefahr von Hebungen“, sagt Lerch und erläutert damit, dass genau untersucht werden muss, wo die Gebäudegrenzen angelegt werden.

Derzeit ist das Areal in den Händen von Hubert Tiede und seinen Mitarbeitern. Der Bohrmeister nimmt an den vorgegebenen Stellen von jedem Meter in der Tiefe Proben, die in Kisten und Bechern gesammelt werden. Diese werden dokumentiert und genau untersucht. Die Löcher werden wieder verfüllt. Pro Bohrloch rechnet er mit zwei bis drei Tagen Arbeitszeit. „Was hier gebaut werden soll, weiß ich aber nicht“, sagt Tiede mit einem Schmunzeln.

„Erst wenn wir genau wissen, wie der Boden strukturiert ist und feststeht, welche Zwecke das Verwaltungszentrum erfüllen soll, können wir einen Generalübernehmer suchen, der es für die Stadt baut“, sagt Schmidt-Lamontain. Deshalb werde derzeit die Bürgerbeteiligung vorbereitet, die im Herbst starten soll. „Wir wollen wissen, wie sich die Bürger die Verwaltung der Zukunft vorstellen“, so der Baubürgermeister. Die Vorstellungen sollen in die Pläne einfließen. Liegen dann die Entwürfe der Interessenten vor, werden die Dresdner erneut befragt, sagt Schmidt-Lamontain zu. Sie können sich äußern, was ihnen gefällt und was nicht. Danach kann es Änderungen geben. Mit einem Baubeginn rechnet er nicht vor 2020.

162 Millionen Euro sind dafür eingeplant, einen neuen Verwaltungssitz zu bauen. Es aber auch bereits Berechnungen, dass der Bau am Ferdinandplatz bis zu 200 Millionen Euro kosten kann. Dort sollen dann möglichst die Ämter untergebracht werden, die viel Publikumsverkehr haben. Die Verwaltung will im Zentrum zusammenrücken. Derzeit sind die rund 6 500 Mitarbeiter auf 56 Standorte – wie im World Trade Center – quer über das Stadtgebiet verteilt. Die meisten Gebäude sind gemietet. Dafür zahlt die Stadt knapp 5,7 Millionen Euro im Jahr. Künftig dürfte es eher mehr werden, da die Mieten allgemein steigen. Deshalb, für eine bürgerfreundlichere Verwaltung und um moderne und gute Arbeitsplätze zu schaffen, gab es die Idee des Neubaus. Für das Filetgrundstück in der Innenstadt gab es durchaus andere Interessenten und ursprünglich waren dort auch mal Wohnungen geplant. Aber die Stadt und der Stadtrat haben sich für das Verwaltungszentrum entschieden.

Zudem soll das zweite Rathaus auch als Ersatz für das ehemalige Technische Rathaus an der Hamburger Straße entstehen. Die ersten Darstellungen, wie die Gebäude gegliedert werden sollen, sorgten bereits für heftige Diskussionen. Die gezeigten Glasfassaden sorgten bei vielen Dresdnern für Widerspruch. Die Verwaltung betont, dass dies nur Entwürfe seien, auf deren Grundlage geplant wird. Wie genau die drei geplanten Gebäude aussehen werden, entscheidet sich noch. Klar ist auch, dass ein neuer Platz entstehen soll, mit anderen Wegebeziehungen als jetzt. Die Innenstadt soll neben dem Karstadt-Gebäude aufgewertet werden.

Dafür fallen aber ab Herbst 2019, wenn die Grabungen losgehen, die bisherigen Parkplätze auf dem Platz weg. „Dann müssen die Autofahrer woanders parken“, sagt Schmidt-Lamontain. „Es gibt genug Kapazität – die Tiefgaragenunter Alt- und Neumarkt sind nicht komplett ausgelastet.“ Dort ist das Parken aber teurer.