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Comeback der Postkarten-Grüße

Weltweit verschickt Marianne Gropp Karten. Dabei helfen ihr Computertechnik und eine halbe Million Gleichgesinnter.

© André Wirsig

Von Nadja Laske

Unendlich langsam bummelt die Postkarte durchs E-Mail-Zeitalter. Old school und liebenswert. Ihre Geschwindigkeit ist für Marianne Gropp jedoch zweitrangig. Ewige 201 Tage lang hat sie schon auf eine solche Karte gewartet. Aus Brasilien kam die und war eine Überraschung. Wie immer, wenn die 22-Jährige einen Fang aus ihrem Postkasten fischt. Bis zu diesem Moment weiß sie nur eins: Es wird ihr jemand schreiben. Irgendeiner von einer halben Million Menschen, die ihre Vorliebe teilen. Irgendeiner aus einem der 223 Länder, von denen aus sie ihr Hobby pflegen. Einer, den der Zufall bestimmt hat, die Technik oder das Schicksal.

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Marianne Gropp ist dem Postcrossing verfallen. Seit zwei Jahren sammelt sie Postkarten aus aller Welt und verhilft anderen Sammlern zu den begehrten Exemplaren. Sie alle treffen sich im Internet – nicht persönlich, sondern als Nutzer wie „felixx“, „Wewa“ oder „Marisha26“. Vor Marianne auf dem Café-Tisch liegt ein Smartphone. Sie tippt und wischt und landet auf ihrem Account. Als „Fireblossom“ erzählt sie dort von sich. Dass sie aus Saalfeld stammt und in Dresden studiert, womit sie neben ihrem Lehramtsstudium Geschichte und Latein gern ihre Freizeit verbringt, und vor allem welche Kartenmotive sie besonders mag: Blumen, Landschaften und Tiere. „Dadurch wissen die Postcrosser, die mir schreiben, womit sie mir eine Freude machen können.“ Wenn Marianne eine neue Karte auf den Weg schicken und im Gegenzug eine erhalten will, beginnt sie mit einem Mausklick. Aus den rund 465 000 Nutzern wählt das Computersystem auf Befehl einen Adressaten aus. Dessen Profil öffnet sich, und Marianne Gropp erfährt, wer ihr nächster Briefpartner ist. „Wenn ich weiß, wofür er sich interessiert, nehme ich eine passende Karte und schreibe ein paar Zeilen über mich.“ Mitgeliefert wird ein Code, den Marianne deutlich auf ihrer Karte vermerken muss. Briefmarke drauf, ab zum Kasten und dann – warten.

Während der Gruß aus Dresden mehr oder minder schnell Ländergrenzen, Gebirgsketten und Ozeane passiert, kann Marianne im Internet verfolgen, welche ihrer ausgeschwärmten Karten schon angekommen sind. Jeder Empfänger speist den Code ins Netz ein, und die Technik weist Mariannes Profil einem Postcrosser zu, der per Mausklick eine neue Adresse angefordert hat. Somit ist Marianne alarmiert: Du bekommst Post. Selbst in ihrem Lieblingscafé am Wasaplatz sitzend, kann sie das erfahren. Und während sie an einer Heidelbeer-Schnecke kaut und Orangensaft nippt, erzählt sie, was sie an diesem Geben und Nehmen so fasziniert.

„Ich habe das Gefühl, mit der Welt verbunden zu sein, und lerne über den Karten-Austausch ganz viel.“ Zum Beispiel über das Postwesen der verschiedenen Länder. Sendungen nach Russland brauchen zwei bis drei Wochen, nicht nur wegen der Entfernung, sondern auch wegen des mäßig ausgebauten Postnetzes. Geografie, Gesellschaft und Politik, Kunst und Kultur, für alles findet Marianne Anregungen auf Karten, die sie erreichen. Sie informiert sich über den Ort, in dem eine Karte aufgegeben wurde, und lernt dank der Kartenmotive Maler oder Fotografen, Traditionen und Gepflogenheiten kennen. Aus China erhielt sie eine Karte, die Menschen einer ethnischen Minderheit zeigt. Aus den USA schrieben ihr Eltern, die ihre Kinder zu Hause lehren und Postcrossing in ihren Unterricht einbauen, indem sie Land und Leute des Absenders zum Thema machen. Auch Soldaten aus Afghanistan gehören zur Postcrossing-Gemeinde. Einige Karten überraschen die Empfängerin. Besonders die einer 90-jährigen Finnin, die jeden Tag zwei Stunden zum Briefkasten läuft und per Postcrossing der Einsamkeit entflieht. Erstaunt hat sie Post aus Malawi, eine Rarität. In dem afrikanischen Land gibt es nur eine Handvoll Mitglieder, entsprechend selten sind Karten von dort. Und etwas platt war sie auch, vom Zufallsgenerator als Adressatin eines elfjährigen Mädchens aus Heidenau ausgewählt worden zu sein.

Manchmal erreichen Marianne via Facebook oder Foren direkte Anfragen: „Ein Mann aus Russland hat auf meinem Profil gelesen, dass ich aus Saalfeld stamme und bat mich um eine Ansichtskarte meiner Heimat. Er war im Krieg dort stationiert gewesen und wolle die Stadt mit neuen Augen sehen“, erzählt sie. Einige Freundschaften seien entstanden, und zwangsläufig habe sich ihr Englisch stark verbessert. Das ist die alles verbindende Sprache.

Geburtstage, Einladungen und ihre traditionellen Neujahrskarten schreibt Marianne Gropp von Hand. Viele bastelt sie selbst. „Trotzdem schätze ich auch E-Mails und finde Facebook unheimlich praktisch.“ Persönlicher jedoch findet sie das Schreiben. Oder noch besser, man trifft sich. Heute, 13.30 Uhr, lädt Marianne Gropp Postcrosser und Neugierige zu einem Treffen ein. Im Lokal Dschingis Khan am Hauptbahnhof tauschen sich die Karten-Sammler aus und erklären Neulingen gern, wie sie ihr Hobby teilen können.