merken

Bootet die Unischule die Oberschule aus?

Noch gibt es viele offene Fragen bei dem Schulversuch, der im August in der Johannstadt starten soll. Eltern wehren sich.

© Christian Juppe

Von Nora Domschke und Andreas Weller

Anzeige
"Kinder haben keine Scheu zu helfen!"

Können Kinder Erste Hilfe? Logo, ist die Notfallcrew überzeugt und bietet mit dem Pflasterpass spannende Erste-Hilfe-Kurse für Kinder an.

Ferien ohne feste Zeiten, eine Schule mit Unterricht, vor allem aber freier Lernzeit – ob und wie das alles funktionieren kann, soll an der neuen Universitätsschule von Wissenschaftlern der TU Dresden untersucht werden. Am 1. August soll diese am Standort der 101. Oberschule in der Pfotenhauerstraße 42 an den Start gehen. Träger ist die Landeshauptstadt. Aber wie genau die vom Stadtrat beschlossene „enge Kooperationsphase mit der 102. Grund- und 101. Oberschule“ innerhalb des Plattengebäudes in der Johannstadt aussehen soll – oder ob diese überhaupt geplant und gewünscht ist, scheint ungeklärt zu sein.

Die Eltern der Oberschule fürchten, dass die Schüler einfach verdrängt werden. Denn die Unischule will ein Forschungsprojekt mit klaren Aufnahmekriterien. Danach wird „angestrebt“, Klassen zu bilden, in denen gleich viele Mädchen und Jungen sind, diese einem sozialen Schlüssel der Bevölkerung entsprechen – nach Bildung der Eltern, Behinderungen und Migrationshintergrund. Es sollen Klassen werden, die dem Durchschnitt der Dresdner entsprechen. „Wir haben einen sehr hohen Anteil an Ausländerkindern an der Schule“, so Elternsprecher Jürgen Freiherr von Kallenberg. „Wenn die Schule nicht komplett integriert wird, machen wir das nicht mit.“ Das wurde bei der Elternversammlung beschlossen. Grundsätzlich seien die Eltern offen für die Unischule, aber nur, wenn alle Johannstädter Schüler daran teilhaben können. „Eine Aufteilung: einige dürfen, andere nicht, akzeptieren wir nicht“, so der Elternsprecher. „Einige Eltern suchen bereits eine andere Schule für ihre Kinder. Das ist schade.“ Er kritisiert fehlende Informationen von Stadt und Uni.

Bis zum 31. Januar muss Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) dem Stadtrat berichten, wie diese Kooperation konkret ausgestaltet werden könnte. „Derzeit kann ich da nur mit den Schultern zucken. Die Stadt ist für den Inhalt nicht zuständig, kann keine Kooperation anweisen. Das muss von der Unischule selbst kommen.“ Er steht dem Schulversuch an dem Ort skeptisch gegenüber. „Oft wird gesagt, das bringe Hilfe für die Johannstädter Schulen, weil es durch den hohen Migrantenanteil Probleme gebe. Wegen des Konzeptes kann das aber gar nicht funktionieren.“ Im Juni vergangenen Jahres hatte er auf eine Anfrage von SPD-Stadträtin Dana Frohwieser erklärt, dass eine schnelle Gründung im Schuljahr 2018/19 unrealistisch sei.

Der Stadtrat entschied, dass es doch gehen muss. Anke Langner vom Institut für Erziehungswissenschaft ist für das Forschungsprojekt verantwortlich und hält sich zur Kooperation bedeckt. „Angebote vonseiten der Universität, das meint in erster Linie Unterstützung in der Unterrichts- und Schulentwicklung der 101. Ober- und 102. Grundschule, wurden bereits beiden Schulen unterbreitet.“ Heißt das: Unterstützung von der Universität ja, Zusammenwachsen der Schulen nein?

Wie genau die angesprochene Kooperation aussehen könnte, müsse von den neuen Schulleitern und den beiden Kolleginnen vor Ort vereinbart werden, erklärt Anke Langner. Wann die Leiter an der Universitätsschule ihren Dienst antreten, kann Petra Nikolov vom Landesamt für Schule und Bildung nicht beantworten. Anfang kommender Woche wollen sich Universitätsschule, Stadt und Landesamt dazu äußern, teilt die Sprecherin mit. Angela Wenk, Leiterin der 102. Grundschule, warnt vor großer Euphorie: „Wir müssen realistisch bleiben.“ Sie könne nachvollziehen, dass die Universitätsschule zunächst separat zur bestehenden Grund- und Oberschule gegründet werden muss. Dennoch sei die Angst groß, dass dadurch die beiden bestehenden Schulen noch mehr abgehängt werden, weil Eltern ihre Kinder nur noch an der Universitätsschule anmelden wollen. Schon jetzt strahle der Ruf des Projektes auf die Johannstadt aus. „Wir haben viele neue Anmeldungen, auch von deutschen Eltern“, berichtet die Grundschulleiterin. Ob diese Kinder von der Forschungsschule profitieren, sei unklar. „Dazu gibt es noch zu viele offene Fragen.“

Noch mehr wird allerdings die 101. Oberschule von der zusätzlichen Schule betroffen sein. In ihren Räumen sollen die Erst- und Fünftklässler der Universitätsgrund- und -oberschule ab August lernen. „Nebeneinander kann das nicht funktionieren“, so Elternsprecher von Kallenberg. CDU-Stadträtin Heike Ahnert warnt davor, dass das Haus in spätestens zwei Jahren zu klein wäre. „Wir brauchen Klarheit, wie es mit den Schülern am Johannstädter Standort weitergeht.“ Den Schulleiterinnen sei inzwischen deutlich kommuniziert worden, dass eine Zusammenarbeit unerwünscht ist. Das bestätigt auch Grundschulleiterin Angela Wenk. Juliana Dressel-Zagatowski, Leiterin der 101. Oberschule, will sich vor der Sitzung des Stadtrates an diesem Donnerstag nicht dazu äußern.

Dann sollen die Stadträte dem Konzept der Universitätsschule zustimmen. Danach stehen noch die Genehmigungen durch das Kultusministerium und die obere Schulbehörde aus. Von Kallenberg kündigt an, dass die Eltern sich wehren werden, sollten die Befürchtungen eintreten. „Wir überlegen, auf die Straße zu gehen.“ Auch ein Schul-Streik sei denkbar.