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Braucht die Oberlausitz eine Konzertarena?

Die Kemnitzer bekommen nicht alle Stars zum Oktoberfest in ihr Festzelt. Da liegt der Gedanke nach einem viel größeren Veranstaltungsort nahe. In Löbau und Görlitz sieht man das kritisch.

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© Fotos: Rolf Ullmann/SZ-Archiv; Montage: SZ-Bildste

Von Steffen Gerhardt

Was wäre, wenn Rammstein in der Oberlausitz spielen würde? Oder Andrea Berg oder Helene Fischer oder Silbermond? Dann sei als Erstes die Platzfrage zu klären: Wo können diese Künstler auftreten, die inzwischen nicht mehr nur mit dem Kleinbus unterwegs sind? Die Kemnitzer Oktoberfest-Macher sind überzeugt, dass für diese Gesangskünstler es an geeigneten Auftrittsorten in der Oberlausitz fehlt. Zwar hatten sie Helene Fischer schon zweimal zu Gast, aber zu einer Zeit, als die Sängerin noch keine Stadien füllte. Fährt sie oder Andrea Berg auf Tournee, eilt ihr ein Tross von gut 20 Lastzügen voraus. Ebenso gigantisch ist die Bühne, die für sie gebaut wird. Die Kemnitzer haben es selbst erfahren, wie Thomas Kneschke vom Förderverein Oberlausitzer Oktoberfest erzählt: „Wir wollten DJ Bobo zu uns holen, aber das ist daran gescheitert, dass unser Zelt zu klein für seinen Bühnenaufbau war.“ Trotzdem ist Kneschke überzeugt, dass für Künstler mit großen Shows auch in der Oberlausitz ein Platz geschaffen werden sollte, um sie hier zu haben.

Also eine Lausitz-Arena bauen? Ja, sagt Kneschke. „Wir wollen, dass die Leute hier arbeiten und leben. Dazu gehört auch ein ansprechendes Kulturangebot“, unterstreicht er. Wer große Shows sehen will, muss nach Dresden, Leipzig und Berlin fahren – oder nach Wroclaw (Breslau), wo Rammstein im neuen EM-Stadion auftrat. Dem Beispiel Wroclaw könnte die Lausitz folgen, denn dort steht das Stadion direkt an der Autobahn und ist schnell zu erreichen. Gleiches würde sich an der A 4 zwischen Bautzen und Görlitz anbieten.

Skepsis ist dagegen von Joachim Birnbaum zu hören. Der Geschäftsführer der Messepark Löbau Gesellschaft sagt: „Ich sehe keine Notwendigkeit für eine Arena oder ein Stadion für Konzerte in der Lausitz. Das ist preislich nicht zu stemmen“, argumentiert er. Mit preislich meint er nicht nur Bau- und Betriebskosten, sondern auch die Eintrittspreise: Wer kann es sich leisten, für 80 Euro ein Konzert zu besuchen? Aus seiner Sicht ist das Publikum gar nicht vorhanden, das ein Stadion, und seien es nur 10 000 Plätze, füllen würde. Dabei verweist er auf die Messehalle. Sie bietet maximal 4 000 Menschen Platz. Die Veranstaltungen haben im Durchschnitt zwischen 1 000 und 2 000 Besucher. Auf dieser Basis werden die Künstler verpflichtet. Die Amigos wollten über 1 000 Menschen sehen. Beim Zwingertrio steuert der Kartenvorverkauf auf die 2 000 zu. Die drei Herren treten am 27. September auf.

Auch wenn die ganz Großen in der Oberlausitz keinen Fuß auf die Bühnen setzen, so empfindet Joachim Birnbaum, dass dieser Landstrich keinesfalls kulturell unterrepräsentiert ist. „Wir haben viele kleinere Veranstaltungsorte, die ihre treue Fan-Gemeinde haben“, sagt er mit Blick nach Kemnitz. Für den Geschäftsführer ist das schon beachtlich, was dieser Verein für sein Oktoberfest heranorganisiert. Und: Roland Kaiser, Matthias Reim oder die Höhner zählen durchaus zu den Großen mit.

Natürlich zehrt die Löbauer Messehalle davon, dass es in Zittau, Görlitz und Bautzen keine ähnlich großen Veranstaltungshallen gibt. Hinzu kommt, dass sich auch die Sparkassen-Arena in Jonsdorf von Konzerten verabschiedet hat. Vorbei ist die Zeit, als Andrea Berg dort sang. Jetzt kommen nur noch die Eisläufer und Tobekinder auf ihre Kosten.

Aus Sicht der Stadt Görlitz ist eine Arena für die Oberlausitz ein unbegründetes Thema. Auch wenn die Stadthalle, die einst bis zu 2 000 Menschen Platz bot, nicht mehr für Veranstaltungen nutzbar ist, so steht Görlitz nicht mit leeren Händen da. Kulturbürgermeister Michael Wieler schaut zur Landskronbrauerei, die sich als Kulturbrauerei etabliert hat, und nach Zgorzelec. Dort steht die neue Turow-Mehrzweckhalle, die rund 3 000 Personen aufnehmen kann. Schließlich sei man mit Zgorzelec Europastadt. Einen dauerhaften Betrieb einer Arena auf der grünen Wiese kann sich Michael Wieler nicht vorstellen. Hinzu kommt, dass „ich keinen Sportverein sehe, der ein Stadion mit 10 000 oder mehr Sitzplätzen braucht“. Und für einmalige Veranstaltungen, wie Konzerte, findet sich unter freiem Himmel immer ein Platz – nicht nur in der Landskronbrauerei.

Der Bürgermeister nennt zudem das unternehmerische Risiko, das Veranstalter und Agenturen eingehen, wenn sie teure Künstler in die Oberlausitz holen – und das Publikum fehlt. Dieses Risiko gehen die Kemnitzer jedes Jahr ein, wenn sie die Stars fürs Oktoberfest verpflichten. „Mit einem Matze Reim allein ist so ein Fest nicht mehr zu stemmen“, sagt Thomas Kneschke. Das Publikum will mehr.

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