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Feuilleton

Gehen hilft beim Denken

Der Österreicher Christoph Ransmayr wirbt in Dresden für Reisen zu Fuß.

Christoph Ransmayr erzählt so elegant wie kaum ein anderer Autor von der Natur.
Christoph Ransmayr erzählt so elegant wie kaum ein anderer Autor von der Natur. © Magdalena Weyrer

Es gibt an diesem Abend keine Warnung vorm Klimawandel, kein Bekenntnis zu Greta Thunberg und keine Aufforderung zum sorgsamen Mülltrennen. Alles Politische bleibt erstaunlicherweise draußen, wenn sich der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr mit dem FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus unterhält. Und doch lässt sich kein überzeugenderes Plädoyer für die Natur denken, als jetzt im Dresdner Hygienemuseum zu erleben war.

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Mit Christoph Ransmayr beginnt die literarische Reihe „Naturkunde“, die das Ausstellungsprojekt „Von Pflanzen und Menschen“ begleitet. Es ist ein Auftakt nach Maß. Der 65-jährige Autor erzählt in seinem „Atlas eines ängstlichen Mannes“ von den Wundern des Lebens und Überlebens zwischen Nordpol, Wüste und Meeresgrund. Er hält seine Beobachtungen in siebzig Episoden fest. Jede beginnt mit den Worten „Ich sah …“, und jede hätte das Zeug zum Roman. Man sollte sie Stück für Stück lesen. Dann hätte man siebzig glückliche Tage.

Todesspiel mit Vogel

Das Buch sei aus einer Art Notwehr entstanden, sagt Ransmayr. „Ich war sehr krank und dachte: schade um all die Bilder, schade um all die Geschichten, die nun vielleicht unerzählt bleiben.“ Wie gut, dass er weiter schreiben konnte, zuletzt den fabelhaften Roman über einen Londoner Uhrmacher, der für den chinesischen Kaiser spezielle Chronometer bauen soll: „Cox oder Der Lauf der Zeit“. Dieses Buch besticht wie alle Texte von Christoph Ransmayr durch eine wunderschöne Sprache. Sie fließt auch dann elegant dahin, wenn sie von spektakulären Ereignissen wie einer schlafenden Seekuh am Meeresgrund berichtet. Das zu lesen ist eine Freude – das zu hören ist ein Ereignis. Kein Wunder, dass der bestens gefüllte Hörsaal beinahe atemlos den Sätzen folgt. Dabei hat doch Ransmayr ausdrücklich um Geschwätz und Handyklingeln gebeten: „Die größten Plätze des Erzählens waren immer öffentliche Plätze, die Geräuschkulisse gehörte dazu.“

Aus seinem „Atlas“ hat er vier Geschichten ausgewählt. Es geht um Menschen an den vermeintlichen Rändern der Welt, auch wenn Tiere im Zentrum stehen. 

Ein Königsalbatros beim Brüten.
Ein Königsalbatros beim Brüten. © Wikimedia Commons

Ein junger Königsalbatros unternimmt erste Flugversuche über den mit Gischtflocken beschneiten Grasbüscheln. Eine Katze spielt so lange mit einem Vogel, bis er als verklebtes, blutiges Federbündel am Boden liegt.  Ein Tigerhai gerät bei einem Unfall in einer Wüstenstadt unter die Räder und wird gleich stückweise an die Umstehenden verkauft. Die Seekuh schließlich, die aus dem Schlaf erwacht, streift den Taucher mit einem Blick voll „abgrundtiefer Gleichgültigkeit“ – und er ahnt, „wie reich, wie vielfältig, unverändert und selbstverständlich die Welt ohne ihn war“.

Die Natur will nix von uns

Christoph Ransmayr bekräftigt diesen Gedanken im Gespräch mit dem bestens moderierenden Andreas Platthaus: „Die Natur will nix von uns, sie will uns nichts Böses und nichts Gutes.“ Er erzählt von ersten Bergwanderungen als Kind mit dem Vater. „Ich kenne keine Fortbewegungsart, die dem Denken und Sprechen gemäßer wäre als das Gehen.“ Auf solchen Wegen steigt er nicht nur in die Höhe, sondern auch durch die Zeit: „Da oben wirkt die Welt scheinbar unverändert, wie sie schon der neolithische Jäger gesehen haben könnte und wie sie vielleicht noch in hundert Jahren zu sehen ist.“ Solche Gedanken erübrigen jeden wohlfeilen Appell.

Buchtipp: Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes. Fischer Taschenbuch, 464 Seiten, 13 Euro