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Deutschland & Welt

Brasilien wird zum Testlabor der Welt

Brasilien gilt als Negativbeispiel im Umgang mit dem Coronavirus. Jetzt laufen dort so viele Tests mit möglichen Impfstoffen wie in keinem anderen Land.

Ein Freiwilliger lässt sich im Institut für Infektiologie Emilio Ribas mit einem Corona-Impfstoff des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac impfen. Daneben testen weitere Firmen im Land mögliche Corona-Impfstoffe.
Ein Freiwilliger lässt sich im Institut für Infektiologie Emilio Ribas mit einem Corona-Impfstoff des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac impfen. Daneben testen weitere Firmen im Land mögliche Corona-Impfstoffe. © Andre Lucas/dpa

Dem Virus, sagt Denise Abranches, begegnet sie jeden Tag. "Es ist ein täglicher Kampf", sagt sie. Abranches koordiniert die Abteilung für Zahnmedizin des Hospital São Paulo und säubert als Zahnchirurgin den Mund von Corona-Patienten, damit kein zusätzliches Infektionsrisiko entsteht.

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie in dem Krankenhaus. Als sie hört, dass das Hospital mit der Universidade Federal de São Paulo an einer sogenannten Phase-III-Studie für einen an der Universität Oxford entwickelten Corona-Impfstoff teilnehmen wird, meldet Abranches sich gleich. Auch weil sie und ihre Kollegen Zeugen vieler trauriger Szenen wurden, vieler einsamer Tode: "Das berührt einen sehr."

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Tausende Freiwillige aus dem Gesundheitssektor

Die 47-Jährige ist die erste Freiwillige in Brasilien, die die Impfung bekommen hat - ob tatsächlich den Wirkstoff oder ein wirkungsloses Mittel für Kontrollwerte zum Vergleichen, weiß sie allerdings nicht. "Es ist ein Privileg in diesem wichtigen Moment nicht nur für uns Brasilianer, die wir Protagonisten sind, sondern auch für die Welt, die auf eine Impfung wartet", sagt Abranches der Deutschen Presse-Agentur.

Tausende Freiwillige aus dem Gesundheitssektor und anderen Bereichen, in denen man dem Coronavirus verstärkt ausgesetzt ist und die sich noch nicht infiziert haben, haben wie Abranches in den vergangenen Wochen - oder werden in den kommenden Wochen - eine Impfung bekommen. Brasilien ist zum Testlabor der Welt geworden.

Den von Forschern aus Oxford entwickelten Impfstoff testet das Pharmaunternehmen AstraZeneca im größten und bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas bereits seit Juni. Am 20. Juli hat zudem der chinesische Pharmakonzern Sinovac in Brasilien die entscheidende Phase-III-Studie für seinen Impfstoff gestartet. In dieser Phase, die auf die Zulassung eines Wirkstoffs abzielt, wird die Wirksamkeit an einer großen Gruppe von Menschen ermittelt.

Zuletzt erteilte die brasilianische Überwachungsbehörde für Gesundheit auch die Genehmigung für den Test einer Substanz des Mainzer Biopharma-Unternehmens Biontech und des US-Konzerns Pfizer. Auch diese Studie hat nach Medienberichten bereits begonnen. Wie Sue Ann Clemens, Mitglied des Komitees von Curevac, der dpa bestätigte, plant auch das Tübinger Biotech-Unternehmen, von September oder Oktober an einen Impfstoff-Kandidaten in Brasilien zu testen.

Hohe Infektionszahlen ist für Tests von Vorteil

Brasilien ist neben den USA derzeit einer der Brennpunkte der Corona-Pandemie. Mehr als drei Millionen Menschen haben sich nach offiziellen Angaben infiziert, mehr als 100.000 Patienten sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Die tatsächlichen Zahlen dürften noch weit höher liegen, auch weil in dem Land sehr wenig getestet wird. Vielerorts steigt die Kurve der Infektionszahlen noch an, was für die entscheidende Phase der Impfstoff-Tests ein Vorteil ist.

Dass Brasilien über exzellente Forschungseinrichtungen wie das Instituto Butantan und die Fundação Oswaldo Cruz (Fiocruz) verfügt, die in São Paulo (Sinovac) und Rio de Janeiro (AstraZeneca) die Federführung der Tests haben, hat das Land schon in der Vergangenheit gezeigt. Brasilien war bei Gesundheitskrisen etwa durch HIV oder Zika ein Vorreiter unter den Schwellenländern.

Das steht im krassen Gegensatz zum umstrittenen Krisenmanagement von Präsident Jair Bolsonaro, der das Coronavirus als "kleine Grippe" verharmloste, Einschränkungen und Schutzmaßnahmen ablehnte und das Malariamittel Hydroxychloroquin zur Covid-19-Behandlung anpries, obwohl positive Auswirkungen nicht erwiesen sind und die Substanz starke Nebenwirkungen hat. Seine Regierung setzt auf Verschwörungstheorien und Fake News statt auf wissenschaftliche Fakten.

Der Kampf gegen das Virus wird zum Alltag

"Ich glaube an die Wissenschaft", sagt hingegen Denise Abranches. Seit fünf Monaten ist sie fast nur zwischen Krankenhaus und Zuhause unterwegs, der tägliche Kampf gegen das Virus ist ihr Alltag. Sie hofft, dass die Impfstoff-Tests erfolgreich sind, damit sie bald wieder Familie und Freunde treffen kann. Brasilien bereitet sich schon darauf vor, einen Impfstoff zu produzieren. Es hat Abkommen getroffen, um im Falle erwiesener Wirksamkeit Millionen von Impfdosen zu bekommen.

So wartet etwa die Fundação Oswaldo Cruz darauf, dass der Impfstoff von AstraZeneca zugelassen wird, um mit der Herstellung zu beginnen. Die Impfstoff-Fabrik der Fiocruz in der Nordzone Rios gilt als größte Lateinamerikas. Im vergangenen Jahr wurden hier fast 110 Millionen Dosen Impfstoff für das öffentliche brasilianische Gesundheitssystem hergestellt, zudem produziert Bio-Manguinhos dem Portal "G1" zufolge 80 Prozent der weltweiten Gelbfieber-Impfungen.

Mit Blick auf den Corona-Impfstoff sagt der stellvertretende Produktionsleiter Luiz Lima: "Das ist möglicherweise die größte Herausforderung in der Geschichte von Bio-Manguinhos. Der große Vorteil ist, dass wir schon ähnliche Erfahrungen wie im Falle des Gelbfiebers gemacht haben und unser ganzes Wissen nutzen können." (dpa)

  So berichten wir über die Corona-Krise:

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