merken

„Bombe um den Hals und bumm“

Die Aggression des pöbelnden Mobs hat eine neue Dimension erreicht. Sie saufen und randalieren, greifen die Polizei an und rufen „Sieg Heil“. Nicht mal Tränengas hält sie auf.

© dpa

Von Alexander Schneider und Tobias Wolf

Anzeige
Eine Frage der Ehre

Ist Russland immer an allem schuld? Die IHK Dresden möchte am 05.11.2019 gemeinsam mit Russland-Interessierten diskutieren und Erfahrungen austauschen.

Auf Kommando stürmen sie auf die Bundesstraße. Sie zünden Böller, werfen Steine und Flaschen gezielt auf Polizisten. Mehr als hundert Gewalttäter grölen „Wir sind das Volk!“ und „Ausländer raus!“ und „Nationaler Widerstand!“ Es ist Sonnabend um 22.45 Uhr. Wieder eskaliert die Gewalt vor dem kurzfristig als Flüchtlingsunterkunft eingerichteten ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Heidenau.

Es sind die gleichen Szenen wie schon in der Nacht zuvor. Es gibt kein Halten. Vermummte in Hooligan-Staffage zerschlagen Steine auf der Straße und schleudern die faustgroßen Brocken auf Polizisten. Einziger Unterschied zum Vorabend: Inzwischen sind mehr als 200 Männer, Frauen und Kinder in der Unterkunft eingetroffen.

Die letzten beiden Busse aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz haben erst am Abend den früheren Baumarkt gleich gegenüber vom Real-Markt erreicht. Während dort noch viele ihren Wochenendeinkauf erledigten, sammelten sich gegenüber auf dem Parkplatz des Hammer-Marktes Menschen, die von der Polizei offiziell „Asylkritiker“ genannt werden. Das Gelände grenzt an das Flüchtlingsnotlager, das mit einem Bauzaun notdürftig geschützt ist. Weiße Folie soll die Sicht darauf verdecken. Davor steht die Polizei mit einem Großaufgebot.

Zu wenige Einsatzkräfte

Auch Gegendemonstranten sind da. Etwa 150, viele aus Dresden und Leipzig, die nach den Ausschreitungen der Nacht zuvor spontan nach Heidenau gereist sind. Die von der Polizei kurz „Pro-Asyl“ genannte Gruppe steht auf der gegenüberliegenden Seite der vielbefahrenen ehemaligen B 172. Manche sprechen mit Flüchtlingen, erklären ihnen ihre Solidarität. Landtagsabgeordnete wie Albrecht Pallas und Henning Homann von der SPD, Julia Nagel und Lutz Richter von der Linken, Valentin Lippmann von den Grünen beobachten das Geschehen. Sie kritisieren, die Polizei sei nicht in der Lage, die Sicherheit zu garantieren. Schon am Freitagabend hätten Wasserwerfer gefehlt, um den Mob in Schach zu halten. Angeblich wurden sie angefordert, aber nicht losgeschickt. Stattdessen muss die Polizei zu Tränengas und Pfefferspray greifen, um die Angriffe von rund 600 Gewalttätern abzuwehren. Nur 135 Beamte standen am Freitag den Randalierern gegenüber. Am Sonnabend sind es gerade mal 40 Beamte mehr. Dass sich die Schaulustigen wieder auf dem Hammer-Gelände versammeln können, verhindern die Beamten nicht.

Noch ist es friedlich. Ganze Familien aus Heidenau sind gekommen, um ihre Neugier zu befriedigen. Aber auch viele ohne Anhang, junge Männer. Hooligans, dunkel gekleidet, mancher trägt Sonnenbrille und, schon, Handschuhe. Erst sind es etwa Hundert, dann 150. Mit der einbrechenden Dunkelheit werden es immer weniger Kinder, der Anteil der Hooligans nimmt weiter zu – laut Polizei bis zu 250. Noch brüllt keiner Nazi-Parolen. Doch die Ruhe trügt.

Schon gegen 21 Uhr beraten die Störer, wie sie am besten die Polizei angreifen können. Viele sind angetrunken. Immer wieder organisieren einige Alkoholnachschub im Real-Markt. Mehrere Gruppen schwarz gekleideter junger Männer reden über ihre Pläne – in sächsischem Akzent. Das Ziel: Polizei, Linke und „Asylanten“. Einer vermutet: „Es geht gleich los.“ Es ist gegen halb elf. Ein anderer fürchtet etwas zu verpassen, wenn er zu früh nach Hause geht: „Alter, nee, dann lesen wir morgen wieder, dass es um eins Krawalle gab. Da beiß‘ ich mir in den Arsch.“ Sie diskutieren, wie sie die Straße sperren können. Es sei noch zu gefährlich, zu viele Autos. Auch die Pro-Asyl-Demo auf der anderen Seite der Straße wird genau beobachtet. „Die Bullen werden schön auf die da drüben aufpassen.“ Die Polizisten stehen gestaffelt, um alles im Blick zu behalten. Die Rechtsextremisten tummeln sich direkt an der Fahrbahn, an der immer noch der Verkehr rauscht. Es gibt auch von dort Reaktionen. Ein Mann etwa schreit im Vorbeifahren „Sieg Heil!“ aus seinem Kombi mit Pirnaer Nummer.

Geplanter Angriff auf die Polizei

Es ist eine bizarre Szenerie. Ausgelassen unterhalten sich angetrunkene Männer über Schlägereien mit Fußballfans – und, was sie mit Ausländern tun würden, bekämen sie einen zu fassen. „Bombe um den Hals und bumm“, sagt einer und lacht dabei. „Einfach die Fresse weg.“

Dann wird es konkret. Wie am Freitag wollen die Gewalttäter jetzt wieder die Straße blockieren. „Wir müssen die Bauzäune zu zweit nehmen, einer rechts, einer links – und den Verkehr irgendwie abbremsen.“ Mancher drängelt , man solle sofort loslegen. Ein anderer bremst: „Wenn wir jetzt rausgehen, sind die Bullen sofort da.“ Weitere Verstärkung sei noch unterwegs, sagt ein Dritter. Wieder trifft Alkoholnachschub aus dem benachbarten Real-Markt ein. Bier, auch Härteres.

Immer mehr Leute stehen plötzlich an der Hauptstraße. Unter Adrenalin. Es ist 22.45 Uhr. Es beginnt mit Provokationen gegen Polizisten. „Die sollen sich verpissen.“ Es bleibt nicht bei Worten. „Es geht los“, schreit einer. Flaschen und Steine fliegen. Die Rechtsextremisten stürmen mit Gebrüll die Straße. Werfen unzählige Böller auf die Beamten. Es knallt und donnert, als würde Sprengstoff gezündet. Absperrungen der Baustelle werden weggerissen und auf die Straße geschleudert. Immer wieder explodieren Böller und tauchen die Rauchschwaden in grelles Licht. Minutenlang geht das so. Die Uniformierten haben Mühe, die Straße zurückzuerobern. Sie drängen den Mob auf den Hammer-Parkplatz und die Straße Richtung Dresden ab. Die Störer versprühen mehrere Feuerlöscher und vernebeln die Sicht. Schleudern weiter Böller und Steine in den Nebel.

Nach einer halben Stunde sind die Beamten bis zur nächsten Kreuzung vorgerückt. Aus Nebenstraßen sind noch immer Böller zu hören. Nur vereinzelt irren Autofahrer über die mit Scherben, Schutt und Absperrungen übersäte Staatsstraße. Gleichzeitig sammeln sich mutmaßliche Randalierer am Parkplatz des angrenzenden Roller-Baumarks. Offensichtlich weitgehend unbehelligt. Inzwischen ist es kurz vor Mitternacht. Während die Polizei die Angreifer in Schach hält, rollt schon ein Reinigungsfahrzeug vom städtischen Bauhof an und kehrt Glas und Böller weg.

Bilanz dieser Nacht: Zwei verletzte Beamte, 65 Platzverweise, eine Festnahme. Die Polizei ermittelt wegen Sieg-Heil-Rufen und Hitlergrüßen, die immer unverhohlener gezeigt werden. Ob die Gewalttaten mit aller Härte verfolgt werden können? Allen Beteuerungen der Politik zum Trotz: Zur Strafverfolgung wegen schweren Landfriedensbruchs etwa kam die Polizei in dieser Nacht offensichtlich nicht. Man darf gespannt sein, ob es den Beamten gelingt, einzelne Täter aus der Masse zu zerren. Viele werden unerkannt davonkommen.

Gewaltausbruch nach NPD-Demo

Wie schon in der Nacht zuvor. Am Freitagabend hatten mehr als 1 000 „Asylkritiker“ an einer zunächst friedlichen NPD-Demo teilgenommen. Vor dem Haus von Bürgermeister Opitz skandierten sie „Volksverräter“. Nach der Demo zogen rund 600 Störer zur Hauptstraße und wollten mit einer Blockade die Ankunft der ersten Busse mit Migranten aufhalten. Schon da wurden Polizisten angegriffen. Ein Polizeisprecher berichtete am Sonnabend von mehr als 30 verletzten Beamten, mindestens einer schwer: Er soll von einem Wurfgeschoss im Gesicht getroffen worden sein.

Die Stadt kommt nicht zur Ruhe. Auch für gestern Abend kündigte die Polizei einen weiteren Großeinsatz an, um die Unterkunft zu schützen.