Teilen: merken

Brexit – Frieden in Gefahr

Über Ursachen und Folgen des Austritts von Großbritannien aus der EU spricht Oberst Jean Lacroix beim Ost-West-Forum.

Jean Lacroix, Oberst im Generalstab und derzeit an der Deutschen Botschaft in London tätig, referiert beim Ost-West-Forum in Gödelitz über den Brexit, dessen Ursachen und die Folgen. © André Braun

Von Dagmar Domas-Berger

Döbeln/Gödelitz. In weniger als 50 Tagen verlässt Großbritannien die Europäische Union. Die Briten werden austreten, daran besteht kein Zweifel mehr. Was aber hat dazu geführt, dass eine Nation nach 40 Jahren dem europäischen Staatenverbund den Rücken kehrt, und welche Folgen damit verbunden sein könnten, darüber referierte Jean Lacroix, Oberst im Generalstab und derzeit an der Deutschen Botschaft in London tätig, am Sonnabend beim Ost-West-Forum Gut Gödelitz.

Symbolbild Anzeige
Anzeige

Nicht lange warten, ab ins neue Heim!

Schauen, beraten lassen, mit dem Bauherren sprechen. Kommen Sie zur Baustellenbesichtigung in Dresden am 24. Februar 2019

Das Wahlergebnis des Referendums im Juni 2016 zeigt, dass der Brexit vor allem ein Generationenkonflikt ist. Denn 73 Prozent der 18- bis 24-Jährigen stimmten für den Verbleib in der EU. Bei den über 65-Jährigen wollten 60 Prozent den Brexit. Warum? Viele Briten fühlen sich als Verlierer in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht bedingt durch Globalisierung und Finanzkrise im Jahr 2008. Sie fürchten, auf der Strecke zu bleiben. Die jungen Menschen dagegen sind mit der Globalisierung aufgewachsen, sehen damit einhergehend größere Karrierechancen und Selbstentfaltung. Die Möglichkeiten scheinen ihnen grenzenlos, Nationalstaat und Patriotismus sind weniger wichtig.

Die Ursachen für den Brexit seien vielschichtig, sagte Lacroix. Es gäbe zahlreiche Alleinstellungsmerkmale, die die Lebensweise und die Kultur der Briten kennzeichneten. Historisch bedingt sind für viele Briten Nationalstolz und Status wichtige Themen. So trauern viele Briten immer noch dem mächtigen Empire hinterher. Das britische Empire war zehnmal größer als das Römische Reich.

Individuelle Freiheit und Insel-Mentalität

Die Briten wünschen sich daher, wieder wer zu sein in der Welt. Unterwerfung ist nicht vorstellbar. Während die Briten in den 1970ern noch auf Europakurs waren, machte sich gegen Ende der 1970er-Jahre mit Margret Thatcher die Euroskepsis in der Downing Street breit und die damit einhergehende Frage, ob Europa denn tatsächlich Nutzen bringt. Die Skeptiker der europäischen Idee in der konservativen Partei (Tories) gewannen seitdem immer mehr an Einfluss.

Die individuelle Freiheit hat für die Briten hohe Priorität, sie wollen möglichst wenig staatliche Eingriffe. Hinzu kommt auch ihre Insel-Mentalität. Großbritannien hat sich nie als Teil Europas gefühlt. Und vieles ist auch anders. Die Briten haben beispielsweise nie den Euro eingeführt. Großbritannien ist eine Klassengesellschaft, die sich über Elitenbildung definiert. Auch die innenpolitischen Probleme spielen eine nicht unerhebliche Rolle und so gesehen, kann der Brexit ebenso als eine Art Denkzettel an die führenden Politiker gesehen werden. EU-Institutionen haben sich in Großbritannien extrem unbeliebt gemacht.

EU soll sich hinterfragen

Die vielen Vorschriften und Gesetze aus Brüssel haben die Briten als Bevormundung und Ignoranz gegenüber der britischen Nation wahrgenommen und die Angst geschürt, dass die EU sich wie ein Krake in ihrem Alltag ausbreitet. Die EU müsse sich daher fragen, was sie versäumt habe, so Lacroix.

Im Hinblick auf den über 70-jährigen Frieden in Europa ist die Union ein Erfolgsprojekt. Hinsichtlich hoher Jugend-Arbeitslosenzahlen in Griechenland, Spanien und Italien sowie der Glaubwürdigkeit beim Thema Zuwanderung bestehen Zweifel. Aber mit dem Brexit steht viel auf dem Spiel, nicht nur in wirtschaftspolitischer Hinsicht. Risikopotenzial birgt vor allem der Irland-Konflikt, der damit wieder aufflammen könnte. Die Grenze müsste als EU-Außengrenze verstärkt gesichert werden. Der Konflikt sei nur beigelegt, Frieden herrsche dort nicht. Und in Anbetracht der europaweit zunehmenden rechtsnationalen Strömungen werde die Europawahl spannend, sagt Axel Schmidt-Gödelitz, Vereinsvorsitzender des Ost West Forums Gut Gödelitz. „Nationalismus heißt Krieg. Krieg, das ist nicht nur Vergangenheit. Das kann auch unsere Zukunft sein“, sagte der ehemalige Ministerpräsident Frankreichs Francois Mitterrand auf seiner letzten Rede vor dem Europäischen Parlament 1995.

Am Sonnabend, 16. März, um 18Uhr wird der Städteplaner Dr. Andrej Holm über „Wohnungspolitik in Ballungszentren am Beispiel Berlin“ sprechen.

Aktuell läuft die 46. Kunstausstellung mit Arbeiten des Künstlerpaares Doris Titze und Thomas Hellinger.