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Brüche hinter den Hoftoren

In der Lausitz sollen Kohle und Energie einen neuen Eigentümer bekommen. Und mit der Energiewende wird manches anders – aber es bieten sich auch neue Chancen. Wenn nur Angst und Ignoranz nicht wären.

© Andreas Kirschke

Von Thomas Schade

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Gelbe Kreuze künden im Wendland seit 30 Jahren vom Widerstand gegen das Atommülllager bei Gorleben. Auch in der Lausitz symbolisieren kleine gelbe Holzkreuze Protest. An einigen Hoftoren in Rohne sind sie zu finden – auch bei Rudi Krauz.

Braunkohleregion im Wandel: Der Findlingspark von Nochten zeigt die gelungene Rekultivierung nach dem Tagebau. Foto: © B. Donke
Der Tagebau Nochten bewegt sich auf Trebendorf zu. Ortsteile wurden schon umgesiedelt. Hinten das Kraftwerk Boxberg. © Andreas Kirschke

Der 78-Jährige lebt schon immer hier im Sorbischen, bei Weißwasser, war Bergmann und hat im Tagebau Nochten Braunkohle für das Kraftwerk Boxberg gefördert – bis zur Rente. Seither dokumentiert er als Chronist mit der Kamera, wie die Menschen in seiner Heimat mit dem Tagebau leben, der ihnen Lohn und Brot gibt, der aber auch tief in ihre Belange eingreift.

Nun bedroht der Tagebau auch sein Heimatdorf Rohne. Es gehört zum Kirchspiel Schleife, dem wohl kleinsten Folkloregebiet der evangelischen Sorben mit eigenem Dialekt, eigenen Trachten und einer 400-jährigen Tradition – dem Dudelsackpfeifen. Das ist einmalig im Osten Deutschlands und lebt mit der heimischen Volkskultur im Njepila-Hof fort, einem der ältesten Häuser im Ort, das Rohner seit Jahren zu einem kleinen Ortszentrum ausbaut. „All das soll verschwinden“, sagt Rudi Krautz. Pläne zur Umsiedelung des 500 Jahres alten Dorfes liegen schon in der Schublade. Auch Nachbardörfer wie Mühlrose, Mulkwitz und Klein-Trebendorf sollen dem Tagebau weichen.

Doch seit einem Jahr ist alles ungewiss. Umsiedlungspläne liegen auf Eis. Verträge werden nicht unterzeichnet, seit die Energiewende in aller Munde ist, seit Kohlestrom nur noch als Brückenenergie gilt, seit der schwedische Staatskonzern Vattenfall kalte Füße bekommen hat und seine Braunkohlensparte loswerden will. Was sind Kohle und Strom noch wert, wenn dieser Teil der Energiewirtschaft in der Lausitz nach 100 Jahren im politischen Berlin nunmehr als Auslaufmodell betrachtet wird? Experten orakeln seit Monaten, wann die Kohleverstromung enden wird und ob in der sächsischen Lausitz das Tagebaufeld Nochten II überhaupt noch in Anspruch genommen werden muss, auf dem Rudi Kauz und 1 700 andere Menschen heute leben. „Die Zeiten ändern sich“, sagt der 78-Jährige. „Wir müssen es nur erkennen.“

In vielen Familien leben Bergleute. Sie sind ins globale politische Räderwerk geraten. Die Klimaschutzzusagen der großen Weltenlenker, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, greifen plötzlich durch bis in die guten Stuben des kleinen Kirchspiels, wo Hunderte sorbische Familien beschließen müssen, Haus und Hof zu verlassen, oft nach vielen Generationen.

Auch hinter vielen Hoftoren, an denen kein gelbes Kreuz leuchtet, würden die Leute lieber bleiben, aber sie würden es nie sagen. „Viele arbeiten im Tagebau oder leben von Aufträgen, die sie von Vattenfall erhalten“, sagt Rudi Krauz. „Da gehen Brüche mitten durch die Familien.“ Er hat vor zehn Jahren aufgehört, in den Hof zu investieren, in den er vor mehr als 50 Jahren eingeheiratet hat. „Das ändert sich, wenn die Ungewissheit vorbei wäre“, sagt er.

Die christliche Religion brachte Rudi Krauz vor Jahren in Konflikt mit dem Tagebau. „Gewissen und Beruf gerieten in Zwiespalt“, sagt er. Heute schöpfe er aus seinem Glauben die Kraft zum Widerstand. Krauz ist einer der ältesten Aktivisten im Aktionsbündnis „Strukturwandel jetzt – kein Nochten II“. Er betont: „Wir wollen hier nicht weg und hoffen, dass sich die Vernunft durchsetzt.“

Doch was ist vernünftig, wenn es für eine ganze Region existenziell wird? Die genehmigten und erschlossenen Braunkohlevorräte in der Lausitz reichen für 28 Jahre, errechnete Andreas Berkner, ein Professor des Regionalen Planungsverbandes Leipzig-Westsachsen. Bereits für 2020 erwartet er, dass die Braunkohleverstromung „signifikant abnimmt“. Das Kraftwerk Jänschwalde werde 2035 und Schwarze Pumpe 2045 vom Netz gehen. Nur die neuen Blöcke in Boxberg werden 2050 noch Strom produzieren, aber dann jährlich nur noch fünf Millionen Tonnen Braunkohle benötigen, ein Drittel des heutigen Jahresbedarfes. 340 Millionen Tonnen der derzeit genehmigten Fördermenge, so errechnete Berk-ner, würden gar nicht gebraucht, wenn es bei den geplanten Restlaufzeiten der Kraftwerke bleibt. Zehn, höchstens 15 Jahre werde der Braunkohlebergbau noch zur gewohnten Wertschöpfung beitragen. Ab 2025 zeichne sich ein „signifikanter und zunehmender Bedeutungsverlust“ ab. Und Berkner warnt: „Der erforderliche Strukturwandel“ sei allein durch Leistungen aus den Unternehmen nicht zu bewältigen. „Belastbare energiepolitische Vorgaben“ von Bund und Ländern seien „Grundvoraussetzung“ für diese Herausforderung.

In Dresden, Potsdam und Berlin, wo die Entscheider in den Ministerien und Staatskanzleien sitzen, ist diese Herausforderung längst bekannt. Vor einem Jahr schon verbündeten sich die Regierungen Sachsens und Brandenburgs in Görlitz und betonten „die große Bedeutung der Braunkohle-Industrie“. Die Regierungschefs warnten davor, „die Braunkohle einseitig zu benachteiligen“ und versprachen, den Strukturwandel zu unterstützen. Berlin solle sich „klar zur Braunkohle als Partner der Energiewende“ bekennen, so die Forderung.

Für den Bund kam unlängst Bundesumweltministerin Barbara Hendricks nach Schwarze Pumpe, um mit den Betriebsräten von Vattenfall zu sprechen. In angenehmer und sachlicher Atmosphäre habe man miteinander gesprochen, so einer der Teilnehmer. Ihren Dissens mit der Umweltministerin konnten die Kumpel indes nicht beilegen. Hendricks gab sich sicher: Der Kohleausstieg sei absehbar. Die Bergleute setzen hinter diesen Satz noch ein Fragezeichen, wehren sich sogar gegen den Begriff Strukturwandel und wollen, dass die Lausitz ein Energiestandort bleibt.

Nach Ansicht des Grünen-Energieexperten Gerd Lippold ist der Strukturwandel längst im Gange. Begonnen habe er schon 1990, als rund 90 Prozent der Jobs in der Energiewirtschaft der Lausitz verloren gingen. Ein neuerlicher „Strukturbruch“ wie damals könne aber vermieden werden. „Das Trauma muss nicht wieder aufbrechen, weil es heute in der Region weit mehr Arbeitsplätze gibt, die unabhängig sind vom Energiesektor“, so der Landespolitiker der Grünen. Nur knapp 11 000 von 400 000 Erwerbstätigen waren 2014 noch in der Braunkohlewirtschaft in Mitteldeutschland und in der Lausitz beschäftigt. Zudem seien rund zwei Drittel der Energiearbeiter älter als 45 Jahre. Lippold nennt die Voraussetzungen für einen Wandel weg von Kohle und Energie „nicht so schlecht“. Weil aber weder der Bund noch die Länder einen Masterplan hätten, müssten die Impulse in der Lausitz entstehen.

Weitsichtige Unternehmer haben das erkannt und schon 2009 die Wirtschaftsinitiative Lausitz ins Leben gerufen – eine Aktions- und Netzwerkplattform aus Firmen aller Branchen von Lübben bis Zittau. Hauptanliegen: Man will den Wirtschaftsstandort nachhaltig stärken, innovative Geschäftsideen für die Region fördern und Netzwerke schaffen, in denen junge Leute zukunftsorientierte Ausbildungsplätze finden können.

Vor Tagen erst gründeten zahlreiche Institutionen die Innovationsregion Lausitz GmbH. Die Gesellschaft soll den Strukturwandel mitgestalten. Vertreter aus Sachsen sind nicht beteiligt. So moniert Grünen-Politiker Lippold denn auch: Die Staatsregierung sei „noch immer eingeloggt in die alte Strategie vom maximalen Kohleabbau“. Ein Energie- und Klimaprogramm aus dem Jahr 2012 bildet nach wie vor die Grundlage für landespolitische Entscheidungen. Während die Grünen eine „Zukunftsstiftung Lausitz“ fordern, brachte die Links-Partei vergangenen Herbst sogar den Entwurf eines Gesetzes zur Bewältigung des Strukturwandels der Lausitz in den Landtag ein. Sie verlangen darin einen „Strukturwandelförderfonds“, dem jährlich zehn Millionen Euro aus dem Landeshaushalt zufließen sollen. Initiatorin Jana Pinka, eine Geowissenschaftlerin, erwartet, was bisher immer passiert sei, wenn es um dieses Thema gehe: eine Ablehnung.

Derweil wächst Verunsicherung auch in den Kommunen. So schrieben im Herbst 21 Bürgermeister einen offenen Brief zum „Strukturwandel in der Lausitz“ an die Kanzlerin und die Regierungschefs von Brandenburg und Sachsen. Sie fordern den Bund auf, für Konsequenzen der neuen Energiepolitik einzustehen. Bund und Länder müssten ein Konzept für den Strukturwandel und ein Sonderprogramm für 25 Jahre vorlegen und mitfinanzieren.

Aber noch fehlt dem Strukturwandel Struktur, und das beeinträchtigt bereits jetzt das tägliche Leben. So hat sich in Schleife ein Schulneubau verzögert, den Vattenfall maßgeblich mitfinanzieren soll. „Schäbig“ habe sich die Politik gegenüber den Betroffenen verhalten, sagt Kerstin Antonius, Mitunterzeichnerin des Briefes. Die Bürgermeisterin von Trebendorf und Mühlrose, wo zahlreiche Familien umsiedeln sollen und hingehalten werden, klagte zu Jahresbeginn, dass die Bürger „zum Wechselgeld“ politischer Interessen würden. Im Ort hat Vattenfall ein neues Sport- und Vereinszentrum sowie ein neues Feuerwehrgebäude gebaut, die ohne finanzielle Hilfe vom Bergbau kaum zu unterhalten sind. So kämpft die Bürgermeisterin dafür, dass möglichst lange Kohle gefördert wird.

Ihr Amtskollege in Weißwasser plädiert für einen „geordneten mittelfristigen Ausstieg“. Torsten Pötsch, ein gelernter Banker, denkt pragmatisch. Wenn Vattenfall defizitär wirtschaftet, fließen keine Steuern mehr. „Was hat die Stadt dann noch vom Bergbau?“, fragt er. Viele Kommunen müssen schon Steuern in Millionenhöhe zurückzahlen, weil Vattenfall seit zwei Jahren rote Zahlen schreibt. Zudem wird der Verkaufspoker des schwedischen Staatskonzerns zur Hängepartie. Ursprünglich sollte der Eigentümerwechsel im Sommer 2015 erfolgen. Nun will der ernsthafteste Bewerber CEZ aus Tschechien bis Mitte März ein verbindliches Angebot machen.

Angesichts der tiefroten Zahlen, die Vattenfall für seine Braunkohlesparte bekannt geben musste, will Bürgermeister Pötsch nicht mehr recht an den Verkauf glauben. Doch unabhängig davon müsse begonnen werden, den Strukturwandel zu gestalteten. Pötsch setzt auf das regionale Wirtschaftspotenzial abseits der Kohleverstromung. Der Leipziger Regionalplaner Andreas Bergener mahnt weitsichtige und langfristige Strategien an „ohne jegliche Denkverbote“. Das Ifo-Institut Dresden warnt in einem Bericht vor der Vorstellung, „dass die heutige Siedlungsstruktur in der Lausitz unverändert aufrechterhalten werden kann“. Und Adrian Rinnert vom Aktionsbündnis „Strukturwandel jetzt“ schließt nicht aus, dass die Lausitz in 40 Jahren wieder so aussehen könnte wie vor der Braunkohle, nur durchzogen von Seen, Solaranlagen und Windkrafträdern. Von Berlin erwartet der Umweltaktivist kaum Hilfe. Von dort haben auch die 21 Bürgermeister bisher nichts gehört. „Wir wissen nicht mal, ob unser Brief im Kanzleramt eingegangen ist“, sagt Bürgermeister Pötsch.

Auch für den lebenserfahrenen Rudi Krauz hat der große Wandel längst begonnen. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass unsere Dörfer stehen bleiben. Die Leute müssen nur wach werden“, sagt er.