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Britische Wirtschaft steckt Brexit vorerst weg

Die gute Nachricht: Die Katastrophe nach dem Brexit-Votum bleibt erst einmal aus. Großbritanniens Wirtschaft hält sich bislang sogar recht wacker. Die schlechte Nachricht: Die Aussichten sind trübe.

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© dpa-tmn

Peer Meinert

London. Aufatmen in London, Erleichterung bei der Regierung. Befürchtungen, dass die britische Wirtschaft nach dem Brexit-Votum rasch in die Knie gehen könnte, bewahrheiten sich fürs Erste nicht.

0,5 Prozent Wachstum von Juli bis September - selbst optimistische Experten, die nur 0,3 Prozent erwarteten, sind angenehm überrascht. Ist die Gefahr also vorbei? Alles halb so schlimm mit dem Brexit?

Beileibe nicht. Zwar stellte die nationale Statistikbehörde ONS am Donnerstag fest, dass es bisher nur „wenig Hinweise“ auf kurzfristige Negativfolgen der historischen Entscheidung vom 23. Juni gebe. Finanzminister Philip Hammond bricht geradezu in Jubel aus, lobt die „Widerstandsfähigkeit“ der britischen Wirtschaft.

Doch auf den zweiten Blick sieht das Ganze etwas anders aus. In entscheidenden Industriezweigen ging das Wachstum sehr wohl zurück - beim Bau gar um 1,4 Prozent. Das glimpfliche Gesamtergebnis kam nicht zuletzt durch das gute Abschneiden (plus 0,8 Prozent) bei den Dienstleistungen zustande. Dazu zählen auch Banken, Versicherungen und andere Finanzhäuser - gerade hier lauern die größten Risiken.

Vier Monate nach dem Brexit-Schock ist noch immer unklar, wohin die britische Wirtschaft langfristig treibt. Vage und uneinheitlich ist das Bild. Zwar stürzte das britische Pfund um fast 20 Prozent ab - doch das ist nicht nur negativ, es fördert auch den Export. Auch der Aktienmarkt hat sich nach einem ersten Abfallen gleich nach dem Votum recht gut erholt. Zudem hält sich der Jobmarkt erstaunlich robust.

Sorgen bereiten dagegen Inflation und Staatshaushalt. Im September lag die Teuerung bei 1,0 Prozent, im nächsten Jahr könnte die Inflationsrate laut Experten dann auf fast 3 Prozent steigen - eine erhebliche Belastung für die Haushalte, wie Kritiker meinen. Düster auch die möglichen Folgen für den Haushalt: Manche beziffern das „schwarze Loch“ bis 2020 auf 60 bis 84 Milliarden Pfund.

Doch das eigentliche Problem heißt Ungewissheit. Die unabhängige Denkfabrik Institute for Government ging kürzlich knallhart und öffentlich mit der Regierung ins Gericht. „Schweigen ist keine Strategie“, hieß es mit Blick auf Premierministerin Theresa May.

Die Neue in der Downing Street müsse endlich klarstellen, wie sie sich den Austritt aus der EU genau vorstellt. Ihr Zögern und Zaudern, die Karten auf den Tisch zu legen, verunsichere die Wirtschaft.

Die Kernfrage, die derzeit britische Unternehmer und die Londoner City umtreibt: Gibt es einen „harten Brexit“, also ein völliges und abruptes Ausscheiden aus dem gesamten EU-Binnenmarkt - mit unkalkulierbaren Risiken. Oder gibt es eine eher „weiche Landung“, einen feinen Kompromiss, eine Nahezu-Freihandelslösung, die der britischen ebenso wie der kontinentaleuropäischen Wirtschaft guttut?

Das größten Gefahren lauern im Finanzsektor. Glaubt man dem Bankenverband, geht in der City die nackte Angst um. Sollte den Bankern der Zugang zur EU-Finanzwelt erschwert werden, wäre dies für die City - und die britische Wirtschaft insgesamt - eine Katastrophe.

Wie ernst die Lage ist, verriet jüngst Anthony Browne - der Chef des britischen Bankenverbands - der Zeitung „Observer“. Demnach würden erste Institute bereits vor Weihnachten London teilweise den Rücken kehren. „Bei den größeren Banken wird damit im ersten Quartal des nächsten Jahres gerechnet.“ Grund: Furcht vor einem „harten Brexit“.

Noch ist die britische Wirtschaft davongekommen, so der Eindruck der neuen Wachstumszahlen. Doch das Zögern der Premierministerin ist Gift für die Stimmung. Schlimmer noch: Die Unsicherheit dürfte noch einige Zeit anhalten. Erst im März könnten die Austrittverhandlungen mit der EU beginnen - die Gespräche dürften dann rund zwei Jahre dauern. (dpa)