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Die Retter des Grauen Wunders

Eine Chemnitzer Bürgerinitiative bewahrt eine historische Eisenbahnbrücke vor dem Abriss. Dafür gibt es die höchste deutsche Auszeichnung für Denkmalschutz.

Von Michael Rothe
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Kraft und Eleganz vereint: In Deutschland gibt es nur noch wenige Bahnbücken von der Art des Chemnitzer Viadukts.
Kraft und Eleganz vereint: In Deutschland gibt es nur noch wenige Bahnbücken von der Art des Chemnitzer Viadukts. © kairospress

Es war wie der biblische Kampf von David gegen Goliath: eine kleine Chemnitzer Bürgerinitiative versus übermächtige Deutsche Bahn. Letztlich gewann „Viadukt e.V.“, bewahrte eine historische Eisenbahnbrücke vor dem Abriss und bescherte den Unerschrockenen neben Schulterklopfen Deutschlands höchste Auszeichnung für Denkmalschutz. Am Freitag wurde die „Silberne Halbkugel“ in Berlin übergeben. Nur noch „Ignaz“ war im Weg. Doch die Sachsen hatten schon ganz anderen Stürmen standgehalten.

„Was tun mit einer alten, sanierungsbedürftigen Brücke?“, fragt die Festschrift des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK) zur Ehrung. „Die übliche Antwort der Deutschen Bahn AG lautet: Abreißen und durch einen Neubau ersetzen.“ Ausgerechnet ein Unternehmen der öffentlichen Hand gebe so „ein denkbar schlechtes Vorbild ab für den Umgang mit historisch wertvoller Bausubstanz“, heißt es.

Es geht um das Chemnitzer Viadukt, eine 275 Meter lange und gut 20 Meter hohe, stählerne Anlage über Annaberger Straße, Chemnitzfluss und Beckerstraße am Südrand der City und Highlight auf der Bahnlinie Dresden–Werdau. Die Kombination aus filigranen Fachwerkbögen und Balkenbrücken entstand 1901 bis 1909 und ist ein Werk des Ingenieurs Claus Koepcke, von dem auch das etwas ältere „Blaue Wunder“ in Sachsens Landeshauptstadt stammt.

Die Sanierung der Bogen- und Balkenbrücken mit zwölf Öffnungen erfolgt bei laufendem Verkehr und soll 2025 abgeschlossen sein.
Die Sanierung der Bogen- und Balkenbrücken mit zwölf Öffnungen erfolgt bei laufendem Verkehr und soll 2025 abgeschlossen sein. © kairospress

100 Jahre später wurde das Viadukt unter Denkmalschutz gestellt. Dennoch gab es Abrisspläne, die 2013 konkret wurden. Das rief Bürgerinnen und Bürger auf den Plan, die eine Initiative gründeten. Heute besteht der harte Kern des Vereins aus gut zehn Leuten. Ihnen gelang es, u. a. mit Vorträgen, Führungen, Online-Petition, einem Kerzenmeer unter dem Stahlkoloss und Lobbyarbeit Fachleute und Unterstützer zu gewinnen. So hatten zwei internationale Denkmalschutz-Organisationen, die auch das Welterbekomitee der Unesco beraten, an den damaligen Bahnchef Rüdiger Grube appelliert, den Abriss zu überdenken. Das „herausragende Zeugnis der Technik- und Industriegeschichte“, im Volksmund „Graues Wunder“ gehöre neben dem „Blauen Wunder“ zu den bedeutendsten Eisenfachwerk-Brücken jener Zeit.


Foto: Seidel
Foto: Seidel © Seidel

Die Bahn beantragte 2016 dennoch den „Rückbau“, wohl auch, weil sie Sanierungen meist selbst bezahlt, für Neubauten aber Fördermittel erhält. Doch es gelang, das Eisenbahnbundesamt zu überzeugen, dass der stählerne Bau mit 2,5 Millionen Nieten – so viele wie beim Eiffelturm in Paris – saniert und ertüchtigt werden kann. Entsprechend wurde die Bahn verpflichtet.

Brückendetail.
Brückendetail. © kairospress


Nicht überall treffen Abrisspläne auf Menschen, „die sich mit so viel Mut, Kreativität und Sachverstand gegen die Vernichtung historischer Bausubstanz und Ingenieurskunst wehren, wie in Chemnitz“, heißt es von der Jury des DNK und: „Das Engagement des ,Viadukt e. V.‘ und insbesondere dessen Erfolg sind leider eine Ausnahme, die aber unbedingt allerorten in Deutschland als Vorbild dienen sollte.“

Das Komitee stiftet den Deutschen Preis für Denkmalschutz seit 1977 in drei Kategorien. Die Silberne Halbkugel, ein Kunstwerk des Bildhauers Fritz Koenig, wurde 2020 sechs Mal vergeben und jetzt im BCC, bekannt als „Haus des Lehrers“, überreicht.

Bei der Wahl habe es keinen Bonus für die Initiative aus seiner Geburtsstadt gegeben, beteuert DNK-Präsident Gunnar Schellenberger. „Aber logisch, dass mein Heimatherz klopft“, sagt der Karl-Marx-Städter. „Ich war schon als Kind vom Viadukt beeindruckt und habe mich über die Wahl gefreut“, so 61-Jährige, der bis 1978 vor Ort lebte und heute mit CDU-Mandat Landtagspräsident in Sachsen-Anhalt ist.

2021 gibt es mit der Evangelischen Kulturstiftung Görlitz einen weiteren Preisträger aus Sachsen. Er wurde für 25-jährige Verdienste zu Schutz, Pflege und Erhalt der Görlitzer Kulturdenkmale geehrt.

Der Preis für die Retter.
Der Preis für die Retter. © DNK

Zur Ehrung 2020, die wegen Corona verschoben wurde, hatten sich vor einem Jahr mit Martin Dulig (SPD) und Thomas Schmidt (CDU) zwei sächsische Minister über „Viadukt e.V.“ gefreut, dessen „Engagement, Mut, Kreativität und Sachverstand“ sowie die Bedeutung des Bauwerks gewürdigt – und ihren eigenen Beitrag.

„Die Politik hat sich sehr langsam bewegt“, entgegnet Johannes Rödel, einer der drei Vereinsvorstände. Stadt und Landesregierung hätten die Initiative „löblich gefunden“, die Abrisspläne aber verteidigt, so der 54-Jährige. Es gehe um moderne Infrastruktur, nicht um Eisenbahn-Romantik, zitiert er Entscheider. „Erst als der Druck der Straße immer größer wurde, ist die Politik umgeschwenkt“, blickt der Werkstoffwissenschaftler zurück. „Anfangs hatten wir wenig Hoffnung, gegen einen Gegner wie die Bahn etwas auszurichten“, sagt Rödel. Er habe Gleichgesinnten gesagt: „In 50 oder 100 Jahren muss im Stadtarchiv stehen, dass sich jemand gegen den Abriss der Brücke gewehrt hat.“

Seit 2019 erneuert die Bahn den 2,8 Kilometer langen Chemnitzer Bahnbogen mit dem Viadukt. Laut DB wird derzeit eine Behelfskonstruktion zur Absicherung von Bauwerk und laufendem Verkehr errichtet. Die eigentlichen Arbeiten sollen im Frühjahr beginnen. Die Frage nach den Kosten „stellt sich nicht, weil der angedachte Neubau nicht ausgeführt wird“, heißt es auf SZ-Anfrage. Dafür waren mal 12,3 Millionen Euro kalkuliert worden. Ende 2023 sei die Inbetriebnahme des Viadukts vorgesehen, schreibt die Bahn, die Gesamtfertigstellung „spätestens 2025“. Dann sei die Modernisierung der Sachsen-Franken-Magistrale „weitestgehend abgeschlossen“, werde die Fahrzeit von Dresden nach Hof um eine Stunde auf zweieinhalb Stunden verkürzt.

Die Mission von Rödel & Co indes ist noch nicht beendet. Der Verein hat die Gestaltung des unschönen Areals um die Brücke in die Chemnitzer Bewerbung für Europas Kulturhauptstadt 2025 eingebracht.