merken

Leben und Stil

Bundesbehörde warnt vor Antibiotika

Angesichts schwerer Nebenwirkungen dürfen viele Mittel nur eingeschränkt verschrieben werden. Welche sind das?

© imago/JuNiArt

Von Ulrike Hofsähs

Künftig sollen bestimmte Antibiotika nur noch eingeschränkt verschrieben werden. Dabei geht es um die weit verbreitete Gruppe der Fluorchinolone. Sie können schwere Nebenwirkungen verursachen, heißt es in einem Warnschreiben an Ärzte und Krankenhäuser.

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Kunst in der Haftanstalt

OSTRALE Biennale O19 öffnet Kunstorte außerhalb der Hauptausstellung - beispielsweise in der Gedenkstätte Bautzner Straße.

Um was geht es in dem Schreiben, auf dem eine rote Hand prangt?

Ärzte und Krankenhäuser werden über die neuen Warnhinweise informiert. Fluorchinolonhaltige Antibiotika sollen demnach nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Bewertung im Einzelfall verschrieben werden. Risiken und Anwendungsbeschränkungen sollen „lückenlos beachtet werden“.

Um welche Antibiotika geht es?

Es geht um alle Fluorchinolone, die über den Mund eingenommen, gespritzt oder inhaliert werden, schreibt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in einer Pressemitteilung. In Deutschland sind die Wirkstoffe Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin zugelassen. Insgesamt sind über 30 Hersteller betroffen. Diese Antibiotika werden schon länger mit schwerwiegenden Nebenwirkungen in Zusammenhang gebracht. Bereits in der Vergangenheit wurde die Anwendung auf europäischer Ebene eingeschränkt.

Werden fluorchinolonhaltige Antibiotika häufig verschrieben?

Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK verordneten niedergelassene Ärzte gesetzlich Versicherten im Jahr 2017 etwa fünf Millionen Packungen mit fluorchinolonhaltigen Antibiotika. Damit könnten schätzungsweise 3,5 Millionen Patienten behandelt werden. Fluorchinolone gibt es seit Mitte der 1980er Jahre, sagte der Wissenschaftliche Sekretär der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie, Michael Kresken. Insbesondere in der ambulanten Medizin würden sie bisher zu häufig verordnet. „Das wird von Experten bereits seit Jahren kritisiert“, so Kresken.

Welche Nebenwirkungen werden beschrieben?

Zu den „sehr seltenen schwerwiegenden und anhaltenden, möglicherweise irreversiblen Nebenwirkungen“ gehörten laut BfArM vor allem Entzündungen oder Risse der Sehnen, Muskelschwäche, Gelenkschmerzen, Schwierigkeiten beim Gehen, Müdigkeit, Depressionen, Schlafstörungen sowie Probleme beim Sehen oder Hören. Behandlungen mit einem fluorchinolonhaltigen Antibiotikum sollten beim ersten Anzeichen einer dieser Nebenwirkungen beendet werden.

Was heißt „sehr selten“ in Bezug auf die Nebenwirkungen?

Nach Angaben des BfArM werden bei jährlich 350 Millionen in der EU verordneten Dosen Chinolon und Fluorchinolon etwa 30 Fälle gemeldet. Bekannt ist, dass nur ein Teil der Nebenwirkungen gemeldet wird. Selbst wenn man das einbezieht, treten die Probleme nach der internationalen Klassifikation „sehr selten“ auf, schreibt das BfArM. Chinolone sind in Deutschland nicht zugelassen.

Was steht in den neuen Warnhinweisen?

Mediziner sollen das Antibiotikum nur stark eingeschränkt verordnen. Bei Infektionen, die von selbst abklingen, sollte es nicht eingesetzt werden. Auch bei „leichten bis mittelschweren Infektionen“ sollen Fluorchinolone in der Regel nicht verordnet werden. Nicht verschrieben werden sollten sie etwa bei einer Mandelentzündung, akuter Bronchitis oder zur Vorbeugung von Reisedurchfall. Die Hinweise für Patienten und Ärzte werden entsprechend verändert. Das BfArM stellt aber auch klar: „Fluorchinolone sind eine wichtige Behandlungsoption gegen verschiedene Infektionserkrankungen, darunter einige lebensbedrohliche, bei denen andere Antibiotika nicht ausreichend wirksam sind.“

Warum kommen die Einschränkungen erst jetzt?

Das Bonner Bundesinstitut hat 2017 selbst ein europäisches Risikobewertungsverfahren angestoßen. Im Juni 2018 gab es eine Anhörung bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur in London, wo Patienten, Ärzte und andere sprachen. Danach folgten in dieser EU-weiten Angelegenheit Bescheide, Fristen und schließlich für Deutschland der „Rote-Hand-Brief“. (dpa)