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Der fremde Vater mit der großen Reise

Karl Kockisch starb wenige Wochen, bevor sein Sohn Heinz geboren wurde. Der hütete das chinesische Tagebuch seines Vorfahren auch heute im Heim in Bannewitz. Und hat es sogar „übersetzt“.

Von Jörg Stock
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Das Schlachtfeld überlebt: Karl Kockischs Foto in seinem Reisepass von 1919. Nach seiner Rückkehr aus China kämpfte er fünf Jahre lang im I. Weltkrieg.
Das Schlachtfeld überlebt: Karl Kockischs Foto in seinem Reisepass von 1919. Nach seiner Rückkehr aus China kämpfte er fünf Jahre lang im I. Weltkrieg. © Repro: SZ/Jörg Stock

Heinz Kockisch hält das Vergrößerungsglas in der Hand und mustert angestrengt die Gesichter auf dem abgegriffenen Schwarzweißfoto: junge Soldaten vor einer Weihnachtskrippe, mit Bier und Geschenken. Einer davon ist Karl, sein Vater. Aber welcher? Heinz kann es nicht sagen, so sehr er sich auch müht. „Meine Augen sind verdammt schlecht geworden.“

Heinz Kockisch, ehemals Landwirt aus Karsdorf, jetzt daheim in einer betreuten Wohnanlage in Bannewitz, ist 96 Jahre alt. Verständlich, dass die Augen müde sind. Auch ohnedies hätte er wohl Schwierigkeiten, den Gefreiten Karl Kockisch auf den alten Bildern auszumachen. Heinz hat seinen Vater nie kennengelernt. Als er im Mai 1925 zur Welt kam, ruhten dessen sterbliche Überreste bereits auf dem St.-Markus-Friedhof von Dresden-Pieschen.

Weihnachten 1912 in der Bismarck-Kaserne von Tsingtau: Karl Kockisch (im Kreis) mit seinen Kameraden an der Krippe.
Weihnachten 1912 in der Bismarck-Kaserne von Tsingtau: Karl Kockisch (im Kreis) mit seinen Kameraden an der Krippe. © privat

Karl Kockisch ist für seine Nachkommen der große Unbekannte, zugleich aber auch eine Art Ikone. Er ist jener Abenteurer, der vor über hundert Jahren nach China fuhr. Die Uniform des deutschen Marine-Infanteristen war ihm dabei nur Mittel zum Zweck. Er hatte kein Interesse daran, Soldat zu sein, da ist sich Heinz ziemlich sicher „Es war die Reise, die ihm gefallen hat.“

Den Reisebericht enkeltauglich gemacht

Heinz Kockisch hat Karls Tagebuch von der Überfahrt 1912 gelesen. Alles, was zwischen Bremerhaven und Tsingtau, der Hauptstadt des damaligen deutschen Schutzgebiets Kiautschou in Ostchina am Gelben Meer passierte, hat Karl Kockisch aufgeschrieben, inklusive allen Unsinns, der, so klagt er im Bericht hintersinnig, beim Kommiss andauernd vorkäme, „weil immer nach Schema F gehandelt wird“.

"Immer Glück gehabt." Karl Kockischs Sohn Heinz, jetzt 96, diente im 2. Weltkrieg ebenfalls bei der Marine.
"Immer Glück gehabt." Karl Kockischs Sohn Heinz, jetzt 96, diente im 2. Weltkrieg ebenfalls bei der Marine. © Daniel Schäfer

Karl Kockisch, gelernter Bandagist, heute würde man Reha-Techniker sagen, hatte sechs Geschwister. Eine Großfamilie. Dennoch hat Heinz praktisch nichts über seinen Vater erzählt bekommen. Auch die Mutter schwieg. Nach Karls frühem Tod – er wurde nur 35 Jahre alt – hatte sie erneut geheiratet, einen Installateur.

Heinz blieb das chinesische Erinnerungsalbum von Karl mit Fotos einer fremden Welt, in lackiertes Holz gebunden, und sein Tagebuch. Heinz hat es abgeschrieben, das alte Deutsch von über achtzig Seiten in moderne Schrift übertragen. Er wollte, dass seine eigenen Kinder es einmal lesen können. Heute lesen es die Enkel.

Exotische Welt zwischen hölzernen Deckeln: Dieses reich verzierte Album mit Fotos aus Tsingtau brachte Karl Kockisch 1913 mit nach Hause.
Exotische Welt zwischen hölzernen Deckeln: Dieses reich verzierte Album mit Fotos aus Tsingtau brachte Karl Kockisch 1913 mit nach Hause. © Daniel Schäfer

In vier Teilen hat diese Reportagereihe bisher Karl Kockischs Weg auf dem Reichspostdampfer „Goeben“ um die halbe Welt nachgezeichnet. Seine Notizen enden nun, nach fast fünfzig Tagen auf See, am 11. September 1912 an der Tsingtauer Mole. Offiziere und Mannschaften seiner künftigen Einheit, des III. Kaiserlichen Seebataillons, hatten sich dort eingefunden, schreibt Kockisch, „um uns Blicke des Bedauerns und Mitleids zuzuwenden“.

Sporadischer Einsatz gegen die Räuber

Kockisch lässt sich davon nicht verdrießen. Mit seinem neuen Zuhause, der frisch erbauten Bismarck-Kaserne, ist er hochzufrieden. „Von der Seeseite leuchtet am Spätnachmittag die Sonne in unsere Stube, die eine der am schönsten gelegenen der Kompanie ist“, schwärmt er. „Endlich durften wir uns der wohlverdienten Ruhe in den sauberen Betten hingeben, die nicht lang und erholend genug wurde.“

Der Tsingtauer Iltis-Platz wurde zum Reiten und für Paraden genutzt. Hier kommt Prinz Heinrich von Preußen (l.), Bruder Kaiser Wilhelms, zu Besuch.
Der Tsingtauer Iltis-Platz wurde zum Reiten und für Paraden genutzt. Hier kommt Prinz Heinrich von Preußen (l.), Bruder Kaiser Wilhelms, zu Besuch. © privat

Auftrag des III. Seebataillons war der militärische Schutz von Kleindeutschland in China, vor allem des Tsingtauer Hafens und der Bahnverbindung zum Hinterland. Einsätze hatte das Bataillon zu Kockischs Zeit nur sporadisch, etwa gegen heimische Räuberbanden. Einige Seesoldaten unterstützten die Verwaltung bei Polizeiaufgaben.

Wie sein Dienst in Tsingtau ablief, hat Karl Kockisch nicht beschrieben. Die Fotos in seinem Album beweisen, dass seine Kompanie regelmäßig zu Geländeübungen ins östlich der Koloniehauptstadt gelegene Bergland ausrückte, in die Prinz-Heinrich-Berge und das Lauschan-Gebirge.

Diesen Zigarrenabschneider in Form eines Steuerrades kaufte Karl Kockisch 1913 auf der Rückreise von China an Bord des Dampfers "Prinz Luitpold".
Diesen Zigarrenabschneider in Form eines Steuerrades kaufte Karl Kockisch 1913 auf der Rückreise von China an Bord des Dampfers "Prinz Luitpold". © SZ/Jörg Stock

Der gewöhnliche Drill wird auf dem Kasernenhof stattgefunden haben und auf dem weitläufigen Iltis-Platz, eigentlich eine Pferderennbahn. Das Reiten auf den kleinen und pflegeleichten chinesischen Pferden war bei den Europäern von Tsingtau überaus beliebt, selbst bei den Frauen. Vor allem aber frönten die deutschen Offiziere dem Reitsport.

Für einfache Soldaten wie Karl Kockisch dürften die Möglichkeiten der Zerstreuung begrenzt gewesen sein. Zwar war Tsingtau seit der gewaltsamen Landnahme durch die Deutschen 1897 rasant gewachsen. Etwa 53.000 Chinesen waren bis 1913 in die neue Siedlung gezogen, vor allem, um für die Kolonialherren zu arbeiten. Allerdings blieb das Europäer-Viertel mit gut 2.000 Einwohnern, zumeist deutschen, eine Kleinstadt. Und das Militär, mit 2.400 Mann allzeit in der Überzahl, ging manchem Zivilisten, so berichten es Historiker, auf die Nerven.

Osterspaziergang 1913: Soldaten von Kockischs Kompanie lassen sich mit chinesischen Bauernkindern fotografieren.
Osterspaziergang 1913: Soldaten von Kockischs Kompanie lassen sich mit chinesischen Bauernkindern fotografieren. © privat

Die drei großen Kasernen Tsingtaus standen abseits der Wohnbebauung. Abgelegen war auch die Badestelle der Soldaten in der Iltis-Bucht. Der Strand am städtischen Auguste-Viktoria-Ufer blieb für die Offiziere und die Tsingtauer Bürger reserviert.

Für den Ausgang standen den Seesoldaten diverse Bierstuben und Bordelle im Chinesenviertel Tapautau zur Verfügung, außerdem das Seemannshaus im Stadtzentrum und das Christliche Soldatenheim. Ausflüge ins Umland gab es ebenfalls, wie ein Bild von Kockischs Kompanie mit Wanderstöcken auf einem Osterspaziergang belegt. Doch waren die Vorgesetzten nie sehr weit.

Zwischen wilhelminischer Provinz und Megacity: So sieht Quingdao, die einstige Hauptstadt des deutschen Schutzgebiets Kiautschou, heute aus.
Zwischen wilhelminischer Provinz und Megacity: So sieht Quingdao, die einstige Hauptstadt des deutschen Schutzgebiets Kiautschou, heute aus. © Xinhua

Ende September 1913, ein Jahr Dienst ist vorbei, tritt Karl Kockisch die Heimreise nach Deutschland an, auf dem Postdampfer „Prinz Luitpold“. An Bord kauft er sich einen Zigarrenabschneider in Form eines Steuerrads als Souvenir. Der hat im Schreibtisch von Heinz überdauert, ebenso wie zwei Eiserne Kreuze. Denn kaum daheim, muss Karl Kockisch für den Kaiser in den Krieg. Fünf Jahre kämpft er auf den Schlachtfeldern von Flandern und Frankreich. Er überlebt, wenn auch mit zerschossenem Arm.

Heinz Kockisch glaubt, dass es Spätfolgen dieser Verwundung waren, die seinem Vater noch vor seiner Geburt das Leben nahmen. Ihn selbst hat das nicht abgehalten, seinerseits als Marinesoldat in den Krieg zu ziehen. Für Hitler. Auch Heinz hoffte auf Abenteuer. Stattdessen wurde sein Schiff mit Bomben und Torpedos gejagt. Heute liegt es versenkt in der Ostsee, irgendwo vor dem Timmendorfer Strand.

Karl Kockischs EK II, verliehen nach der Schlacht an der Somme 1916, in der er schwer verwundet wurde.
Karl Kockischs EK II, verliehen nach der Schlacht an der Somme 1916, in der er schwer verwundet wurde. © Daniel Schäfer

Dennoch: Sein langes Leben hat Heinz Kockisch gelehrt, dass es sich lohnt, Wagnisse einzugehen. „Man muss selber versuchen, etwas zu unternehmen“, sagt er. „Aber man muss auch ein bisschen Glück dabei haben.“