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Chefdiplomat mit losem Mundwerk

Der britische Außenminister Boris Johnson geht auch im Fall Skripal forsch zu Werke. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

© AFP

Von Jochen Wittmann, SZ-Korrespondent in London

Er hat das schon immer so gemacht. Kurz bevor die Kameras laufen, fährt sich Boris Johnson mit der Hand durch seine weiß-blonden Haare, denn das ist sein Markenzeichen: der Wuschelschopf. Genau wie sein Anzug, der stets etwas zerknittert aussehen muss. Boris Johnson hat seine öffentliche Persona sorgsam kultiviert. So kennen ihn die Briten, so mögen sie ihn. Etwas linkisch, etwas unbeholfen, aber mit einer farbigen Ausdrucksweise und viel Sinn für Humor. Von der Marke Boris will er nicht lassen, auch als britischer Außenminister nicht.

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Und genau so präsentierte sich der Chefdiplomat des Königreichs in einem Interview mit der Deutschen Welle, das ihm jetzt um die Ohren fliegt. Johnson wurde zum Fall Skripal befragt, dem Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal, dem es inzwischen deutlich besser geht, wie die Klinik in Salisbury am Freitag mitteilte. Großbritannien ist überzeugt, dass Russland hinter dem Anschlag steckt. Die Reporterin der Deutschen Welle fragte nach den Beweisen für Russlands Schuld. Johnson argumentierte, dass es sich bei dem Gift um den Kampfstoff Nowitschok handele, der in Russland hergestellt wurde. Die „Leute von Porton Down“, also vom britischen Militärlabor, seien „absolut kategorisch“, sagte Johnson. „Ich habe den Typ selbst gefragt: Bist du sicher. Und er sagte, da gibt es keinen Zweifel.“

Peinlich für Johnson wurde es, als Gary Aitkenhead, Chef des renommierten britischen Zentrums für Chemie- und Biowaffenforschung Porton Down, ihm zu widersprechen schien. Aitkenhead bestätigte zwar Nowitschok als das eingesetzte Gift, ließ aber Zweifel an der genauen Herkunft. „Wir können“, sagte Aitkenhead, „die präzise Quelle nicht identifizieren.“ Hat Johnson nun gelogen? Das britische Außenministerium wiegelte ab. Russland nahm Aitkenheads Äußerungen als Steilvorlage, um Johnson der Lüge zu bezichtigen.

Großbritannien ist nach wie vor von der russischen Spur überzeugt – aufgrund von geheimdienstlichen Erkenntnissen. Am Freitag sickerte davon etwas zur Times durch. Die Zeitung berichtete, dass London seine Partner in EU und Nato in geheimen Sitzungen unterrichtet habe, was zu gemeinsamen Strafmaßnahmen führte. Bei diesen Briefings sei „beispielloses“ Geheimdienstmaterial vorgelegt worden.

Nach britischen Erkenntnissen führt die Nowitschok-Spur nach Schichany. In der im Südwesten Russlands gelegenen „geschlossenen Stadt“ befinden sich geheime Laboratorien der russischen Armee. Die Briten sind überzeugt, dass in Schichany an chemischen Kampfstoffen gearbeitet wird. „Unsere Nachrichtendienste wissen“, bestätigte der britische Botschafter in Deutschland am Freitag, „dass es dieses Geheimprogramm zum Nowitschok-Giftstoff gibt.“

Putin persönlich angegriffen

Das macht allerdings die Lage für Boris Johnson nicht einfacher. Der Außenminister muss sich jetzt Kritik von der Labour-Opposition über sein „loses Mundwerk“ anhören. Oft ist der Chefdiplomat nach vorn geprescht, ohne seine Worte abzuwägen. So hat er den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich angeklagt, Drahtzieher hinter dem Anschlag zu sein, obwohl er das dann noch mit „höchstwahrscheinlich“ abschwächte.

Für Boris Johnson ist es schwierig, von seinen losen Reden zu lassen, denn er war schon immer so. Schließlich hat er seinen Aufstieg zu einem der populärsten Politiker des Landes seinem Humor zu verdanken. Johnson spielt den Politclown, aber hinter dieser Fassade stecken ein messerscharfer Intellekt und ein unermüdlicher Ehrgeiz. Premierministerin Theresa May kann ihn nicht einfach aus dem Kabinett werfen. Denn nach den desaströs verlaufenen vorgezogenen Neuwahlen steht sie stark geschwächt da und wird zum Spielball der Fraktionen innerhalb ihrer eigenen Partei. Johnson dagegen ist die Galionsfigur des Brexit-Lagers, hat er doch im Referendums-Wahlkampf eine entscheidende Rolle gespielt. Johnsons Entlassung würde wohl einen Kampf um die Parteiführung auslösen. Das weiß er und spielt seine Karten genüsslich aus, indem er der Premierministerin die Linien für einen harten Brexit vorgibt. (mit dpa)