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„Brauchen mehr Gemeinschaftskunde“

Politische Bildung kommt an Sachsens Schulen zu kurz, sagt Professorin Anja Besand. Sie will das mit anderen Experten ändern. Ein Interview.

© Foto: privat

Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) will die politische Bildung stärken. Dafür hat sie ein Expertengremium berufen, in dem Wissenschaftler, Bildungsbeamte und Fachlehrer mit Eltern- und Schülervertretern zusammenarbeiten. Es soll bis zum Sommer dieses Jahres ein Handlungskonzept erstellen. Die SZ hat mit Anja Besand gesprochen, die an der TU Dresden Professorin für Didaktik der politischen Bildung ist und in dem Gremium mitarbeitet.

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Viele befürchten mit dem neuen Fokus auf politische Bildung eine Rückkehr zur Staatsbürgerkunde. Zu Recht?

Ja, das hört man immer wieder. Es gibt in der Bevölkerung die Sorge, dass es im Kontext der politischen Bildung eine Bevormundung gibt. Daran sieht man, welche Erfahrungen die Menschen mit dem Gegenstand Politik in der Schule gemacht haben. Vor diesem Hintergrund muss man das verstehen und auch ernst nehmen, aber die Politische Bildung hat heute im Unterschied zur Staatsbürgerkunde feste Prinzipien, den Beutelsbacher Konsens.

Was heißt das?

Seit 1976 im Westen und seit 1989 im Osten gibt es einen Berufsethos, den wir als Beutelsbacher Konsens bezeichnen. Der besteht aus drei Punkten. Erstens, das Überwältigungsverbot: Das heißt, Schüler dürfen in keiner Weise an der Gewinnung eines eigenen Urteils gehindert werden. Zweitens, das Kontroversitätsgebot: Alles, was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Es geht also nicht um die Meinung des Lehrers, gleichzeitig ist aber auch wichtig den Unterschied zur Neutralität zu verstehen. Da geht manchmal was durcheinander. Es gab in den letzten zwei Jahren in Sachsen Lehrkräfte, die dachten, sie müssen sich politisch neutral verhalten, deswegen sprechen sie die gegenwärtige polarisierte Situation im Unterricht nicht an. Das ist aber falsch. Die Aufgabe ist es ja, die Kontroverse in den Unterricht zu bringen. Ich verstehe, dass das schwierig und auch emotional belastend ist – und das ist der nächste Punkt.

Inwiefern?

Wir versuchen, in der politischen Bildung in Deutschland Politik besonders nüchtern zu vermitteln. Dafür haben wir historisch gesehen auch gute Gründe. Manchmal schießen wir aber übers Ziel hinaus: wenn politische Bildung vermittelt wird wie Physik. Also: Es gibt Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung, die Kräfteverhältnisse sind so. Dann sind das Fakten – da ist nichts strittig. Das geht nicht. In der politischen Bildung geht es darum, die verschiedenen Perspektiven sichtbar zu machen, nicht nur um Institutionenkunde.

Wie steht es um die politische Bildung in Sachsen?

Bei uns heißt das Fach Gemeinschaftskunde und wird ab Klasse 9 unterrichtet. Da ist noch Luft nach oben. Es gibt unterschiedliche Rechnungen, aber es bleibt bei: Wir sind das Land mit extrem wenig ausgewiesenen Stunden für politische Bildung. Es gibt eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung, die versucht hat, die Unterrichtsstunden zu beziffern. Das ist schwierig, weil in den Bundesländern die Stundentafel unterschiedlich geregelt ist. Trotzdem stimmt die Tendenz. Sachsen hat demnach ungefähr 50 Stunden Gemeinschaftskunde bis zum mittleren Bildungsabschluss. Nordrhein-Westfalen hat ungefähr 250 nur im Fach politische Bildung.

Die Ministerin sagte, politische Bildung darf sich nicht auf einzelne Unterrichtsfächer beschränken, sondern muss Unterrichtsprinzip aller Fächer sein.

Das ist eine gute, auch schon alte, Idee. Wenn es aber keine ausgewiesene Zuständigkeit gibt, dann macht das keiner. Man überlässt es der Beliebigkeit. Wir müssen genau gucken, welche Erfahrungen wir in Sachsen mit diesem Ansatz gemacht haben. Nicht jeder Lehrer macht sich diese Bildungsaufgabe begeistert zu eigen. Es ist ja auch nicht so leicht, im Matheunterricht politische Bildung zu machen. Deswegen müssen wir überlegen, an was es hängt und was wir tun können, damit die Lehrkräfte sich damit sicherer fühlen und politische Bildung einen größeren Stellenwert in sächsischen Schulen bekommt.

Das ist Aufgabe des zwölfköpfigen Expertengremiums, das die Kultusministerin berufen hat.

Ich freue mich, dass die Kultusministerin diese Initiative gestartet hat. Ich begrüße es auch sehr, dass es erst einmal offen ist, welche Instrumente oder Maßnahmen wir uns einfallen lassen. Wir führen eine offene Diskussion. Es ist noch nicht klar, zu welchem Ergebnis wir kommen; ob es am Ende nicht heißt, wir brauchen mehr Stunden im Fach Gemeinschaftskunde. Da gibt es viele Ideen.

Zum Beispiel?

Wenn es tatsächlich Aufgabe der ganzen Schule ist und jeder Lehrer die Aufgabe hat, politische Bildung an die Schüler heranzutragen, dann müssen wir die Lehrkräfte auch so ausbilden. In Hessen ist es selbstverständlich, dass jeder Lehramtsstudent – egal, welche Fächer er studiert – auch ein Modul politische Bildung belegen muss. Das ist auch in Sachsen organisatorisch machbar. Ich finde aber auch, dass wir nicht daran vorbeikommen, ernsthaft darüber zu sprechen, ob wir dem Fach mehr Zeit einräumen und damit eine klare Zuständigkeit sichtbar machen.

Welchen Einfluss hat politische Bildung auf die Einstellungen der Schüler?

Was hat mehr Einfluss: die Schule, die Eltern, die Medien? Die Elternhäuser sind verantwortlich für die politische Sozialisation. In der Diskussion heißt es oft, wenn sie das nicht ordentlich hinkriegen, kann die Schule nichts mehr ändern. Das ist keine falsche Aussage. Aber: Damit können wir uns ja nicht zufriedengeben. Wenn wir als Gesellschaft sicherstellen wollen, dass junge Menschen mit einem Grundinstrumenten-Kasten ausgestattet werden, mit denen er oder sie sich politische Gegenstände selbstständig erschließen kann, dann können wir nichts anderes machen, als ihnen das in der Schule anzubieten.

Was sind diese Grundinstrumente?

In der politischen Bildung stehen wir vor der Herausforderung, dass wir die Schüler auf die Probleme der Zukunft vorbereiten müssen, ohne diese heute schon selbst zu kennen. Wir müssen ihnen Instrumente geben, damit sie sich die immer wieder neu und selbst erschließen können. Das muss geübt werden, etwa mit Fragen wie: Wer ist bei einem politischen Problem eigentlich beteiligt? Wer hat welche Interessen? Wer hat welche Macht? Wie lässt sich Partizipation organisieren? Eine andere Strategie besteht darin, Basiskonzepte des Politischen zu behandeln – das ist ein bisschen so wie die Grundrechenarten in Mathematik. Die Leitfrage ist hier: Was muss ich eigentlich verstanden haben um später auch komplexe politische Fragen zu verstehen? Zum Beispiel: der Unterschied zwischen privat und öffentlich. Wenn ich den nicht verstehe, dann verstehe ich auch nicht den Unterschied zwischen Regeln und Gesetzen oder zwischen einer Schlägerei und einem Krieg – das eine ist privat, das andere öffentlich. Damit will ich sagen, wir haben schon Antworten darauf, was man Menschen mitgeben kann, damit sie fähig sind, selbstbestimmt politische Phänomene zu entschlüsseln und herauszufinden, wo sie in einem spezifischen politischen Konflikt selbst stehen wollen.

Das Gespräch führte Andrea Schawe.