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Wirtschaft

Braucht Deutschland eine Siesta?

Manche Berufe bringen ein stark erhöhtes Krebsrisiko mit sich: Ärzte plädieren deshalb im Zuge des Klimawandels für mehr Prävention und neue Denkansätze.

©  dpa/Sebastian Kahnert (Symbolfoto)

Von Christina Sticht, dpa

Hannover. Angesichts der rapide gestiegenen Zahl von Hautkrebspatienten haben Mediziner mehr Sonnenschutz für im Freien arbeitende Menschen gefordert. "Das Sonnenlicht wird unterschätzt. UV-Strahlung ist ein krebsauslösender Stoff wie zum Beispiel Lösungsmittel oder Pestizide", sagte Christoph Skudlik, Professor am Institut für interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation an der Universität Osnabrück. Die tolerable Dosis werde regelmäßig bei im Freien tätigen Menschen überschritten.

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Hautkrebs durch UV-Strahlung ist seit 2015 als Berufskrankheit anerkannt. Wie die Gesetzliche Unfallversicherung (GUV) am Mittwoch mitteilte, wurden im vergangenen Jahr 4.255 Fälle bestätigt. Hinzu kommen laut der zuständigen Sozialversicherung SVLFG 1.465 anerkannte Hautkrebs-Fälle bei Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau.

Häufigste angezeigte Berufskrankheit

Allein der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) wurden 2018 knapp 2.944 neue Verdachtsfälle gemeldet, im ersten Halbjahr 2019 waren es bereits etwa 1.400 Meldungen. Damit habe Hautkrebs Lärmschwerhörigkeit als am häufigsten angezeigte Berufskrankheit abgelöst, sagte BG-Bau-Sprecherin Christiane Witek. Die Genossenschaft berät Unternehmer, informiert Azubis und bietet Vorsorgeuntersuchungen an - etwa eine halbe Million Beschäftigte nehmen sie jährlich in Anspruch.

Vielen Experten geht das nicht weit genug. Skudlik plädiert dafür, dass Hautkrebs-Screenings bei den sogenannten Outdoor-Workers zur Pflicht werden. Zudem sollten Arbeitgeber für Schatten sorgen sowie UV-Schutzkleidung ausgeben. "Wir müssen die Arbeitszeiten verändern und über eine Siesta nachdenken", sagte Ralph von Kiedrowski, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen (BVDD). Maurer in den Mittelmeer-Ländern bekommen laut einer Studie nicht wesentlich mehr UV-Strahlung ab als in Deutschland, vermutlich weil sie zwischen 11 und 16 Uhr eine lange Mittagspause machen.

Schwarzer Hautkrebs: stark gestiegene Zahlen

Zurzeit gibt es in Deutschland etwa 300.000 Neudiagnosen von Hautkrebs jährlich, davon betreffen laut BVDD etwa 23.000 Fälle schwarzen Hautkrebs. Nach einer Auswertung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) ist die Zahl ihrer Versicherten, die zwischen 2006 und 2016 wegen Hautkrebs in ärztlicher Behandlung waren, stark gestiegen: beim schwarzen Hautkrebs bundesweit um 108 Prozent, beim weißen Hautkrebs sogar um 160 Prozent. Auch die Techniker Krankenkasse berichtet von einem Anstieg.

Hintergrund ist wahrscheinlich auch, dass weit mehr Patienten zur Vorsorge gehen. Seit 2008 haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf ein Hautkrebs-Screening, das bei dafür qualifizierten Haus- und Hautärzten erfolgt. Allerdings nutzten viel zu wenige Patienten dieses Angebot, kritisierte von Kiedrowski. Der Berufsverband der Deutschen Dermatologen berät Kindergärten bei der Prävention. Das Interesse sei riesig, allein in diesem Jahr wurden dem Verband zufolge schon 300 Kitas erreicht. Es gebe auch viele Anfragen von Grundschulen.

Frühe Diagnose = hohe Heilungschancen

Beim schwarzen Hautkrebs werden rund 3.000 Todesfälle pro Jahr in Deutschland registriert. Mehr als 70 Prozent aller Fälle werden laut BDD aber früh erkannt, die Aussichten auf Heilung liegen dann zwischen 86 und 100 Prozent. Auch beim weißen Hautkrebs liegen die Heilungschancen bei 95 Prozent. Er tritt meist im höheren Alter ab etwa 50 Jahren auf, häufig am Kopf oder Hals.

"Die Haut vergisst nicht", betont von Kiedrowski. Die Lichtbelastung von Jahrzehnten addiere sich. Er glaubt nicht, dass die Hautkrebs-Diagnosen in den nächsten Jahrzehnten wieder sinken werden, weil sich Menschen besser schützen. "Nach einem sehr schönen Sommer ist das Sonnenkontingent eigentlich schon aufgebraucht", meint der Mediziner. Doch dann folgten bei vielen noch im Herbst und Winter Flugreisen in den Süden oder der Skiurlaub in den Bergen. Im Schnee kann durch Streuung und Reflexion der Strahlen eine um über 80 Prozent höhere UV-Strahlung erreicht werden.