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„Chinesen sind als Investoren hoch willkommen“

Peter Alltschekow, Ost-Experte bei der Investitionsagentur des Bundes über das wachsende Interesse an Sachsen.

© dpa

Herr Alltschekow, die sächsische Firma Cideon wurde von chinesischen Investoren übernommen. Ist das ein Einzelfall, oder nimmt das Interesse in China an Sachsen generell zu?

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Wir haben eine Steigerung ausländischer Investoren am Standort Deutschland festgestellt, das gilt auch für alle neuen Bundesländer. Bei den Neuanwerbungen ist auch die Zahl der Arbeitsplätze gestiegen.

Können Sie das mit Zahlen belegen?

Nein. Das endgültige Investitionsvolumen und folglich die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze sind oft abhängig von der Höhe genehmigter Fördermittel. Auch haben wir noch nicht die exakten Zahlen für das vergangene Jahr. Wir können nur feststellen, dass das Interesse und auch die konkreten Projekte zahlreicher und größer geworden sind.

Noch mal nachgefragt, das gestiegene Interesse gilt auch für China?

Vor allem für China. Die Unternehmen dort interessieren sich schon seit ein paar Jahren für Deutschland. Allerdings hatte man da den Eindruck, es wird der Versuch gemacht, Know-how abzuziehen. In den letzten zwei, drei Jahren ist klar die Tendenz, die Chinesen kommen, um hier in Hightech-Qualität zu produzieren. Sie investieren verstärkt in Ostdeutschland in Forschung und Entwicklung, wollen also selbst an der Weiterentwicklung arbeiten. Chinesen sind für uns als Investoren hoch willkommen und hoch wichtig.

In welchen Branchen in Sachsen werden die Projekte größer?

Im Bereich Hochtechnologie. Sachsen ist eines der wichtigsten Mikroelektronik-Zentren in Europa, und damit werben wir intensiv im Ausland. Großes Interesse besteht auch im Automobilsektor. Wir werden das Cluster Silicon Saxony in diesem Jahr gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Sachsen gezielt bewerben.

Was heißt „gezielt bewerben“ konkret?

Wir werden mit der Beauftragten für die neuen Bundesländer, Staatssekretärin Iris Gleicke, der Wirtschaftsförderung, dem Verband Silicon Saxony und Unternehmen, die sich dort angesiedelt haben, im Ausland eigene Veranstaltungen machen, auf denen die Wertschöpfung des Clusters dargestellt wird. Es sollen Lücken aufgezeigt werden, die durch Ansiedlungen gewinnbringend für beide Seiten geschlossen werden könnten. Wir werden auch Fraunhofer-Institute mitnehmen, um Kooperationsmöglichkeiten mit Forschungseinrichtungen aufzuzeigen. Diese Tour findet in diesem Jahr in Taiwan statt.

Welche Standortfaktoren machen Sachsen attraktiv?

Erstens, dass die neuen Bundesländer, allen voran Sachsen, in der Mitte Europas liegen. Von hier aus können alle europäischen Märkte beliefert werden. Firmen, die sich in Sachsen ansiedeln, denken immer gleich an den Export. Zweitens gibt es gute qualifizierte Arbeitskräfte. Das Bundesland hat ein hohes Bildungsniveau, damit ist es attraktiv für Firmen, die qualifizierte Arbeitskräfte suchen. Natürlich ist auch die Kostensituation in Sachsen deutlich besser als im Westen Deutschlands bezüglich Büromieten und Preisen für Grundstücke und Gebäude. Natürlich ist auch der Investitionszuschuss für ausländische Investoren in den neuen Bundesländern sehr attraktiv.

Sachsen ist auch ein Musterland für den demografischen Wandel. Werden die Investoren auch in zehn Jahren genügend Fachkräfte finden?

Das hängt davon ab, wie es gelingt, die jetzt noch nicht genügend Qualifizierten zu qualifizieren und das vorhandene Arbeitskräftepotenzial auszuschöpfen. Die Hochschulen in Sachsen ziehen inzwischen viele Studenten aus den alten Bundesländern und dem Ausland an. Wenn diese attraktive Bedingungen vorfinden, dass sie nach ihrem Abschluss auch in Sachsen bleiben, sehe ich eigentlich keine Gefahr. Jetzt kommt es darauf an, junge Leute zum Bleiben zu bewegen. In Berlin, aber auch in Dresden und Leipzig könnte das gelingen.

Was sind für Sie gute Bedingungen, die zum Bleiben bewegen?

Interessante Arbeitsplätze mit guten Arbeitsbedingungen, dass die Firmen aufgeschlossen sind für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gute Freizeitangebote. Für junge Familien ist es attraktiv, dass sie in den neuen Bundesländern leichter ein Haus bauen oder eine Eigentumswohnung erwerben können als beispielsweise in Süddeutschland, wo das Preisniveau in der Regel höher ist.

Welche Rolle spielt der Lohn?

Keine wesentliche. Für Spitzenleute und Hochqualifizierte werden auch in Ostdeutschland übertarifliche Gehälter gezahlt. Bei Hochtechnologie-Unternehmen ist der Lohnkostenanteil nicht der entscheidende Faktor. Die lohnintensive Fertigung findet nicht mal mehr in Osteuropa statt, und auch China kämpft um Firmen, die das Land aus Kostengründen verlassen.

Hat die Einführung des Mindestlohns Investitionsentscheidungen erschwert oder gar verhindert?

Da ist uns gar nichts bekannt. Wir sind nicht einmal angesprochen worden auf den Mindestlohn, auf keiner einzigen Veranstaltung.

Sachsen ist in die Schlagzeilen geraten wegen Übergriffen auf Flüchtlinge und der Pegida-Bewegung. Schreckt das ausländische Investoren ab?

Bis jetzt noch nicht. Bei einzelnen Veranstaltungen in den USA oder Indien gab es Nachfragen, ob Ausländer hier willkommen sind. Denn die Investoren bringen in der Regel ausländische Führungskräfte mit. Oft ist es bei Familienunternehmen der Sohn, der die Filiale in Deutschland leiten soll. Dann ist es natürlich wichtig, ob die Familie sicher ist, die Kinder in der Schule integriert sein werden. Wir bestätigen dann, dass es solche Bewegungen wie Pegida gibt, dass sie aber keine dominante Rolle spielen.

Ist das die ganze Antwort auf die Nachfragen?

Natürlich nicht. Oft nehmen wir auf Werbeveranstaltungen ausländische Unternehmen mit, die sich beispielsweise schon in Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt angesiedelt haben. Wenn Unternehmen berichten können, warum sie sich für Ostdeutschland entschieden haben und welche Erfahrungen sie gemacht haben, dann ist das überzeugender, als wenn wir sagen, in Sachsen ist alles toll. Es kommt jetzt darauf an, dass die Unternehmen, die hier schon investiert haben, nicht negativ in ihrem Heimatland berichten. Sonst kann sich das schnell in eine negative Spirale umdrehen.

Gibt es Wünsche, Vorstellungen, Anregungen, wie sich das Standortimage wieder verbessern lässt?

Nein. Die Wirtschaftsförderung Sachsen kümmert sich sehr um die Bestandspflege. Sie lädt zu Gesprächsrunden ein oder zu Unternehmenspräsentationen. Das kommt gut an. Die Bestandspflege sollte, wenn überhaupt, noch intensiviert werden, um das zu konterkarieren, was gerade passiert.

Das Gespräch führte Nora Miethke.