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Bautzen

Chef seit einem halben Jahrhundert

Henning Bodenstein übernahm 1969 das Sanitätshaus Adermann in Bautzen. Bis heute ist er fast täglich dort anzutreffen.

In der Werkstatt vom Sanitätshaus Adermann in Bautzen werden auch Unterschenkelprothesen hergestellt. Inhaber Henning Bodenstein zeigt zwei davon.
In der Werkstatt vom Sanitätshaus Adermann in Bautzen werden auch Unterschenkelprothesen hergestellt. Inhaber Henning Bodenstein zeigt zwei davon. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Leichter Rost zieht sich über das Stück Metall, das Henning Bodenstein aus einer Tüte herausholt. „Das ist meine Gesellenarbeit, ein Hüftgelenk. In unserer Lehrzeit haben wir noch geschmiedet und an der Drehbank mit der Feile gestanden“, sagt er. Seit einem halben Jahrhundert leitet der Bautzener Orthopädie-Mechaniker-Meister das Sanitätshaus Adermann. Damit gehört der Bautzener zu den dienstältesten Handwerksmeistern seiner Innung in Sachsen. Ans Aufhören denkt der 79-Jährige nur ganz langsam, stattdessen ist er fast täglich in seinen Werkstätten, Geschäften und an seinem Schreibtisch anzutreffen. Müßiggang ist für ihn ein Fremdwort.

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Henning Bodenstein holt noch mehr selbstgeschmiedete Relikte aus seiner Lehrlingszeit hervor und lässt die Zeit in Gedanken wieder lebendig werden. Bei seinem Ausbildungsbeginn ist der Zweite Weltkrieg zehn Jahre vorbei. Gerade in diesem Jahr kommen nach dem Besuch des Bundeskanzlers Konrad Adenauer letzte Kriegsgefangene aus den Gefangenenlagern in der Sowjetunion frei. Darunter sind zahlreiche Amputierte, die Hilfe im Betrieb von Bodensteins Stiefvater suchen. Jener Artur Adermann, ein gebürtiger Stettiner, war auf der Handwerkswalz in Bautzen gestrandet und hatte bei einem Orthopädie-Mechaniker eine Anstellung gefunden.

Müssen aus der Heimat fliehen

Durch sein Handwerk bleibt dem Experten für Prothesen und Stütz-Apparaturen jeder Art der Weg auf Hitlers Schlachtfeld erspart. Anders geht es seinem Freund, Henning Bodensteins Vater Hans. Er wird mit Kriegsbeginn 1939 eingezogen, ein knappes halbes Jahr später verbringt er einen Kinoabend mit Kameraden in Schleswig. „Dann kam ein Ordonnanz-Offizier auf die Bühne und verkündete meine Geburt“, erinnert sich Henning Bodenstein an eine oft erzählte Familiengeschichte. Danach folgen nicht mehr viele glückliche Momente. Irgendwann gilt der Vater als verschollen, die Mutter hält schützend die Hände über ihre beiden Kinder, versucht mit den zwei Kleinen mitten im Krieg so viel Alltag wie möglich – und doch bleibt es ihr im April 1945 nicht erspart, aus ihrer Heimatstadt zu flüchten. Mit einem Handwagen macht sich die Mutter mit Tochter und Sohn auf den Weg. „An diesem Tag stand das Wendische Haus unter Beschuss. Granatsplitter flogen. Diese Erinnerungen bleiben für immer“, sagt Henning Bodenstein. Es folgt die Rückkehr in eine traumatisierte Stadt voller Einheimischer und Flüchtlinge, die sich freuen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Bereits am 20. Juni 1945 beantragt Orthopädiemechaniker Artur Adermann die Zulassung für seinen Betrieb. Seinem ursprünglichen Arbeitgeber indes wird die Erlaubnis entzogen wegen der SS-Mitgliedschaft des Sohnes. Gleichzeitig kümmert sich der Handwerksmeister um die Familie seines Freundes. Hans Bodenstein wird 1950 für tot erklärt.

Henning Bodenstein holt eine Chronik hervor. Schwarz-Weiß-Aufnahmen führen in die Anfangsjahre des Sanitätshauses Adermann. Im Hinterhof in der Reichenstraße befindet sich die Werkstatt. 32 Mitarbeiter beschäftigt Artur Adermann für das „Heer der Amputierten“. „Es gab schlecht Material, die Bedingungen waren nicht immer einfach. Trotzdem gab es eine sehr persönliche und individuelle Betreuung“, sagt der Sanitätshaus-Chef. Ihn interessieren seinerzeit vor allem PS-starke Motoren. Als „Flausen“ bezeichnet er seinen Wunsch, Kfz-Mechaniker zu werden.

Trotzdem beginnt der Bautzener eine Lehre im Betrieb des Ersatzvaters. Nebenbei frönt er seiner Leidenschaft bei den legendären Internationalen Autobahnringrennen zwischen 1955 und 1974 an der Hummel – allerdings nur an und nicht auf der Strecke. „Ich habe mich für die Technik und Organisation interessiert und gelernt, was Freundschaft heißt“, sagt der langjährige Vorsitzende des Motorsportclubs Bautzen. Zuerst kommt er als „Straßenkehrer“ zum Einsatz und baut die Strecke auf, später ist er Strecken-Obmann und kümmert sich um die Fahrer.

Die Familie zieht mit

Sein Hauptaugenmerk liegt aber auf der beruflichen Qualifizierung. Nächtelang steht er 1966 am Zeichentisch für den Entwurf einer Oberschenkelprothese für seine Meisterprüfung. Mit 29 Jahren übernimmt Henning Bodenstein am 20. November 1969 das Sanitätshaus Adermann. Die Ärzte beäugen das Können des jungen, neuen Chefs. Gleichzeitig modernisiert er seine Werkstatt und fängt zum Beispiel an, Kunststoff für wasserfeste Prothesen zu verarbeiten. Knapp zehn Jahre später wählen ihn seine Kollegen als Obermeister für die Berufsgruppe im Bezirk Dresden, nach der Wende sprechen ihm die Mitglieder der neugegründeten Innung in Sachsen erneut das Vertrauen für weitere zwölf Jahre aus. Der Selbstständige schafft es, nicht nur sein Unternehmen in der DDR vor der Zwangsverstaatlichung zu schützen, er vertritt ab 1989 mit seiner Stimme bundesweit die Orthopädiemechanik im Freistaat und stellt für sein eigenes Unternehmen die Weichen neu. „Beim fachlichen Können mussten wir uns nicht verstecken“, sagt der Sanitätshaus-Chef.

Henning Bodenstein kann sich der gesellschaftlichen Arbeit widmen, auch weil ihm seine Frau und der Sohn im Betrieb den Rücken freihalten. Der studierte Mediziner und Orthopädiemechaniker-Meister soll mit dem 70. Geburtstag des Vaters das Sanitätshaus übernehmen. Es kommt anders. „Das Schicksal war hart mit uns“, sagt der Chef über 20 Mitarbeiter traurig. Sein Junior verliert den Kampf gegen den Krebs. Die Weiterarbeit lässt den Senior Trauer und Schmerz ertragen. Inzwischen sei eine Regelung für die Nachfolge getroffen. „Die Weichen sind gestellt.“

Beruf ist moderner geworden

Der Unternehmer packt seine Schmiedearbeiten wieder ein. „Unser Beruf ist moderner und vielfältiger geworden. Heute reden wir über Hydraulik, Elektronik und sogar 3-D-Druck. Es gibt dazu ein großes Netz von Zulieferfirmen“, sagt er. Neben der Orthopädie-Werkstatt mit sieben Mitarbeitern gehören zu seinem Gesundheitszentrum eine Reha-Abteilung mit 24-Stunden-Notdienst, wo es von den Gehhilfen bis zum Pflegebett alles gibt, sowie die Sanitätshäuser in Bautzen und Bischofswerda. Für sein großes Engagement um das Orthopädietechnikerhandwerk erhielt der Bautzener genau vor einem Jahr das Bundesverdienstkreuz. Für ihn ist das kein Grund, sein tägliches Arbeitspensum zu vernachlässigen. Der Müßiggang muss noch ein bisschen warten.

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