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Chemiebetrieb probt den Notfall

Fluores klingt blumig. Eine ernste Sache ist die gleichnamige Übung in den Fluorwerken dennoch. Mit Verletzten und Vermissten.

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© Marko Förster

Von Heike Sabel

Dohna. In der Dohnaer Fluorchemie ist Säure ausgetreten. Bei Wartungsarbeiten hat sich ein Teil eines Kranes gelöst, einen Mitarbeiter verletzt und eine Leitung beschädigt. Zwei Männer haben sich aus eigener Kraft bereits vor das Gebäude gerettet. Ein Mitarbeiter ist vermisst.

Das ist das Szenario, das die Retter und Helfer Sonnabendfrüh in den Fluorwerken erwartet. Sie wissen lange genug, dass „Fluores 2016“ eine Übung ist. Der Kreisbrandmeister räumt die „Künstlichkeit“ des Szenarios ein. Dennoch ist so eine Übung wichtig, um das Zusammenspiel zu testen, Reserven und Fehler aufzuspüren. In regelmäßigen Abständen muss der Notfall in Betrieben wie der Fluorchemie getestet werden. Vor fünf Jahren war es ein genauso heißer Tag wie am Sonnabend. Doch wenn wirklich etwas passiert, fragt man auch nicht nach dem Wetter, sagen die Organisatoren.

Im Ernstfall werden kaum Hackepeterbrötchen für die Lagebesprechung bestellt sein, einer der Verunglückten wird nicht sagen „Ich soll eigentlich ohnmächtig sein“ und man wird nicht von „solchen grünen Männeln“ sprechen und einander zurufen: „Lauf nicht so schnell!“ Dennoch wird konzentriert der für solche Übungen und eben auch Notfälle erstellte Einsatzplan abgearbeitet.

Kein Padon

Als einem Retter unter dem Schutzanzug die Schutzbrille anläuft, gibt es trotzdem kein Pardon. „Bleib drunter“, sagt der Gruppenführer und wischt ihm die Brille ab. Die beiden Verletzten liegen nun schon anderthalb Stunden an der Unfallstelle. Einer ausgestreckt auf dem Fußboden, der andere im stillgelegten Ofen. Ein Bein hängt heraus. Um seine Lage ist der Mann nicht zu beneiden. Dass sie so lange ausharren müssen, hat nichts damit zu tun, dass die Retter zu langsam waren. Der Gefahrgutzug muss alarmiert und aus dem gesamten Kreis zusammengezogen werden, sagt der Kreisbrandmeister. Werkleiter Harald Werner verweist auf „interne Rettung“ im Notfall.

Am eigens geschalteten Bürgertelefon ruft keiner an, es wurde ja vorher über die Übung informiert. Dennoch ist das Telefon Teil des Katastrophenplanes und besetzt. Auch eine Pressemitteilung wird geschrieben. In der stündlichen Beratung des Einsatzstabes arbeitet Werkleiter Harald Werner die Fragen ab.

Der Werks-Einsatzleiter sagt, das Gas lässt nach. Der Feuermann fragt nach: „Wurde das gemessen?“ „Nein, da es aber nicht mehr austritt, verringert sich die Konzentration. Es gibt keine Verschlechterung mehr.“ Draußen haben die Feuerwehrleute und Katastrophenschützer eine Schleuse aufgebaut, damit kein mit Säure kontaminierter Mitarbeiter das Gelände verlässt.

Gegenüber wird ein weiteres Zelt aufgebaut. „Vier Ecken, vier Mann“, ruft einer. Nachdem zwei Männer im Schutzanzug die beiden Verunglückten fanden und die Lage sondierten, beginnt die Rettung. Der Vermisste ist inzwischen auch gefunden. Dann eine Meldung, die sich anders anhört: Real-Unfall. Das heißt, er gehört nicht zur Übung. Einem Helfer ist schlecht geworden, er hat Kreislaufprobleme. Bei der Hitze und der Montur, die vor allem jene mit den Atemschutzgeräten in den Gummianzügen tragen, kein Wunder.

Ihnen allen gebührt hohe Anerkennung und Dank, sagt Kreisbrandmeister Karsten Neumann am Ende der Übung. Für die Feuerwehren war dann noch nicht Schluss. Sie mussten die Einsatzbereitschaft wiederherstellen, also alles ein- und aufräumen und darauf vorbereitet sein, dass der nächste Alarm keine Übung ist.