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Chef des Karl-May-Museums entlassen

© dpa

Unter den Hütern des Schriftstellererbes gibt es Zerwürfnisse. Offensichtlich läuft im Radebeuler Museum einiges schief.

Wolf Dieter Liebschner und Ulf Mallek

Der Hüter der weltberühmten Silberbüchse verliert seinen Job. Rene Wagner, langjähriger Chef des Radebeuler Karl-May-Museums sowie Geschäftsführer der Karl-May-Stiftung, ist entlassen worden. Am vergangenen Freitag erhielt der 63-Jährige die Kündigung und musste den Chefsessel nach 29 Jahren räumen. Sein dienstlicher E-Mail-Zugang wurde sofort gesperrt. Zu seinen weiteren Schritten wollte sich Wagner gestern am Telefon nicht äußern. Er bezieht noch bis Ende 2014 sein Gehalt.

Neue Direktorin des Hauses ist Claudia Kaulfuß, die bereits seit einem Jahr neben Wagner gleichberechtigte Geschäftsführerin und Verwaltungsdirektorin ist. Zu dem Vorgang gibt die 46-Jährige – wie auch Kustos Hans Grunert und weitere Museumsmitarbeiter – keine Auskünfte. „Wir haben im Vorstand einen Weihnachtsfrieden bis zum 6. Januar 2014 vereinbart“, sagt Kaulfuß. „Erst danach werden wir uns in dieser Angelegenheit öffentlich äußern.“

Stiftungsvorstandsmitglied und Ex-Oberbürgermeister von Radebeul Volkmar Kunze bestätigte die Kündigung. Allerdings sei sie nicht aus heiterem Himmel gekommen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Vorstand und Wagner sei zerrüttet. Zudem wurde als weiterer Hintergrund für die Entlassung der dramatische Rückgang der Besucherzahlen angegeben. Nachdem bis zum Ende der 1980er-Jahre jährlich noch bis zu 250 000 Gäste ins Haus strömten, war deren Zahl zuletzt auf 54.000 gesunken. Grund dafür ist unter anderem das zurückgehende Interesse besonders von Jugendlichen an der Karl-May-Literatur.

Vorstandsmitglied Thomas Grafenberg bestreitet indes, dass es einen Beschluss des Vorstandes zur Entlassung Wagners gegeben habe. „Wir haben einen Vorsitzenden und einen Stellvertreter, das sind die treibenden Kräfte hinter diesem Vorgang“, sagt Grafenberg und meint neben Kunze auch den Vorsitzenden Udo Franke. „Das war kein Beschluss des Vorstands, sondern der Gesellschafter.“

Grafenberg bezeichnet die fristlose Entlassung als „Frechheit“. So könne man nicht mit einem verdienstvollen Menschen umgehen, der ohnehin 2015 pensioniert werden würde. „Wagner ist auf den Gebieten Museumswesen und Indianistik eine Koryphäe“, so Grafenberg weiter. „Hier geht es um Macht. Hier ist auch Hass im Spiel.“ Gegen Wagner wurde schon länger intrigiert, heißt es unter Mitarbeitern des Museums. Vorstandsmitglied Grafenberg schätzt ebenso ein „dass die Kündigung nicht nur menschlich verwerflich, sondern auch rechtlich nicht einwandfrei“ sei. „Das war sicherlich noch nicht der letzte Schritt.“ Allerdings existieren auch konkrete Vorwürfe. Wagner fehlten Visionen, um das Haus aus der Krise zu führen. Insbesondere gebe es Probleme mit dem geplanten Erweiterungsbau. Da sei die Finanzierung immer noch nicht geklärt. Wagner fehlten geschäftliches Verständnis und Ideen für moderne Museumskonzeptionen. „Er ist ein bisschen out“, sagte ein Vertrauter.

Erst im vergangenen Monat ist vom Museum eine Bauvoranfrage bei der Stadt Radebeul eingereicht worden. Ein neues Besucherzentrum soll entstehen, die Villa Bärenfett saniert werden, ebenfalls die Villa Shatterhand, die zudem einen Fahrstuhl bekommen soll. Bis 2020 sollte das Gesamtvorhaben gemeinsam mit dem Träger des Museums, der Karl-May-Stiftung, verwirklicht werden. Es wurde mit Kosten in Höhe von bis zu 3,5 Millionen Euro gerechnet. Doch es gibt noch zahlreiche Probleme.

1928 wurde das Karl-May-Museum mit einer Indianerausstellung eröffnet. 1932 legte der Karl-May-Verein in dem Obstgarten auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Gedächtnishain mit Wasserläufen und einem herzförmigen Wasserbecken an, auch wurde ein Granitfindling mit der Inschrift „Karl May“ sowie einer Bronzeplakette aufgerichtet. Mit dem Tode von Mays Witwe Klara 1944 ging die Villa in den Besitz der Karl-May-Stiftung über.

Wagner hatte noch am 8. Dezember einen sinnfälligen Spruch auf Facebook gepostet: „Tu nicht immer, was Dein Kopf Dir sagt, sondern schließ Deine Augen und höre auf Dein Herz.“ Der Mann, der sich gern in Western-Kleidung und immer mit Cowboy-Hut zeigte, hatte das Museum 1985 übernommen und war zum Gesicht des Hauses geworden. Die Fachwelt, auch in den USA, schätzt ihn als Indianer-Fachmann, als Mr. Karl May.

Seinem Einsatz war es maßgeblich zu verdanken, dass die Einrichtung im Jahr 2010 von Sachsens Wissenschafts- und Kunstministerin Sabine von Schorlemer als „Familienfreundliches Museum“ ausgezeichnet worden war. Allerdings war das Haus schon geraume Zeit zuvor in eine finanzielle Schieflage geraten. Um Entlassungen zu vermeiden, hatten Wagner und weitere Museumsmitarbeiter 2005 auf zehn Prozent Gehalt verzichtet.

Der Geschäftsführer der Landesbühnen Sachsen, Till Wanschura, sagt: „Rene Wagner hat das Museum gut über die Wende gebracht und viele Jahre toll geführt. Ich wünsche ihm viel Glück.“