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Selbstmörder, Geldfälscher und ein leuchtendes Meer

Der Gefreite Karl Kockisch auf Weltreise nach China. Das Tagebuch liegt bei seiner Urenkelin in Karsdorf. In Teil 4 der Serie ist Land in Sicht.

„Ein Tänzchen“, so lautet der Titel dieses Fotos im Erinnerungsalbum des Gefreiten Karl Kockisch. Vielleicht spielt die Kapelle des III. Seebataillons in Tsingtau die Musik dazu.
„Ein Tänzchen“, so lautet der Titel dieses Fotos im Erinnerungsalbum des Gefreiten Karl Kockisch. Vielleicht spielt die Kapelle des III. Seebataillons in Tsingtau die Musik dazu. © privat

Dass Deutschland einmal ein Weltreich war, hatte Corinna Fischer gehört, in ihrem Dippoldiswalder Gymnasium, im Leistungskurs Geschichte. Kolonien, China, Boxeraufstand – Begriffe, die irgendwie zu dieser Familienerzählung vom Uropa passten, der im Fernen Osten Soldat gewesen war. Sie hätte damals schon recherchieren und Opa Heinz, dem Sohn des legendären Urgroßvaters, damit „auf den Keks gehen“ sollen, sagt sie. Tat es aber nicht.

Jetzt, mit Mitte Vierzig, hält die Karsdorferin, die Rechtsfachwirtin und Büroleiterin einer Anwaltskanzlei geworden ist, das Tagebuch von Karl Gottlieb Kockisch in der Hand. Er hat seine sechswöchige Überfahrt in des Kaisers chinesische „Musterkolonie“ Kiautschou aufgeschrieben. Ein kleines Heft, das für Corinna Fischer großen Wert besitzt. „Wenn man älter wird, merkt man, dass man sowas bewahren muss.“

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Die ehemalige Kolonie-Hauptstadt Tsingtau heute - mit ihren deutschen Spuren.
Die ehemalige Kolonie-Hauptstadt Tsingtau heute - mit ihren deutschen Spuren. © SZ Grafik

An der Niederschlagung des Aufstands chinesischer Faustkämpfer, genannt Boxer, gegen die ausländischen Kolonisten ist das III. Kaiserliche Seebataillon, stationiert im Schutzgebiet Kiautschou, beteiligt. Karl Kockisch hat damit aber nichts zu tun. Er wird erst zwölf Jahre später, im Juli 1912, von Kiel aus zu dieser Einheit kommandiert. Auf dem Reichspostdampfer „Goeben“ hat er Anfang September, nach fünf Wochen auf See, sein Ziel fast erreicht. Ein spannender Landgang steht noch aus: Hongkong.

Griffe kloppen und Kartoffeln schälen

Zunächst aber herrscht Langeweile bei den Seesoldaten. „Der Dienst war wie üblich“, notiert Karl Kockisch am 2. September. Erst Griffe kloppen – also Drill mit dem Gewehr –, dann Kartoffeln schälen, dann bummeln bis zum Essen, dann Gewehr reinigen, dann Kleidersack inspizieren… Es ist so langweilig, dass selbst der angesagte Taifun, dessentwegen auf einmal alle Sonnensegel an Deck verschwinden und alle Bulleyes dichtgemacht werden, ausfällt.

Karl Kockisch (3.v.r.) bei einem Frühschoppen in Dresden 1909. Im Jahr darauf rückt der ausgebildete Bandagist zur Marine-Infanterie in Kiel ein.
Karl Kockisch (3.v.r.) bei einem Frühschoppen in Dresden 1909. Im Jahr darauf rückt der ausgebildete Bandagist zur Marine-Infanterie in Kiel ein. © privat

Drei Tage später, die See ist doch noch rau geworden, wird „Alle Mann an Deck!“ kommandiert. „In den Wellen vor unserem Schiff, 800-1000 Meter entfernt, schaukelten Rettungsbojen und das Licht der Karbidbüchse blitzte durch die mit Regensturm und Wasserstaub erfüllte Luft.“ Vom Zahlmeister hört Kockisch, ein lebensmüder Chinese habe sich über Bord gestürzt.

Rettungsaktion für den Mann über Bord

Das Beiboot wird in die tosende See gelassen. „Gespannt waren alle Blicke auf das Spielzeug des Meeres gerichtet.“ Die Bootsbesatzung erreicht den Hilflosen nur mit Mühe, zerrt ihn aus dem Wasser. Als sie ihn zurück auf das Schiff bringen, sind seine Beine mit einem Tau gefesselt. Der Mann krümmt sich wie ein Wurm, notiert Kockisch. „Ob es ihm nicht recht war, gerettet zu werden?“ Er verschwindet, unter Bewachung, im Schiffsspital.

Postkartenansicht der Bismarck-Kaserne am Rande von Tsingtau. Hier zieht Karl Kockisch nach seiner Landung am 11. September 1912 für ein Jahr ein.
Postkartenansicht der Bismarck-Kaserne am Rande von Tsingtau. Hier zieht Karl Kockisch nach seiner Landung am 11. September 1912 für ein Jahr ein. © privat

Am 6. September läuft die „Goeben“ in Hongkong ein, boomende Kronkolonie der Briten. Die chinesischen Dschunken mit ihrer ärmlichen Takelage kommen Karl Kockisch aber wie Piratenschiffe vor. Ressentiments, im Geist der Zeit, fließen ihm aus der Feder. „Man glaubt, dass nur Diebsgesindel darauf wohnen könnte.“ Kaum festgemacht, tigert er los, einen Dollar Taschengeld am Mann, durch das Viertel der Europäer, mit seinen Geschäften und Konsulaten, hinauf, in die chinesische Stadt, „wo in den Straßen ein Leben wie in Leipzig zur Messe herrschte“.

Kockisch wird schier schwindelig vom Trubel, von den Schildern und bunten Schriftzeichen, die von allen Häusern herabhängen. „Alle Geschäfte standen offen und alles Mögliche war zur Schau ausgelegt.“ An die Läden schließen sich Werkstätten an, gut einsehbar von der Straße aus, „denn sämtliche Fenster und Türen fehlten und man hatte so einen freien Blick über die ganze Familie in ihrem Schaffen.“

Das Hügelland um Tsingtau diente Kockischs III. Seebataillon als Übungsplatz. Hier operiert die Maschinengewehrabteilung in schwerem Gelände.
Das Hügelland um Tsingtau diente Kockischs III. Seebataillon als Übungsplatz. Hier operiert die Maschinengewehrabteilung in schwerem Gelände. © privat

Das Bier findet Kockisch, wie so oft auf dieser Reise, abscheulich, trinkt lieber Limo. Auf der Straße staunt er, dass keinerlei Fuhrwerke zu sehen sind. Als Lasttiere dienen Menschen. „Die Träger haben kolossal entwickelte Wadenmuskeln wie von Eisen.“ Kockisch unternimmt einen Spaziergang in den Bergen, kauft Ansichtskarten. Dann geht er zur Post, Briefmarken besorgen. „Der dort beamtete Chinese ließ jedes Geldstück auf seine Echtheit springen.“ Der Klang soll Falschgeld verraten.

Rein gelegt mit falscher 10-Cent-Münze

Der Dresdner Vorstadtjunge Kockisch, der an Falschmünzerei nicht gewöhnt ist, ärgert sich ein wenig über dieses Misstrauen. Kurz darauf wird ihm selber ein falsches Zehn-Cent-Stück angedreht, was er erst bemerkt, als ihn ein Fährmann darauf hinweist. Die handelnden Straßenkinder, denen er es anschließend unterjubeln will, lassen ihn abblitzen. So fasst er kühl ins Auge, seine mitreisenden Kameraden zu betrügen. „Ich muss zusehen, es einem Matrosen-Artilleristen aufzubrummen.“

In Tsingtau lebten zu Kockischs Dienstzeit etwa 55.000 Menschen. Eine deutsche Kleinstadt, die aber auch chinesische Polizisten hatte.
In Tsingtau lebten zu Kockischs Dienstzeit etwa 55.000 Menschen. Eine deutsche Kleinstadt, die aber auch chinesische Polizisten hatte. © privat

Abends auf See bietet sich den Soldaten ein grandioses Schauspiel: Meeresleuchten, ein Bio-Feuerwerk im Wasser, erzeugt von Ansammlungen winziger Organismen, die ruckartig Licht aussenden. Vielleicht hat Karl Kockisch davon gelesen, vielleicht in Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“. Das Original überwältigt ihn. „Bis an den Horizont glänzte es, wie mit unzähligen Sternen besät, einen grünlich blauen Schein ausströmend.“ Bis weit in die Nacht bewundern die Männer den silberblauen Glanz der Schaumkronen. Dann werfen sie sich hundemüde auf ihre Seegrassäcke.

11. September 1912. „Der letzte Tag auf dem Wasser Gott sei Dank!“ Alles freut sich auf festen Boden unter den Füßen. Dieser Boden heißt Tsingtau, Hauptstadt des 1897 von Deutschland mittels Kanonenbootpolitik gepachteten Kiautschou. Schon vom Wasser her findet Karl Kockisch seinen neuen Dienstort freundlich. Er sieht den Badestrand, das Villenviertel, das burgartige Gouverneurshaus, die evangelische Kirche, das Observatorium, und die Bismarck-Kaserne, in der seine Stube liegt.

Im Hinterland Tsingtaus erhebt sich das Lauschangebirge. Die Deutschen machten daraus ein Wanderrevier mit markiertem Wegenetz.
Im Hinterland Tsingtaus erhebt sich das Lauschangebirge. Die Deutschen machten daraus ein Wanderrevier mit markiertem Wegenetz. © privat

Kockisch wird endlich auch gutes Bier vorfinden. Die Germania-Brauerei von Tsingtau ist eine der wenigen florierenden Europäer-Firmen im deutschen China. Und sie wird es bleiben, auch ohne die Deutschen, die in gut zwei Jahren, gleich zu Beginn des "Großen Krieges" vor japanischen Belagerern die Waffen strecken müssen.

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Davon ahnt Karl Kockisch freilich nichts. Er freut sich auf die Ruhe in sauberen Betten. Alle Unbill der Reise wird verschlafen und vergessen, so schreibt er, „und mit neuer Hoffnung erfüllt, wollen wir dem Soldatenleben in China wohlgemut entgegensehen.“

Lesen Sie zum Schluss der Serie: Überlebt und doch gestorben – Karl Kockisch und der Erste Weltkrieg.

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