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Computerfreak bekommt Chance

Kevin Löwa ist behindert und arbeitet langsamer als andere. Trotzdem hat er seit vier Wochen einen Job.

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© Dietmar Thomas

Von Tina Soltysiak

Roßwein. Wenn Kevin Löwa läuft, geht er etwas gebückt und humpelt. „Ich bin zu 50 Prozent gehbehindert“, erzählt er. Der 22-Jährige hat ein freundliches Gesicht, ist nett, aufgeschlossen. Und er hat Ahnung von dem, worüber er spricht. Der Roßweiner arbeitet in Döbeln beim PC-Heimservice-Suhr an der Breiten Straße. „Seit 1. November habe ich eine Festanstellung“, erzählt er stolz. Probleme mit seiner Erscheinung oder seinen Defiziten hätten weder sein Chef Stephan Suhr noch die Kunden. „Ich habe motorische Einschränkungen und Defizite bei der Schnelligkeit und der Auffassungsgabe“, gibt er offen zu.

Dass ihn Stephan Suhr eingestellt, macht ihn stolz, glücklich und zufrieden. Denn sein Start ins Berufsleben war aufgrund seiner Behinderung nicht leicht. Er hat in der Lernförderschule Albert Schweitzer in Roßwein seinen Hauptschulabschluss gemacht – mit einem Zweierschnitt. In Informatik und Englisch hatte er sogar eine Eins auf dem Zeugnis stehen.

Erste Maßnahme abgebrochen

Im Anschluss absolvierte er in Dresden eine zweijährige Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Kevin Löwas Leidenschaft sind PC, Handys und alle andere Computertechnik. Schon seit seinem 14. Lebensjahr, erzählt er. „In Dresden haben sie mir gesagt, ich wäre für die Informatik nicht geeignet. Obwohl ich 90 Prozent der Aufgaben, die ich in dieser Richtung lösen musste, richtig hatte.“ Er sollte in eine andere Branche gedrängt werden. „Das habe ich aber nicht zugelassen. Eh ich da mit den Nerven dran kaputtgehe, habe ich die Maßnahme abgebrochen“, erzählt er.

Stattdessen wurde er vorübergehend arbeitslos. Doch dank der Spontanität und Aufgeschlossenheit von Stephan Suhr änderte sich das schnell. Unternehmer wie er, die bereit sind, Menschen mit Behinderungen einzustellen, gibt es in Mittelsachsen immer mehr.

Laut der Agentur für Arbeit Freiberg entwickelte sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren positiv, und auch schwerbehinderte Arbeitslose profitierten von dieser Bereitschaft. „Im Vergleich zum Vorjahr reduzierte sich die Anzahl arbeitsloser Schwerbehinderter um mehr als zwölf Prozent. Von den insgesamt 11 028 gemeldeten Arbeitslosen in Mittelsachsen sind 755 schwerbehindert. Das entspricht einem Anteil von sieben Prozent“, so Sprecherin Stefanie Ebert. Die am Montag veröffentlichten Zahlen belegen, dass die meisten von ihnen Männer (461) und länger als ein Jahr arbeitslos sind.

Lange Arbeitslosigkeit kam für Kevin Löwa nie infrage: „Ich habe meiner Mutti immer gesagt, dass ich selbstständig sein und mein eigenes Geld verdienen möchte.“ Deshalb begann er Ende 2013 eine weitere Maßnahme – die sogenannte „Unterstützte Beschäftigung“. Das ist eine individuelle, betriebliche Qualifizierung, Einarbeitung und Begleitung behinderter Menschen in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Noch immer komme es vor, dass die Qualifikationen von behinderten Menschen unterschätzt werden. „Von den 755 gemeldeten schwerbehinderten Arbeitslosen haben mehr als 80 Prozent eine abgeschlossene betriebliche oder schulische Ausbildung. 40 Personen haben eine akademische Ausbildung. Die meisten suchen nach einer Stelle als Fachkraft“, so Susan Heine, Vorsitzende der Arbeitsagentur Freiberg.

Arbeit verbessert die Motorik

Der Döbelner Unternehmer Stephan Suhr hat das Potenzial von Kevin Löwa gleich erkannt. An einem Freitag hatte der Jugendliche seine Bewerbungsunterlagen eingereicht. Am darauffolgenden Montag war er plötzlich Praktikant. Einen Tag pro Woche hatte er in Mittweida Schulungen. Die übrigen vier Tage arbeitete er im Geschäft in Döbeln. „Nach drei Monaten habe ich schon einen Ladenschlüssel bekommen“, erzählt er stolz. Das habe ihm gezeigt, wie sehr ihm sein Chef vertraut und wie sehr er von ihm geschätzt wird.

Die Maßnahme ist im Oktober ausgelaufen. Dass er Kevin übernehmen und fest einstellen wird, sei ihm im Verlauf der zweijährigen Maßnahme immer klarer geworden, ist bei Suhr herauszuhören. „Er hat große Fortschritte gemacht – vor allem, was seine Motorik betrifft“, sagt Suhr. Kevin sei der „Handydoktor“ im Laden, erzählt er schmunzelnd. Was die Konzentration und die Merkfähigkeit betrifft, habe Kevin immer noch Defizite. Aber dafür haben sie eine einfache Lösung gefunden: Meist schreibt sich der 22-Jährige die Informationen in ein Buch. Ist etwas erledigt, wird es abgehakt. „Kevin ist sehr zuverlässig. Dinge, die er 100-prozentig beherrscht, erledigt er allein. Alles andere machen wir zusammen“, sagt Suhr. Den jungen Mann eingestellt zu haben, habe er nie bereut. „Es ist wie bei jedem anderen auch. Wir haben es probiert. Es hat gepasst“, sagt er.

Kevin Löwa arbeitet 100 Stunden pro Monat. „Die Zeiten haben wir so gelegt, dass ich bequem mit dem Bus fahren kann“, erzählt der Roßweiner. Derzeit spart er außerdem auf den Führerschein. Dann wird er noch ein Stück unabhängiger. Von seiner Behinderung habe er sich nie unterkriegen lassen, sagt er.