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Chaostage bei Bombardier

Das Unternehmen setzt seinen Görlitzer Werkleiter vor die Tür. Mitarbeiter und Gewerkschaft sind schockiert.

© Nikolai Schmidt

Von Tilo Berger

Görlitz. Wir wollen hier die Zukunft gemeinsam gestalten.“ Mike Vetter sagte diesen Satz im April dieses Jahres in einem Interview mit der SZ. Seit Donnerstag dieser Woche steht fest: Der 54-Jährige wird im Bombardier-Konzern keine Zukunft mehr gestalten. Das Unternehmen hat den Leiter seines Görlitzer Werkes vor die Konzerntür gesetzt. Warum, verriet Bombardier-Sprecher Andreas Dienemann nicht: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Personalthemen generell vertraulich behandelt werden.“

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Rund zwei Jahre leitete Vetter das Görlitzer Werk. Er sollte und wollte den jetzt laufenden Veränderungsprozess managen – von der Produktion ganzer Fahrzeuge zum Hersteller von Wagenkästen. Was jetzt passierte, habe alle überrascht, sagt der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende René Straube: „Damit hat niemand gerechnet. Das war überhaupt nicht absehbar.“ Vetter sei nicht von selbst gegangen, das Unternehmen habe die Trennung vollzogen.

Für René Straube kommt das Ganze zur Unzeit. Im Görlitzer Werk stünden die letzten beiden Wagen zum Innenausbau. Sobald die fertiggestellt sind, „ist dieses Kapitel für uns Geschichte“. Noch beschäftige das Görlitzer Werk rund 1 300 fest angestellte Mitarbeiter und etwa 200 Leiharbeiter. Doch Straube weiß, und so ist es auch zwischen der Konzernführung und dem Bombardier-Gesamtbetriebsrat vereinbart: Diese Zahl wird sinken. Wenn am Ende wirklich nur noch rund 800 Arbeitsplätze blieben, wie Bombardiers Deutschland-Chef Michael Fohrer im April in den Raum stellte, „dann wäre das für uns der Super-Gau, der größte anzunehmende Unfall“, sagt der Görlitzer Betriebsratsvorsitzende. Betriebsbedingte Kündigungen sind dabei bis Ende 2019 ausgeschlossen, war im Frühjahr vereinbart worden.

Vetters Stelle müsse zügig neu besetzt werden, fordert der Arbeitnehmervertreter. „Wir stecken in einem schwierigen Transformationsprozess, der allen viel abverlangt. Da brauchen wir hier jemanden ohne lange Einlaufkurve.“

Als Übergangslösung hat Bombardier den Franzosen Pierre Fleury nach Görlitz beordert. Dem Konzern zufolge ist er „ein erfahrener Mann aus den eigenen Reihen. Fleury ist Produktionschef bei Bombardier Transportation. Im Laufe seiner Karriere in der Bahnindustrie war er bereits für die Leitung verschiedener Standorte tätig. Er ist Franzose, spricht deutsch und hat seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland.“ Im Görlitzer Werk selbst ist Fleury noch unbekannt.

Unternehmenssprecher Dienemann zufolge bedeute der Wechsel im Görlitzer Chefzimmer keinen Wechsel in der strategischen Ausrichtung. Die beschlossene Spezialisierung für den Wagenkastenbau in Görlitz werde konsequent umgesetzt.

Mit Unverständnis quittierte der Ostsachsen-Chef der Industriegewerkschaft Metall, Jan Otto, die Rochade im größten Görlitzer Industriebetrieb: „Leider führt Bombardier hier den Kurs der Unzuverlässigkeit weiter. Dabei brauchen wir gerade jetzt belastbare und vertrauensvolle Zeichen, damit der geplante Umbau gelingen kann, es aber gleichzeitig auch zur Abarbeitung der vorhandenen Aufträge kommt.“

Otto zeigte sich „irritiert über die Kurzfristigkeit“ der Trennung von Mike Vetter: „Hier war kein Wechsel abzusehen.“ Mit Blick in die Zukunft sei nun eines wichtig: „Ein Werkleiter mit Weitblick und Branchenkenntnis muss her. Bombardier kann nur den Kolleginnen und Kollegen mit einem klaren Standortbekenntnis und erweiterten Investitionen über 2020 hinaus – so wie wir es in den Sondierungen gefordert haben – für Sicherheit sorgen und die entstehende Unruhe befrieden.“

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Tilo Berger kommentiert den plötzlichen Wechsel bei Bombardier in Görlitz.

Die jüngste Entwicklung bei Bombardier sorgte auch im Görlitzer Rathaus für Überraschung. Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos) sprach auf SZ-Anfrage von einer „äußerst bedenklichen Situation“. Das Bombardier-Werk sei in einer schwierigen Lage. Die jüngste Personalentscheidung zeige, dass die Gesamtstrategie von Bombardier offenbar feststehe. „Jetzt“, so Deinege, „kommt es darauf an, umso mehr die Kräfte zu bündeln, um den Standort Görlitz zu erhalten.“t