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Cleverer Fahrrad-Handel

In Heidenau gab’s für das neue Rad Rabatt, wenn man das alte mitbrachte. Jetzt freuen sich noch mal 35 Neustädter.

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© Kristin Richter

Von Heike Sabel und Katarina Gust

Heidenau/Neustadt. Thomas Schäfer hat schon viele Räder in seinem Leben gesehen, repariert und verkauft. Doch was er jetzt sechs Wochen erlebt hat, überraschte ihn. Die Supermarktkette Real und Fischer-Fahrräder hatten eine Aktion gestartet. Wer bei Real in Heidenau ein altes Fahrrad abgab, bekam Rabatt auf vier zur Auswahl stehende Räder der Firma. Zweiradmechaniker Schäfer arbeitet in der Fahrradabteilung und hat sich die alten Drahtesel angesehen. Meist waren es nur die Pedalen, die ausgetauscht werden mussten. An anderen Rädern hat er eine Stunde geschraubt bis er merkte, das wird nix. Vom krummen und platten Hochwasserrad aus DDR-Zeiten über 600 Euro teure Räder und Mountainbikes bis zum topfiten E-Bike war alles dabei. Erstaunlich viele Räder in erstaunlich gutem Zustand, sagt Schäfer. Insgesamt 17 Schrauber haben dann an zwei Tagen den Rädern den letzten Schliff gegeben.

35 Stück sind nun fahrtüchtig und wurden am Freitag der Neustädter Tafel übergeben. Auch die Heidenauer Tafel-Ausgabestelle bekommt welche. Die Räder sollen überall schon bald gefahren werden. „Das ist eine ganz feine Sache für die Tafel“, sagt Patrick Simon, der die Neustädter Tafel leitet. Es gäbe viele Familien, die sich solch einen Luxus nicht leisten könnten. Oder dringend Ersatz für ihre alten Räder bräuchten. Und nicht nur in Neustadt. Simon deutet an, dass ein Teil der Fahrräder nicht nur nach Heidenau, sondern auch an die benachbarten Tafeln in Pirna und Bischofswerda weitergegeben werden. Denn auch dort gäbe es Bedarf. „Fahrräder machen Menschen mobil, das ist ein großer Vorteil für sozial benachteiligte Familien“, sagt der Neustädter. Die Mobilität war auch der Ausgangspunkt für die Aktion der Firma Fischer.

Patrick Simon will ein paar Räder auch an Asylsuchende in Neustadt verschenken. In der Kommune leben aktuell 101 Flüchtlinge. Darunter sind 14 sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die in Einrichtungen des Arbeiter-Samariter-Bundes und der Arbeiterwohlfahrt untergebracht sind. Auch sie sollen von der Spende profitieren. Die Stadt Neustadt veranstaltet bereits mit dem Gemeinnützingen Verein Soziales, Arbeitslos und Vorruhestand (GAV), regelmäßig Verkehrstrainings mit den Asylbewerbern. „Viele von ihnen haben wahre Tretmühlen“, beschreibt Patrick Simon den Zustand deren Räder. Ein E-Bike ist auch unter den geschenkten. Thomas Schäfer staunt, das es abgegeben wurde. „Es brauchte nur mal etwas Pflege und war sonst vollkommen in Ordnung.“ Die meisten neu gekauften Räder innerhalb der Aktion waren E-Bikes. Wer bei den Tafeln nun welche Fahrräder bekommt, kann Patrick Simon erst in den kommenden Tagen entscheiden, wenn die Räder nach Neustadt geliefert worden sind. In einem Lager sollen sie unterkommen. Simon will zuerst eine genaue Bestandsaufnahme machen. Wie viele Damenräder sind darunter, wie viele für Herren oder Kinder. „Neustadt hat natürlich erst einmal das Vorkaufsrecht“, scherzt der Leiter der Tafel. Was übrig ist, will er weiterverteilen. Die ersten Fahrräder sollen bereits in den nächsten Tagen verschenkt werden. Ab Montag rechnet er damit, dass das Telefon heiß läuft. Zu den Öffnungszeiten der Tafel, die an der Dresdner Straße in Neustadt Lebensmittel verteilt, sollen erste Räder mit auf den Hof gestellt werden. Bei Bedarf könnten sich Kunden einen neuen fahrbaren Untersatz gleich mitnehmen.

Familie und Kinder
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Patrick Simon kennt die Kunden der Neustädter Tafel gut, ihre Situation, ihr soziales Umfeld. Für mehr als etwa 200 Familien ist die Einrichtung jede Woche ein wichtiger Anlaufpunkt. Hier bekommen Bedürftige Lebensmittel, frisches Obst und Gemüse, das sie allein nicht finanzieren könnten. Die Tafel bekommt die Lebensmittel von Bäckereien und Supermärkten gestiftet. Mit einem Transporter gehen Mitarbeiter jede Woche auf Tour, um Händler ansteuern. Pro Jahr landen im Lieferwagen an die 240 000 Brötchen und 25 000 Brote. Hinzu kommen 150 Tonnen Obst und 100 Tonnen Gemüse. Davon profitieren über 500 Personen, die die Neustädter Tafel mit den Lebensmitteln versorgt. In Heidenau wächst der Bedarf, die Ausgabe öffnet zweimal die Woche. Jetzt will Heidenau selbstständige Tafel werden. Der Antrag beim Landesverband ist gestellt. Gleichzeitig muss sich Heidenau nach neuen Räumen umschauen, die aktuellen auf der Güterbahnhofstraße wurden gekündigt.

Die Rad-Aktion hat auch Schäfer gefallen. Alle hatten was davon, sagt er. Und er hat gern an seinem freien Tag mitgeschraubt.