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Brutale Schlägerei

In Marseille gehen russische und englische Fans aufeinander los. Wieso ist die Lage eskaliert?

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© dpa

Von Birgit Holzer, SZ-Korrespondentin in Frankreich

Es sind erschütternde Jagdszenen. Aufgebrachte Männer gehen aufeinander los, werfen Flaschen und Steine, schlagen mit den Stühlen von Cafés aufeinander ein. Wer zu Boden fällt, wird gnadenlos mit Fußtritten übersät. Im allgemeinen Chaos versuchen Polizisten, die aufgeputschte Meute in Schach zu halten, setzen Tränengas und Wasserkanonen ein. Als sich in der Nacht zum Sonntag die Lage endlich beruhigt, gleicht der alte Hafen von Marseille einem Schlachtfeld.

Hunderte englische und russische Fans hatten sich zuvor am Rande des Spiels ihrer Nationalmannschaften brutale Auseinandersetzungen geliefert. Auch Franzosen beteiligten sich daran. Erreichten die Schlägereien am Nachmittag ihren brutalen Höhepunkt, so brachen sie nach Abpfiff der Begegnung erneut aus. 35 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Ein Engländer befand sich am Sonntag noch in einem lebensbedrohlichen Zustand, nachdem offenbar mit einer Eisenstange auf seinen Kopf eingeschlagen wurde. „Als ich diesen Mann am Boden liegen sah, stiegen mir Tränen in die Augen“, berichtet Alain, Betreiber eines Schnellimbisses. „Wie kann es so weit kommen – nur wegen Fußball!“ Zehn Menschen wurden festgenommen, darunter auch ein Deutscher und ein Österreicher. Auch im Stade Vélodrome kam es am Ende des Spiels zu Prügeleien, als russische Anhänger versuchten, einen englischen Block zu stürmen. Die Uefa hat die Fußballverbände beider Länder offiziell verwarnt. Im Wiederholungsfall sei auch ein Turnierausschluss möglich, hieß es vonseiten des europäischen Verbandes.

Schon am Donnerstag begannen die Zusammenstöße zwischen extrem gewaltbereiten englischen und russischen Fußballanhängern, in die sich auch Männer aus Marseille mischten. Im Vorfeld wurde die Begegnung als eine der riskantesten des Turniers eingestuft. Deshalb waren 1 200 Polizisten, mehr als 600 Feuerwehrleute sowie 17 Krankenwagen im Einsatz.

Warum gelang es trotzdem nicht, die Lage unter Kontrolle zu halten? Hat man sich zu sehr auf die Gefahr durch mögliche Terrorangriffe konzentriert – und jene vernachlässigt, die von Hooligans ausgeht? Polizeikommissar Antoine Boutonnet, hauptverantwortlich für den Kampf gegen Gewalt durch Hooligans, weist den Vorwurf, die Ordnungskräfte hätten versagt, zurück – im Gegenteil hätte deren „schnelles und effizientes Eingreifen ermöglicht, die Zusammenstöße einzudämmen“. Ihre Hauptursache sieht er im „Problem des exzessiven Konsums von Alkohol, der blinde Gewalt nach sich zieht“.

Polizei an der Belastungsgrenze

Bereits bei der WM 1998 war Marseille am Rande eines Spiels von England gegen Tunesien Schauplatz heftiger Straßenkämpfe gewesen. Seit Jahren koordiniere sich die französische Polizei mit internationalen Kollegen, erklärt der Sport-Soziologe Ludovic Lestrelin. Aber er spricht von einer „besonders angespannten Sicherheitslage in Frankreich und der offensichtlichen Erschöpfung der Ordnungskräfte“. Seit den Terroranschlägen vom 13. November herrscht Ausnahmezustand, die Furcht vor weiteren Attacken ist spürbar. Zugleich erhöhten in den vergangenen Monaten zahlreiche Streiks, die immer wieder gewaltsam eskalierten, die Belastung.

Dem französischen Innenministerium zufolge wurde 3 000 Anhängern, die in ihren Ländern als gewaltbereit aufgefallen sind, die Einreise verweigert. Das betrifft auch deutsche Hooligans, bestätigte Innenminister Thomas de Maizière: „Wir haben mit Frankreich einen Informationsaustausch über die polizeibekannten und gewalttätigen deutschen Hooligans eingerichtet und die Namen und Daten von rund 2 500 Personen übermittelt.“ Ihm zufolge unterstützen deutsche Beamte, die sich in der Szene auskennen, ihre französischen Kollegen bei Grenzkontrollen.

Am Samstag war es auch im 200 Kilometer östlich gelegenen Nizza vor der Begegnung Nordirlands gegen Polen zu Schlägereien mit mehreren Verletzten gekommen. Wie lässt sich solche Eskalation künftig vermeiden? Die Frage lastet derart auf dem Fortgang des Turniers, dass die Sportzeitung L‘Équipe kommentiert: „Am zweiten Tag steht die EM schon im Zeichen der Angst.“