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Bücherzündler schlagen schon wieder zu

Diesmal haben Chaoten den kompletten Bestand der Telefonzelle verbrannt. Die Betreiber sind fassungslos.

© Feuerwehr Riesa

Von Stefan Lehmann

Riesa. Ein paar verkohlte Überreste sind noch auf den Fotos zu sehen. Viel ist nicht mehr zu erkennen, doch die rote Telefonzelle und der Satz darüber macht klar, was die Bilder zeigen: „Alle Bücher aus der Lesezelle raus und verbrannt“, schreibt die Fotografin im sozialen Netzwerk Facebook. Darunter: Wut, Unverständnis und teils wilde Spekulationen über die Täter.

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Fakt ist: In der Nacht zu Sonnabend hatten Unbekannte sämtliche Bücher aus der Zelle geräumt und angezündet. Nach unbestätigten Informationen rief ein Lieferant Polizei und Feuerwehr. Als er den Brand bemerkte. Kurz vor halb fünf sei der Alarm eingegangen, so Wehrleiter Egbert Rohloff. Die Kameraden der Hauptwache hätten das Feuer gelöscht und am Sonntag die Asche beseitigt. Nur eine knappe Woche zuvor hatten Unbekannte bereits versucht, Bücher aus der Zelle anzuzünden. Damals waren sie gescheitert, lediglich an zwei Büchern entstand Schaden.

Nicht nur im Netz, sondern auch unter den Bücherfreunden herrscht Fassungslosigkeit. Der Verein kümmert sich seit 2014 um den Bücherschrank. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so kulturlose Leute gibt“, sagt Heike Berthold. „Da verschlägt es einem die Sprache.“ So etwas gleich zweimal nacheinander zu machen, das zeuge regelrecht von krimineller Energie. Dazu komme noch das „Geschmäckle“, das diese Aktion unweigerlich habe – schließlich erinnere sie unweigerlich an die Bücherverbrennungen der Nazi-Zeit.

Sie hatte erst am Montag überhaupt von dem Vorfall am Mannheimer Platz erfahren. „Mein Mann hatte mir nur erzählt, dass die Bücher weg sind.“ Vom Feuer war da schon nichts mehr zu sehen, bis auf einige helle Aschereste im Pflaster. „Auch an der Telefonzelle selbst ist kein Schaden entstanden. Es stehen sogar schon die ersten neuen Bücher drin“, sagt Berthold.

Die Bücherfreunde werden sich dennoch erst einmal etwas zurücknehmen, sagt Heike Berthold. „Irgendwann reicht’s. Vorerst werden keine neuen Bücher von uns reingestellt.“ Man mache weiter, „aber sicher nicht mehr mit dem Elan“. Zumindest will der Verein jetzt erst einmal die polizeilichen Ermittlungen abwarten.

Die wiederum laufen, sagt Riesas Revierleiter Hermann Braunger. „Es wird ermittelt. Und wir haben Spuren, die auf die Täter hindeuten.“ Bei der Polizei ist man sich außerdem relativ sicher, dass es Zeugen des Vorfalls gibt. Sie werden nun gesucht, wer etwas gesehen hat, solle sich unbedingt bei der Polizei melden. So oder so gibt sich Braunger entschlossen, die Täter zu ermitteln. Die sollten sich „am besten schnell selbst stellen, bevor wir sie holen“.

In der Vergangenheit war die Telefonzelle schon öfter Ziel von Sachbeschädigung. So wurden etwa in manchen Silvesternächten Böller hineingeworfen und Scheiben zerschlagen. Im Jahr 2015 hatte außerdem jemand versucht, den kompletten Bücherschrank abzubrennen. Zeitweise stand die Telefonzelle, die Eigentum der Stadt ist, deshalb auch zur Debatte. Am Ende stand ein deutliches Bekenntnis der Stadt zum Bücherschrank. Trotz der immer wieder vorkommenden Sachschäden an der roten Telefonzelle und den Büchern sagt Riesas Revierleiter Hermann Braunger, die ausrangierte Telefonzelle sei keineswegs ein beliebtes Ziel für Vandalismus. „Ich hätte vorher gedacht, dass es dort weit häufiger zu Sachbeschädigungen kommt.“

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Aus Sicht der Bücherfreunde eigentlich ein gutes Zeichen, das auch Heike Berthold bestätigen kann. Der Bücherschrank, 2009 als Pilotprojekt vonseiten des Kulturwerks gestartet, kann fast schon als Selbstläufer bezeichnet werden. „Die Riesaer nehmen Bücher heraus und stellen neue rein, es ist ein steter Umlauf“, so Heike Berthold. Das habe sie anfangs gar nicht für möglich gehalten. Der Verein kümmert sich seit dem Aus des Kulturwerks um den Bücherschrank – und hat nur wenig Arbeit mit dessen Betrieb, sortiert etwa allzu stark zerlesene Schmöker aus. „Das Angebot kommt bei den Riesaern gut an.“ Nur nachts sei es eben schwierig, ein Auge auf die Zelle zu haben, um sie vor Chaoten zu schützen. Den Bücherschrank vor dem Kino abzuschaffen, das steht vorerst nicht zur Debatte. „Es gibt noch ein weiteres solches Angebot in der Bibliothek. Aber dort erreicht man nicht so viele Leute, der Mannheimer Platz ist da viel zentraler gelegen.“

Zeugen, die Hinweise zum Tathergang oder auf die mutmaßlichen Täter machen können, werden gebeten, sich beim Riesaer Polizeirevier persönlich oder telefonisch zu melden: Telefon 03525 710279.