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Schwitzen für den Kaiser: Hitzeschlacht im Roten Meer

Der Dresdner Vorstadtjunge Karl Kockisch schippert 1912 nach China. Dem Tagebuch, das seine Urenkelin in Karsdorf hütet, klagt er die Strapazen.

Die „Musterkolonie“ Kiautschou steht unter Kontrolle des Militärs. Hier paradiert Karl Kockischs III. Seebataillon in der Hauptstadt Tsingtau unterhalb des Gouverneurshauses.
Die „Musterkolonie“ Kiautschou steht unter Kontrolle des Militärs. Hier paradiert Karl Kockischs III. Seebataillon in der Hauptstadt Tsingtau unterhalb des Gouverneurshauses. © privat

Kann es sein, dass sie irgendwo in China Verwandtschaft hat? Wundern würde sie das nicht, sagt Corinna Fischer. „Der Karl war bestimmt kein Kostverächter.“ Die Karsdorferin spricht von ihrem Uropa Karl Gottlieb Kockisch, Gefreiter im III. Kaiserlichen Seebataillon. 1912 wurde er ans Gelbe Meer kommandiert, ins deutsche Pachtgebiet Kiautschou, Ostchina. Sein Tagebuch von der Überfahrt widmet sich bisweilen auch den Frauen. In Antwerpen etwa schmachtete er die schicken Damen an, die ihm wie „Pariser Modelle“ vorkamen. In Algier notierte er sorgsam „die dunklen Glutaugen“ hinter den Schleiern.

„Zu beiden Seiten öde und trostlose Wüste“

Am 20. Juli 1912 ist Karl Kockisch zum „Muss i denn“ der Bataillonskapelle aus seiner drögen Kieler Garnison ausmarschiert, am 27. Juli stach er mit dem Reichspostdampfer „Goeben“ von Bremerhaven aus in See. Er umrundete Westeuropa und durchquerte das Mittelmeer. Am 14. August liegt die „Goeben“ im ägyptischen Port Said und wartet darauf, in die Pforte zum Orient einzufahren, den Suezkanal.

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Wanderer Kockisch: Hier (vorn) ist er 1909 auf Fahrt in der Sächsischen Schweiz. Drei Jahre später geht es nach China.
Wanderer Kockisch: Hier (vorn) ist er 1909 auf Fahrt in der Sächsischen Schweiz. Drei Jahre später geht es nach China. © privat

Während des Wartens sieht Kockisch zu, wie Zigarettenhändler die „Goeben“ belagern und wie Hafenpolizisten unter Heidenlärm erfolglos versuchen sie zu vertreiben. Er selbst hat sich bereits eingedeckt, mit der Marke „Simon Arzt“, benannt nach dem türkischen Tabakhändler und Fabrikanten in Port Said, der seit dem Kanalbau blendende Geschäfte macht. Kockisch hätte sich gern auch ein paar Straußenfedern gekauft. „Doch das Kleingeld fehlte.“

Nachmittags fangen die Schrauben der „Goeben“ wieder an zu arbeiten und treiben das Schiff langsam in den Kanal hinein. Gute 160 Kilometer ist er lang, und, so stellt Kockisch fest, fast schon wieder zu schmal. Man gehe daher mit dem Gedanken, einen zweiten Kanal neben dem ersten zu graben, schreibt er. Dieser „New Suez Canal“ kommt tatsächlich. Aber erst hundert Jahre später, 2015, ist er fertig.

Der Suezkanal mit Schleppdampfer Anfang des 20. Jahrhunderts auf einer Postkarte.
Der Suezkanal mit Schleppdampfer Anfang des 20. Jahrhunderts auf einer Postkarte. © Sammlung Mende

Die Fahrt auf einer der weltweit wichtigsten Wasserstraßen enttäuscht den Abenteurer aus Sachsen. „Zu beiden Seiten öde und trostlose Wüste.“ Ein Zug des Orientexpress und Beduinen auf Kamelen gehören zur kargen Zerstreuung. „Wunderbar schön war der Anblick der im Westen untergehenden Sonne.“

Der "Rote Hund" sucht seine Opfer

Am nächsten Morgen 8 Uhr ist die Passage des Kanals abgeschlossen und das Rote Meer erreicht. „Ob es je rot war?“, fragt sich der Betrachter. Die Langeweile jedenfalls wird von einer neuen Qual abgelöst: „Die Hitze ist jetzt furchtbar, sogar beim Stillsitzen schwitzt man.“ Karl Kockisch sieht die Thermometersäule bei 50 Grad stehen. Morgens wird ein Bad unter der primitiven Brause erlaubt, mit Seewasser, das, 27 Grad warm, auch kaum Kühlung bringt. „Was soll man nur machen?“

So verläuft Kockischs Seereise vom Suezkanal bis zur Kolonie-Hauptstadt Tsingtau.
So verläuft Kockischs Seereise vom Suezkanal bis zur Kolonie-Hauptstadt Tsingtau. © SZ Grafik

Was sie am liebsten täten – ein kühles Bier trinken – können sich die Soldaten nur einmal täglich leisten. Der halbe Liter kostet auf der „Goeben“ eine ganze Mark. Da wünscht sich Kockisch in seine alte Kieler Kaserne zurück, wo er nur zehn Pfennige zahlte.

Die Reaktion seiner Schweißdrüsen auf die Tropenglut macht den jungen Soldaten schier fassungslos. "Überall ist's, als wenn sich kleine Quellen auftun." Flehentlich notiert er ins Tagebuch: „Wenn ich nur so viel Geld gehabt hätte, dass ich mir nach Belieben hätte Bier kaufen können.“

Der Hafen von Colombo auf Ceylon. Nach sechs Tagen im Indischen Ozean sieht Karl Kockisch hier erstmals wieder Land.
Der Hafen von Colombo auf Ceylon. Nach sechs Tagen im Indischen Ozean sieht Karl Kockisch hier erstmals wieder Land. © Sammlung Mende

Aber der Ausschank ist sowieso nur zwei Stunden am Tag geöffnet, mittags und abends. Alkoholfreie Erfrischungen gibt es für die Mannschaften, wenn nicht einer zufällig ein Stückchen Eis für Eiswasser aufgetrieben hat, keine. Abgesehen von zweimal Limonade. „Die war warm und reichlich sauer Essig.“

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Gar nicht zum Aushalten ist die Luft unter Deck, im Quartier der Soldaten. „Nach langem Herumwälzen in der Koje kommt der bleierne Schlaf, von dem man am Morgen alles, nur nicht erquickt, ist.“ Vom ständigen Schwitzen kriegen die Männer Hitzepickel, genannt der „Rote Hund“. Er befällt auch Karl Kockisch „Der ganze Körper ist mit kleinen roten Flecken übersät. Diese jucken sehr, und je mehr man kratzt, desto schlimmer wird das Jucken.“

In Singapur lässt sich der Weichenstellersohn Kockisch in einer Rikscha, vielleicht ähnlich dieser, herumkutschieren.
In Singapur lässt sich der Weichenstellersohn Kockisch in einer Rikscha, vielleicht ähnlich dieser, herumkutschieren. © Sammlung Mende

Endlich hat sich das Schiff aus dem engen Roten Meer in den offenen Ozean gerettet, in den Wind, der die Hitze fortbläst. „Von unserem Schiff wurden Scharen von fliegenden Fischen aufgescheucht“, notiert Karl Kockisch begeistert. „Erst recht machten sie dann einen Luftsprung in die Höhe oder zur Seite, sich dabei wohl auch auf unser Deck verirrend, wo sie mit großem Hallo gefangen wurden.“

Lange Finger und Strafexerzieren

Abends liegt Kockisch an Deck und guckt in die Sterne. Dann macht sich der Weichenstellersohn aus Dresden-Pieschen Gedanken, was wäre, wenn sein Schiff hier, in der Wasserwüste, unterginge. Andererseits fühlt er sich merkwürdig sicher und geborgen. „Und es ist ja auch schön, dieses Seemannsleben. Jeden Tag woanders, andere Menschen, andere Welten, andere Sprachen und noch so vieles mehr.“

Nach sechs Tagen ohne Land in Sicht ist Ceylon erreicht, Colombo. Aussteigen fällt flach. An Bord gibt es Ärger. Die Soldaten beklauen sich gegenseitig. So lassen die Vorgesetzten alle unverschlossenen und herumliegenden Sachen konfiszieren. Zur Strafe wird vier Tage lang eine Stunde früher geweckt, also um vier Uhr, und ab 5 Uhr ist „Griffe kloppen“ befohlen, das verhasste Gewehrexerzieren.

Aus Karl Kockischs Erinnerungsalbum: durch Zehenbrechen und Einbinden deformierte "Lotosfüße" einer Chinesin.
Aus Karl Kockischs Erinnerungsalbum: durch Zehenbrechen und Einbinden deformierte "Lotosfüße" einer Chinesin. © privat

Kockisch ist die Abwechslung ganz recht. "Dass meine Griffe nicht die besten waren, stand fest." Abgesehen davon klaut er munter mit. Denn was man selber einbüßt, muss bis zum nächsten Appell anderweitig besorgt sein. „Da heißt es wie in der Anleitung zum Zielen mit dem Gewehr 98: Auge auf und Finger lang.“

Ausfahrt mit dem Menschenkarren

Der nächste Stopp ist Penang, Malaysia. Neue Passagiere kommen an Bord. Kockisch bewundert das feinseidene Kleid einer jungen Chinesin. Und entdeckt ein befremdliches Detail: „Anscheinend hat ihre Mutter kleine, verkrüppelte Füße.“ Diese „Lotosfüße“, durch Bandagen und Zehenbrechen geformt, sind jahrhundertealte Tradition in der chinesischen Oberschicht. In seinem Erinnerungsalbum wird Kockisch ein Foto dieser schaurigen Sehenswürdigkeit mit nach Hause nehmen.

Ebenfalls im Erinnerungsalbum von Karl Kockisch zu finden: Aufnahme eines chinesischen Bauern, der seine Ernte einträgt.
Ebenfalls im Erinnerungsalbum von Karl Kockisch zu finden: Aufnahme eines chinesischen Bauern, der seine Ernte einträgt. © privat

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In Singapur ist endlich Landgang, leider nur für eine Stunde, und mit nur einem Dollar in der Tasche. Kockisch durchstreift schmutzige Gassen und liebliche Gärten. Als die Zeit drängt, wirft er sich in eine Rikscha und überreicht dem „Kuli“ zehn Penny, worauf der im schnellen Trab der Mole zusteuert. „Für sein gutes Laufen gab ich ihm noch fünf Penny, da ihm der Schweiß am ganzen Körper herablief, worauf er mich freudig angrinste und durch Kopfnicken seine Freude bekräftigte.“

In Teil 4 der Serie lesen Sie: Wieder fester Boden unter den Stiefeln – die Landung in Kiautschou

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