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Brutale Crystal-Abhängige

Die Droge wird zunehmend zum Problem. Dealer sind schwer zu ermitteln. Die Zahl der Straftaten steigt.

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© Claudia Hübschmann

Von Tina Soltysiak

Döbeln. Zwölf Jahre lang hat Michaela* harte Drogen konsumiert. Das Geld dafür hat sie sich mit Dealen, also dem gewinnbringenden Weiterverkauf der Drogen, verdient. Die junge Frau ist ein Teil eines im Raum Döbeln weit verzweigten Netzes von Drogenhändlern – von dessen Existenz Revierleiter Andree Wagner spricht – gewesen. Bei einer großangelegten Razzia ist sie erwischt worden, erzählt sie. Das Jahr 2014 hat ihr Leben auf den Kopf gestellt – und zwar komplett. „Ich musste meine Tochter beerdigen. Danach bin ich richtig abgestürzt“, erzählt sie. Sie fasste den Entschluss, dass es so nicht weitergehen kann, schließlich hat sie noch weitere Kinder. „Meine mittlere Tochter wurde mir weggenommen“, sagt sie. Eine Entscheidung, die sie im Nachhinein betrachtet für richtig und wichtig hält. Im Oktober 2014 hat sie eine erste Therapie begonnen, wurde jedoch rückfällig. „Seit Juni 2015 bin ich in einer Langzeit-Familien-Therapie und clean“, sagt sie. Clean heißt, sie hat seitdem keine Drogen mehr konsumiert. Regelmäßig besuche sie die Suchtberatungsstelle in Döbeln. Der Weg aus der Abhängigkeit sei hart, aber zu schaffen.

Wenn sie durch Döbeln läuft, sehe sie noch immer bekannte Gesichter aus dem Drogenmilieu. Sie bedauere es, dass diese Leute den Weg aus der Sucht nicht schaffen. Und noch etwas beschäftigt sie: „Es tut weh, zu sehen, wie überfordert die Jugendämter sind. Es werden einfach immer mehr Fälle, die sie hier betreuen müssen“, sagt sie.

Michaela hat diesen Ausschnitt aus ihrer Biografie am Dienstagabend im KL 17 erzählt. Henning Homann (SPD) hatte zur Veranstaltung „Teufelsdroge Crystal“ geladen. Denn die Droge ist auch in der Region ein großes Thema. Dass das nicht nur eine so dahingesagte Floskel ist, belegt der Döbelner Revierleiter Andree Wagner mit Zahlen: „2014 hatten wir 148 Rauschgiftdelikte, 81 davon im Zusammenhang mit Crystal. 2015 waren es von 198 Rauschgiftdelikten 121.“ Das sind die bekannten Fälle. Die Dunkelziffer sei um einiges höher.

Für ihn und seine Kollegen seien die Ergebnisse von großangelegten, erfolgreichen Razzien schockierend gewesen. „Ende 2013 stand der Zoll bei uns im Revier und hat uns von einem Döbelner Dealer erzählt, der Crystal im Kilogramm-Bereich besitzen soll.“ Außer dem Mann seien 15 bis 20 Personen als Händler ermittelt worden. „Wir haben trotzdem keine Ruhe, denn es gibt noch weitere Händler“, sagt er. Das habe sich auch in den vergangenen zwei Jahren wieder gezeigt, als die Beamten einen noch größeren Händlerring zerschlagen konnten, ergänzt Wagner. „Vor etwa sechs Wochen haben wir 52 Gramm Crystal bei einem jungen Roßweiner gefunden“, erzählt er. Der Mann sei inhaftiert worden.

Neigung zu Gewalt

Gern würde Andree Wagner von noch mehr Erfolgen berichten. Allerdings fehle schlichtweg das Personal. Zudem seien die Beamten selbst großen Gefahren ausgesetzt, wenn sie Crystalabhängige festnehmen wollen. Die Süchtigen neigten nämlich aufgrund der psychischen Wirkung der Droge eher zur Gewalt. „Einige Jugendliche reagieren äußerst aggressiv und verprügeln die Beamten. Der Einsatz von Pfefferspray nützt nichts. Da geht’s nur mit roher Gewalt zur Sache und wir bringen sie dann in die Klinik nach Hochweitzschen“, erzählt der Revierleiter.

Sein Kollege Kriminalhauptkommissar Thomas Kunze leitet das Kommissariat 2 in Döbeln, das sich schwerpunktmäßig mit der Bekämpfung der Droge Crystal in der Region beschäftigt. Er öffnet eine Tasche, holt Kabelbinder, einen Schlagring, ein Einhandmesser, eine Pistole und einen Akkuschrauber hervor. Dann beginnt er zu erzählen, wie grausam sich die Dealer und Süchtigen untereinander malträtieren, um Geldschulden einzutreiben. Die Details sind widerlich und werden an dieser Stelle nicht wiedergegeben.

Er beschreibt, wie der hiesige Drogenhandel funktioniert: Die Konsumenten legen ihr Geld zusammen – meist am Monatsbeginn, wenn das Hartz IV ausgezahlt wird. „Jemand fährt nach Tschechien und erwirbt zwischen 50 und 100 Gramm Crystal. Der Preis pro Gramm liegt bei 20 bis 30 Euro. Hier verkaufen sie das Gramm für 50 bis 120 Euro“, sagt er. Um sich den Konsum leisten zu können, werden die Abhängigen zu Kriminellen. Sie klauen in Supermärkten. „Kurioserweise Schokolade oder Kaffee, weil sich diese Ware schnell verkauft“, erklärt Kunze. Aber auch Buntmetalldiebstähle sowie Wohnungseinbrüche häufen sich. Fahrräder würden ebenfalls oft gestohlen. „Das hängt damit zusammen, dass viele keinen Führerschein mehr haben, weil sie in eine Polizeikontrolle geraten sind“, sagt er. Andree Wagner nennt Zahlen: 2014 sind 54 Fahrer unter Drogen ermittelt worden, 2015 40 und in diesem Jahr bisher 19. „Wir können aber nicht sagen, dass es insgesamt weniger sind. Viele von ihnen haben ihren Führerschein einfach noch nicht zurück“, erklärt er. Denn die Erwischten müssen einen Test vorlegen, dass sie zwölf Monate lang keine Drogen konsumiert haben, bevor sie ihren Führerschein zurück bekommen.

Der Döbelner Revierleiter findet die wachsende Zahl der Jugendlichen bedenklich, die unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln straffällig werden. „2014 lag der Anteil bei 3,1 Prozent, 2015 bei 6,2 Prozent und in diesem Jahr bereits bei 8,2 Prozent“, berichtet er.

*Name von der Redaktion geändert

Zu wenig Personal für Prävention

Damit Jugendliche gar nicht erst dazu verführt werden, Drogen zu nehmen, setzt die Polizei auf Prävention in den Schulen für Siebt- und Achtklässler. Allerdings hat dieses Engagement in den vergangenen Jahren nachgelassen. Das liegt aber nicht am Unwillen der Beamten – im Gegenteil. „Uns fehlt schlichtweg das Personal“, sagt der Döbelner Revierleiter Andree Wagner. Er und seine Kollegen würden versuchen, es hin und wieder möglich zu machen. Aber aufgrund der Schichten fehlt die Zeit. „Das Personal müsste deutlich aufgestockt werden“, meint er. Denn die Konsequenzen der fehlenden Aufklärung – und in gewisser Weise auch Abschreckung – seien spürbar. „Ein Teil der Jugendlichen dieser Altersgruppe, die wir seit damals nicht in den Schulen erreicht haben, sind jetzt süchtig und kriminell“, so Wagner.

Für den gesamten Direktionsbereich der PD Chemnitz, der vom Erzgebirge bis nach Mittelsachsen reicht, gibt es gerade einmal vier Mitarbeiter, die Aufklärungsarbeit in den Schulen leisten sollen. „Wir sind aber auch für die Verkehrserziehung in Klasse 4 zuständig. Die hat Priorität. Da kann man sich vorstellen, wie viel Zeit da noch für die Drogenprävention bleibt“, sagt Polizeihauptmeisterin Katrin Michel.

Die Suchtberater der Diakonie sind ebenfalls sehr engagiert. Doch auch dort gibt es zu wenige Mitarbeiter. „Es existiert das Ideal, dass auf 20 000 Einwohner ein qualifizierter Suchtberater kommt. In Mittelsachsen ist es einer auf 27 115 Personen. Das ist die schlechteste Quote in ganz Sachsen“, erzählt Simone Lang. Sie ist die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im sächsischen Gesundheitswesen.

Martin Creutz von der Suchtberatung in Döbeln erzählt, dass sich 2001 zwölf Crystalabhängige bei ihm gemeldet haben. „Im vergangenen Jahr waren es 91.“ Die Dunkelziffer sei viel höher. Deshalb plädiert auch er für mehr Präventionsarbeit.