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Deutschland & Welt

Corona bringt die innere Uhr durcheinander

Wissenschaftler haben die Wahrnehmung von Zeit in der Krise untersucht. Warum für manche die Tage quälend langsam und für andere zu schnell vergehen.

© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa (Symbolfoto)

Von Christoph Meyer

London. Vor mehr als 100 Jahren stellte Albert Einstein die Physik auf den Kopf, als er die bis dahin als Konstante betrachtete Zeit als eine relative Größe entlarvte. Obwohl objektiv messbar, vergeht Zeit eben nicht überall und für jeden gleich schnell. Doch der Unterschied ist so klein, dass er auf der Erde kaum ins Gewicht fällt. Zeit ist aber nicht nur ein Forschungsobjekt in der Physik, sondern auch in der Psychologie, denn sie hat viel mit unserer Wahrnehmung zu tun. Auch hier vergeht Zeit, zumindest scheinbar, unterschiedlich schnell - und zwar deutlich.

Wie aus einer in der Fachzeitschrift "PLOS ONE" veröffentlichten Studie hervorgeht, haben viele Menschen den Lauf der Zeit während der ersten Corona-Welle anders wahrgenommen als sonst. Ein Team um Ruth Ogden von der John-Moores-Universität in Liverpool befragte dafür rund 600 Menschen in Großbritannien zwischen dem 7. und 30. April in einer Online-Umfrage zu Zeitempfinden, Gemütszustand und persönlichen Umständen. Die Kontaktbeschränkungen haben nach Ansicht der Autoren eine seltene Gelegenheit geboten, um zu studieren, wie sich Störungen des alltäglichen Lebens auf die Wahrnehmung von Zeit auswirken.

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Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, die Zeit der Kontaktbeschränkungen sei für sie entweder schneller oder langsamer vergangen als sonst. Wer älter und unzufrieden mit dem Maß seiner sozialen Kontakte war, für den verging die Zeit häufig langsamer. Wer jünger und zufriedener war, verspürte eher eine Beschleunigung der Ereignisse. Das galt sowohl für einzelne Tage als auch für ganze Wochen.

Interessant ist dieses Ergebnis vor allem, weil frühere Studien zeigen, dass ältere Menschen einen Zeitraum von zehn Jahren im Rückblick gewöhnlich als kürzer wahrnehmen als jüngere Menschen. Auch landläufig ist das Phänomen bekannt, dass mit zunehmendem Alter die Jahre scheinbar immer schneller verstreichen.

Wenige Ereignisse - kein Zeitempfinden

Der Psychologie-Professor Helmut Prior von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main sieht keinen Widerspruch. Wer in der Zeit der Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen ein nur wenig ereignisreiches Leben hatte, habe einzelne Tage möglicherweise als quälend lang empfunden, so Prior. Später einmal im Rückblick könne sich das anders darstellen. "Wenn diejenigen, für die das über viele Wochen so lief, zurückschauen, haben sie fast das Gefühl, da war überhaupt keine Zeit", sagte der selbst nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler.

Grund dafür sei, dass Zeit in der Rückschau oft über Ereignisse wahrgenommen werde. "Da sind dann nur relativ wenige Ereignisse gewesen, die das strukturiert haben." Das betreffe nun einmal häufiger ältere Menschen, die bereits in Rente sind. Hinzu komme möglicherweise auch, dass ältere Menschen stärker dazu neigten, negative Erinnerungen auszublenden.

Für Menschen, die in der Krise stärker gefordert waren als vorher, beispielsweise Eltern und Beschäftigte in systemrelevanten Berufen, sei die Zeit im momentanen Empfinden offenbar schneller vergangen. Doch im Rückblick könne es sich für sie so anfühlen, als seien es beinahe Jahre gewesen, sagte Prior.

Eine Einschränkung für die Aussagekraft ihrer Studie sehen die Autoren in der Tatsache, dass der Alkoholkonsum während der Pandemie angestiegen ist. Wie sich das eine oder andere Gläschen auf die Wahrnehmung von Zeit auswirkt, ist noch nicht geklärt. (dpa)

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