merken

Bulldozer am Oranienplatz

Eineinhalb Jahre lang lebten Flüchtlinge in Berlin in einer Zeltstadt. Jetzt reißen sie ihre Behausungen mit ab.

© dpa

Von Theresa Münch und Bastian Benrath, Berlin

Ein Flüchtling packt einfach zu. Mit bloßen Händen reißt er Spanplatten und Planen von den Bretterbuden im Zentrum Berlins. Er habe genug von Nässe, Ratten und Dreck, sagt der Mann in der Trachtenjacke. Unter lautem Protest reißt er Hütten anderer Flüchtlinge ab, die bleiben und kämpfen wollen. Später rollen Bagger an. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Anzeige
Eine Pflegeimmobilie als Kapitalanlage
Eine Pflegeimmobilie als Kapitalanlage

In Hainichen kann ab sofort sicher, sorglos und sozial wertvoll Geld angelegt werden.

Eineinhalb Jahre lang haben mehr als hundert vorwiegend afrikanische Flüchtlinge auf dem Kreuzberger Oranienplatz campiert und für eine Zukunft in Deutschland gekämpft. Nach wochenlangem Ringen mit der rot-schwarzen Berliner Landesregierung wollen die einen jetzt abreißen und in ein leerstehendes Hostel ziehen. Die anderen, unterstützt von der linken Szene, wollen bleiben.

„Wir wollen ein neues Leben anfangen“, sagt Liza, der nach seiner Flucht über die italienische Insel Lampedusa seit Monaten auf dem Oranienplatz hauste. Den Umzug hatten sie mit Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) ausgehandelt. Die Flüchtlinge bekommen warme Duschen, Vierbettzimmer, Beratung beim Asylprozess und eine umfassende Prüfung ihrer Anträge. Die Bedingung: Die Bretterbuden werden friedlich abgebaut – und der Platz wird nicht, wie schon einmal geschehen, direkt neu besetzt.

Wegen des Camps hatte es heftigen Streit innerhalb des Berliner Senats gegeben. Ein Jahr lang war das Lager vom toleranten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg geduldet worden. Dann war Innensenator Frank Henkel (CDU) der Kragen geplatzt. Zur Not müsse der Platz mit Gewalt geräumt werden, forderte er. Die SPD und Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) verhinderten das. Senatorin Kolat schließlich rang einigen Flüchtlingen die Zusage zur Räumung ab.

Die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne), die das Camp lange geduldet und sich gegen eine gewaltsame Räumung gestemmt hatte, ist erst mal zufrieden: „Das Schlafen und Wohnen auf dem Oranienplatz wird jetzt beendet“, betont sie.

Doch das Flüchtlingsproblem bleibt. Der Oranienplatz mitten in der deutschen Hauptstadt hat es zwar für viele sichtbar gemacht. Jetzt sind die Zelte weg. Aber in einer Schule ganz in der Nähe leben noch immer rund 200 Menschen in ähnlich unwürdigen Verhältnissen. (dpa)