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Chaos an der Bahnsteigkante

An der Strecke nach Dresden wird gebaut. Soweit, so gut. Nur den Reisenden hat vorab niemand Bescheid gesagt.

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© SZ/Uwe Soeder

Von Sebastian Kositz

Kamenz. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Für gewöhnlich ist die Fahrt mit dem Zug für die Pendler zwischen dem Landkreis Bautzen und Dresden eher dröge. Was eigentlich auch gut so ist. Doch wer in diesen Tagen in Königsbrück, Kamenz, Bautzen oder Wilthen in die Bahn steigt, hat mitunter noch während, spätestens aber nach der Fahrt durchaus Redebedarf. Denn die Bauarbeiten an zwei Bahnbrücken in Dresden wirbeln derzeit den gesamten Bahnverkehr im Landkreis durcheinander. Aber damit nicht genug. Jetzt hat auch noch eine Kommunikationspanne viele Reisende am Bahnsteig kalt erwischt. Doch der Reihe nach. Die Bahn hat sich selbst einen mutigen Fahrplan gestrickt. Bis 2022 will das Verkehrsunternehmen auf der Strecke zwischen Dresden und Görlitz insgesamt acht Bahnbrücken auf Vordermann bringen. Leidgeprüfte Pendler erinnern sich an die Arbeiten an dem Langebrücker Viadukt oder der Überführung an der Dresdner Straße in Radeberg. Nun sind die Querungen über die Staufenbergallee und der 171 Jahre alte Viadukt über den Nesselgrund in Dresden an der Reihe. Und ganz egal, auf welcher der insgesamt vier Strecken der Bahnreisende im Landkreis unterwegs ist – alle dort fahrenden Züge müssen auf dem Weg hinab zur Elbe über diese beiden Brücken.

Der alte Viadukt in Dresden-Klotzsche (hinten) wird abgerissen und voraussichtlich bis Mitte 2017 durch einen Neubau ersetzt. Damit die Züge in der Bauzeit weiter zweigleisig rollen können, wird eine Behelfsbrücke (Mitte) montiert. Im Moment steht deshalb
Der alte Viadukt in Dresden-Klotzsche (hinten) wird abgerissen und voraussichtlich bis Mitte 2017 durch einen Neubau ersetzt. Damit die Züge in der Bauzeit weiter zweigleisig rollen können, wird eine Behelfsbrücke (Mitte) montiert. Im Moment steht deshalb © René Meinig

Um den betroffenen Streckenabschnitt zwischen Radeberg und Dresden-Neustadt nicht gänzlich sperren und die Reisenden in trödelnde Ersatzbusse zwängen zu müssen, haben sich die Deutsche Bahn, die beteiligten Verkehrsverbünde und die auf den Strecken rollenden privaten Bahnunternehmen einen Sonderfahrplan für die aktuelle Bauphase erdacht. Über die seit Montag nur noch eingleisig befahrbare Strecke zwischen dem Neustädter Bahnhof und Dresden-Klotzsche können die Görlitzer, Zittauer und Kamenzer Züge demnach weiterhin rollen – jedoch mit teils geänderten Abfahrzeiten. Die Flughafen-S-Bahn und der Zug nach Königsbrück wurden hingegen verbannt. Stattdessen pendeln zwischen Klotzsche und Flughafen sowie dem vorläufigen Endpunkt der Königsbrücker Linie in Dresden-Weixdorf nur noch Busse.

Keine Infos

Dumm nur: Über den Baustellenfahrplan waren die Reisenden ebenso wie über die von Montagabend bis Dienstagvormittag zudem nötige Komplettsperrung der Strecke im Vorfeld gar nicht oder nur unzureichend informiert worden. Etliche erfuhren kurz zuvor oder gar erst im Zug von den Änderungen. Eine unglückliche Situation gerade für jene, die am Montagabend oder am Dienstag im morgendlichen Berufsverkehr die Bahn nutzen wollten und dann in Radeberg plötzlich in den Bus einsteigen und somit für die Fahrt zur Arbeit deutlich mehr Zeit in Kauf nehmen mussten. Bei den im Landkreis zuständigen Verkehrsverbünden Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) und Oberelbe (VVO) glühten daraufhin die Drähte. „Die Informationssituation am Montag war unbefriedigend. Wir können die Kritik der Fahrgäste gut verstehen“, so Zvon-Sprecherin Sandra Trebesius. Gern hätte man rechtzeitig informiert – allein der Brücken-Bauherr Deutsche Bahn hätte die dazu nötigen Angaben spät geliefert, heißt es übereinstimmend vom Zvon, dem VVO und der Privatbahn Trilex.

Verspätungen gehören dazu

Für die Deutsche Bahn sind allerdings „keine Versäumnisse erkennbar“, wie es auf Anfrage heißt. Die privaten Eisenbahnunternehmen seien bereits im Januar erstmals über die für Anfang Juli angedachte Komplettsperrung und Mitte Mai über die Eingleisigkeit für den Zeitraum zwischen dem 5. und 19. Juli informiert worden. Der dazu notwendige Fahrplan, so heißt es aus der Pressestelle der Bahn, sei schließlich am 30. Juni herausgegeben worden. Inzwischen haben die Verkehrsverbünde und die Privatbahnen Städtebahn Sachsen und Trilex reagieren können. „Seit Dienstag sind alle Fahrpläne auf den Internetseiten aktuell“, so VVO-Sprecher Christian Schlemper. Doch der Ärger für etliche Reisende ist damit nicht vorbei. Denn richtig rund läuft der Baustellenfahrplan nicht.

Die Bahn selber gebraucht das Wort „holprig“, indem sie beispielsweise auf die Situation am Freitagvormittag verweist. Weil ein Kamenzer Zug zehn Minuten Verspätung hat, gerät der eng gestrickte Fahrplan um die Baustelle herum für einige Zeit aus dem Takt, nachfolgende Züge werden deshalb ausgebremst. Und das ist kein Einzelfall. Der Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) räumt für die Görlitzer und Zittauer Strecke „immer wieder Verspätungen im Minutenbereich“ ein. Aber, so meinen die Verantwortlichen beim VVO, „die aktuelle Situation ist angesichts des Nadelöhrs zufriedenstellend“.

Noch mehr Sperrungen

Die Verkehrsverbünde weisen auf die Alternative hin. So sei im Vorfeld über die Vollsperrung der Strecke zwischen Dresden-Neustadt und Radeberg diskutiert worden. „Es war aber ein gemeinsames Ziel aller Beteiligten, möglichst viel Verkehr mit den Zügen abzuwickeln, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten“, sagt VVO-Sprecher Christian Schlemper.

Um erneute kurzzeitige Sperrungen des Bereichs kommen die Reisenden aber nicht herum. So sind bereits am Dienstag von 9 bis 17 Uhr sowie in den Nächten vom 15. auf den 16. Juli und den 19. auf den 20. Juli Unterbrechungen angekündigt.

Informationen zum Fahrplan gibt es im Internet: www.vvo-online.de und www. zvon.de