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„Computer, etwas wärmer bitte!“

Automatisierte Hightech-Wohnungen können Senioren den Alltag erleichtern. Wären sie nur nicht so teuer.

© Thomas Kretschel

Von Henry Berndt

Sie hat keinen Namen. Dabei kennen sich die beiden doch schon seit fast zwei Jahren. Immer wenn Marion Becker nach Hause kommt, wird sie von der netten Frauenstimme begrüßt: „Guten Tag.“ Verlässt sie die Wohnung, dann bekommt die 63-Jährige auch schon mal einen Hinweis mit auf den Weg: „Es sind noch Fenster offen“, sagt die Stimme dann beispielsweise. Schnell schnappt sich Marion Becker noch das iPad, das in der Küche hängt, und überprüft, welche Fenster es sind und ob sie angekippt oder womöglich ganz offen sind.

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Es ist nur eine von vielen Raffinessen, die diese auf den ersten Blick so unscheinbare Drei-Zimmerwohnung in einem Döbelner Altbau bietet. Monatelang hatten die Beckers die Wohnungsgenossenschaft „Fortschritt“ bekniet, ihnen doch so etwas einzurichten. Eine ähnliche Musterwohnung gibt es bereits seit 2012 in derselben Straße. Als 2014 die zweite hinzukam, durfte Familie Becker sich freuen.

„Ich wollte eine Wohnung, in der ich mich sicherer fühle als vorher“, sagt Marion Becker. Ob der Topf auf dem Herd überkocht oder die Waschmaschine ausläuft – ihre Wohnung sagt es ihr. Mithilfe ihres iPads hat sie jederzeit den Überblick über alle Zimmer und Funktionen. Um die Eingangstür zu öffnen, muss sie nur ihren blauen Chip an einen Sensor halten.

Für die meisten älteren Sachsen ist eine solche Hightech-Wohnung bislang noch unbezahlbar, räumt Stefan Viehrig, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft, ein. Der Ausbau dieser drei Räume plus Bad und Küche habe rund 40 000 Euro gekostet, davon allein 5 000 Euro das reine Technikpaket, das nur in Form eines riesigen Kastens mit allerlei Kabeln und Steckern neben der Eingangstür sichtbar ist.

Vor vier Jahren, bei der Vorstellung der ersten Musterwohnung, hatte Viehrig noch mutig prognostiziert, in den nächsten 20 bis 30 Jahren würden zehn Prozent aller Wohnungen in Sachsen so aufgerüstet sein – und das sei dann bezahlbar. „Ich bin Visionär“, sagt er heute, „und nicht alle Visionen können so eintreten, wie man sie erwartet.“ Die Preise für die Technik sind seither kaum gesunken und in Döbeln gibt es bis heute eben nur zwei Musterwohnungen. „Eine solche Automatisierung braucht auch den Service dazu und nicht nur einen Handwerker“, sagt Viehrig. „Das haben wir unterschätzt.“

Hochburg Zwickau

Immerhin: „Sachsenweit ist die Nachfrage nach technischer Aufrüstung in den vergangenen Jahren gestiegen“, sagt Vivian Jakob, Sprecherin des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften (VSWG). Angesichts der demografischen Entwicklung steige der Bedarf an barrierearmen Wohnungen. 130 000 solcher Appartements müssten nach Auffassung des Verbandes bis zum Jahr 2030 gebaut werden – von Hightech ist da zunächst nicht die Rede.

Erst knapp 300 wirklich automatisierte Wohnungen gebe es derzeit im Bestand der VSWG, die allermeisten davon in Nord- und Westsachsen. Allein die Westsächsische Wohn- und Baugenossenschaft mit Sitz in Zwickau bietet 200 dieser Quartiere an. Das ist sicher kein Zufall, hat doch einer der Marktführer für diese Art Technik hier seinen Sitz: die Firma ACX, die auch die Wohnung von Marion Becker ausgestattet hat, wirbt im Internet mit dem „Know-how aus IT, Luftfahrt und Motorsport“. Seit 2008 arbeitet das Unternehmen an seiner Marke ViciOne, einer „neuen Generation der Haus- und Gebäudeautomation“, deren Elemente kombinier- und erweiterbar sind. Mehr als 1 000 Aufträge habe es bereits gegeben, sagt Produktmanager Frank Brylok.

Mindestens ein Auftrag kam aus Döbeln. Genau so hatte sich die technikbegeisterte Marion Becker das vorgestellt. „Als junges Mädel habe ich EDV gelernt“, sagt sie. Das sah natürlich damals alles noch ein bisschen anders aus, „aber ich bin immer am Ball geblieben“. Im Internet machen ihr die jungen Leute von heute so schnell nichts vor. Jeden Morgen geht ihr erster Griff zum iPad: Wie wird das Wetter?

Über den Tablet-Computer kann sie ihre Wohnung nach Belieben steuern, etwa das Licht oder die Jalousie der Balkontür. Die Sensoren an der Decke der Zimmer mögen aussehen wie gewöhnliche Feuermelder, doch sie messen gleichzeitig die Temperatur, die Helligkeit, die Luftqualität und registrieren Bewegungen im Raum. Über ihren Computer kann Marion Becker das Wasser ein und ausschalten, genauso wie die Steckdosen. Jedem Raum ordnet sie ein Profil und damit eine exakte Wunschtemperatur zu: Abwesend, Frostschutz, Schlafen, Komfort. „Und dann habe ich noch Komfort Plus mit 24 Grad. Wenn die Kinder kommen, damit sie nicht frieren“, sagt die Hausherrin und lacht.

Auf die Kamera über der Eingangstür, die eigentlich zum Standardset gehört, haben die Beckers verzichtet. „Ich fühle mich selbst unwohl, wenn ich beobachtet werde“, sagt Marion Becker. „Deswegen lassen auch wir das.“ Der klassische Spion muss vorerst ausreichen. Auch die Kommunikation der Wohnung nach außen über Notrufe ist in ihrer Wohnung derzeit nicht aktiv – im Gegensatz zur zweiten Döbelner Musterwohnung. Der Panikknopf über dem Bett im Schlafzimmer ist daher bislang nur Attrappe. Später wollen sie darüber vielleicht mal ihre Kinder erreichen.

Neue Wohnungen geplant

Doch das hat noch Zeit. In wenigen Tagen wird Marion Becker ihre Arbeit in der Logistik eines Zustellservices beenden und in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Auf ihren Mann, der derzeit nur am Wochenende da ist, wartet in zwei Jahren ebenfalls die Rente. „Eins ist klar“, sagt die 63-Jährige. „Hier ziehen wir nie wieder aus. Bis zum letzten Tag bleiben wir hier drin.“

Kein Wunder, eine weitere derartig verkabelte und automatisierte Wohnung wird es in Döbeln so schnell nicht geben. Zwar will die Wohnungsgenossenschaft „Fortschritt“ in den kommenden drei Jahren 48 neue Wohnungen bauen, die standardmäßig einige sicherheitsrelevante Elemente wie den automatischen Wasserstopp im Falle einer Havarie bieten. Nicht aber das ganze Technikpaket.

„Dafür braucht man auch die Mieter“, sagt Vorstand Viehrig. „Und man sollte unsere Wohnungen nicht mit einem Penthouse vergleichen.“ Ein Penthouse wollten auch die Beckers nicht, aber eine besondere Wohnung. „Darf ich Ihnen noch mein Lieblingsspielzeug zeigen?“, fragt Marion Becker. Alle Fenster haben Steckdosen. Warum? Damit die Schwibbögen im Advent schön regelmäßig erleuchten. Kann ja auch nicht schaden, wenn nachts mal ein Licht brennt, obwohl niemand da ist.