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Bunt gegen einfarbig

Ein Meißener Verein demonstriert mit einem Kunstfest für Toleranz. Dicht daneben gibt es ganz andere Töne zu hören.

© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Meißen. Vier Farbflaschen fixieren das kleine Plakat am Boden des Heinrichsplatzes. Eine Deutschlandflagge ist darauf gemalt, daneben ein schwarzer Stern und ein rotes Herz. „Deuchlad“ steht darüber, nicht ganz richtig, aber in den Landesfarben geschrieben. Der Asylbewerber, der seiner Liebe zur neuen Heimat so Ausdruck verliehen hat, feierte gestern mit geschätzten 150 Menschen, darunter viele andere Flüchtlinge, auf dem Meißner Heinrichsplatz. Der Kunstverein und das Bündnis Buntes Meißen hatten ab 17 Uhr zu einer gemeinsamen Kunstaktion für mehr Toleranz eingeladen.

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So trocknen anderthalb Stunden nach Beginn Jutebeutel mit „Meißen-ist-bunt“-Schriftzügen an Wäscheleinen; auf Bannern am Boden steht „Kein Mensch ist illegal“ oder „Kosovo“. Ein großes Mandala aus Blumen, Früchten und Sägespäne schmückt den Platz vor dem Brunnen. Über allem ertönt Musik aus den 80ern oder 90ern, von Macarena bis Techno.

Doch bis zum Theaterplatz dringt sie nicht. Und auch manch andere Töne kommen hier nicht an. Statt bunter Körperbemalung ist die dominierende Farbe hier Schwarz. Grüppchen von jungen Männern mit auffallend kurzen Haaren, ab und an ein paar Frauen oder Familien mit Kinderwagen, stehen gegen halb sieben noch ein wenig unorganisiert herum.

Demo kurzfristig verlegt

Vor dem Theater diskutiert da gerade Geschäftsführerin Renate Fiedler mit Polizisten, vor Aufregung ganz blass. Die Mitglieder der Initiative Heimatschutz will sie nicht vor ihrem Theaterhaus sehen. Die Demonstration wurde aber kurzfristig vom Kleinmarkt auf den Theaterplatz verlegt - warum, ist unklar. Ändern wird Renate Fiedler das an diesem Abend nicht mehr.

Gegen 19 Uhr kommt Bewegung in die einzelnen Gruppen, sie verdichten sich zu einer Masse, die Richtung Theater schaut, dorthin wo mittlerweile zwei Lautsprecherboxen aufgebaut wurden. Für den Beobachter gibt es hier viel zu lesen: Mitgebrachte Schilder fordern nicht nur „ehrliche und straffreie Geschichtsforschung“, sondern holen auch zum Rundumschlag gegen TTIP, die Nato und den Amerikaner an sich aus.

Auch eine Vorliebe für Spruch-T-Shirts fällt ins Auge: „Volk und Nation“ steht auf einem, „Natürlich komme ich in die Hölle“ auf einem anderen. Der wohlproportionierte Bauch eines Teilnehmers erklärt: „Meine vier größten Krisen: Bier warm, keine Zigaretten, Alte keine Lust, Kratzer im Lack“.

Wären das die einzigen Probleme der gut 300 Menschen, die sich hier versammelt haben, müssten sie nicht mit zwei Polizeibussen von den Feiernden auf dem Heinrichsplatz getrennt werden. Und sie würden nicht so ekstatisch jubeln über die folgenden Reden der Organisatoren.

Anne Zimmermann, laut ihrer Facebookseite aus Heynitz in der Gemeinde Nossen, läuft stimmlich zu Hochtouren auf, als sie erklärt, man habe einfach die Schnauze voll und lasse sich nicht länger verarschen. „Jawoll“-Rufe und lautes Klatschen schallen ihr entgegen. Was folgt, sind Erklärungen, wie man sie schon oft auf Pegida-Demonstrationen hören konnte - tatsächlich ist heute auch ein Ausläufer der Montagsspaziergänger, GIDA Regional, dabei. „Wir zahlen für die ganze Welt.“ Klatschen. „Steuern werden sinnlos verschwendet.“ Klatschen. „Wir haben gar nichts gegen Ausländer.“ Verhalteneres Klatschen.

NPD-Stadtrat meldete Aufzug an

Nicht alle, die hier demonstrieren, werden sich auf diesen Satz einigen können. Das wird klar, wenn man weiß, wer die Demo und den folgenden Aufzug durch die Stadt angemeldet hat: Simon Richter, Stadtrat der NPD aus Radeberg. Auch unter den Teilnehmern ist das ein oder andere Gesicht der rechten Partei vertreten.

Als sich die selbst ernannten Heimatschützer eine halbe Stunde später in Bewegung setzen, werden auch die Feiernden auf dem Heinrichsplatz einmal laut: Say it loud and say it clear, refugees are welcome here - so fordert eine Gruppe junger Menschen das Bekenntnis zu einer wahren Willkommenskultur. Die Demonstranten ziehen wortlos vorbei, eskortiert von einem Polizeibus. Die über 100 Polizisten können an diesem Abend Konfrontationen zwischen beiden Lagern vermeiden.

Die Kinder, die während der Ansprachen auf dem Theaterplatz auf dem Boden saßen und reflexhaft mitklatschten, als die Erwachsenen es vormachten, ziehen jetzt mit den Demonstranten durch die Stadt. So können sie nicht im Bällebad untertauchen, das auf dem Heinrichsplatz aufgebaut ist. Darin toben gerade ihre Altersgenossen herum. Manche von ihnen sind blond, andere schwarzhaarig, manche haben glattes Haar, manche krauses. In den bunten Bällen kommen sie gar nicht auf die Idee, sich darüber zu wundern.