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Warum auch Müllmänner jetzt Corona-Helden sind

Mario Boden und Michael Reich sammeln ein, was andere nicht mehr wollen. Zur Corona-Zeit haben sich für die Müllmänner nicht nur Füllmengen geändert.

Seit 15 Jahren sind Mario Boden (vorne) und Michael Reich ein Paar – zumindest im Dienst bei der Dresdner Müllabfuhr.
Seit 15 Jahren sind Mario Boden (vorne) und Michael Reich ein Paar – zumindest im Dienst bei der Dresdner Müllabfuhr. © Ronald Bonß

Von Franziska Klemenz (Text) und Ronald Bonß (Fotos)

Dresden. Würde man Mandarinen und Mafiosi miteinander kreuzen – es kämen wohl Mario Boden und Michael Reich heraus. Die Sonnenbrillen mit goldenen Klemmen, die Gesten und das Grinsen, dazu die orangefarbenen Anzüge mit glänzenden Streifen. Mario Boden und Michael Reich arbeiten seit 15 Jahren als Zweier-Team zusammen, fahren Touren durch ihren Standard-Kiez in Dresden.

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Wie Mafiosi haben die beiden viel mit Schmutz zu tun. Doch sie beseitigen ihn. Der 57-jährige Boden und sein fünf Jahre älterer Kollege Reich sind bei der Müllabfuhr. „Wir können nicht ins Homeoffice gehen“, sagt Boden, der seinen Job seit 37 Jahren macht. Ihr Homeoffice ist die Halde.

An diesem Morgen fahren sie wie so oft durch Striesen. „Wenn man immer in der gleichen Besatzung ist, weiß die linke Hand, was die rechte macht“, sagt Reich. Er hebelt sich mit einem Griff auf den Tritt am Rumpf des Wagens, Mario Boden schmeißt den Motor an. Beide können beides, wechseln sich tageweise ab. Wie jeden Donnerstag leeren sie Restmülltonnen. 

Michael Reich auf dem Müllwagen.
Michael Reich auf dem Müllwagen. © Ronald Bonß

Was nicht Glas, Verpackung, Karton und Papier oder Biomüll ist, landet darin. „Man sollte eigentlich meinen, das ist gar nicht mehr so viel“, sagt Boden. „Ist es aber.“ Immer wieder müssen sie Tonnen, die für Verpackungen oder Biomüll gedacht sind, zurücklassen und bei der Restmüll-Runde abholen, weil Menschen falsche Materialien hineingeworfen haben.

Zu Corona-Zeiten hat die Dresdner Stadtreinigung die Touren zeitlich voneinander getrennt, damit die Mitarbeiter einander nicht so oft begegnen. 105 Männer arbeiten bei der Müllabfuhr, Krankheiten und Urlaube sind im Dienstplan eingerechnet. 80 fahren fast täglich raus. Die Biomülltouren starten jetzt um 6 Uhr, Verpackungen um 7, Restmüll um 8 Uhr.

Beim Abladen des Mülls begegnen sie niemandem mehr. Früher mussten sie bei abgeliefertem Biomüll eine Quittung über die gewogene Menge abholen, jetzt geht der Schein direkt an die Stadtreinigung. Aus Biomüll wird hinterher Blumenerde, aus Restmüll Granulat für Heizkraftwerke, Verpackungsmüll wird sortiert und teilweise wieder verwendet.

„Man überlegt in diesen Zeiten jetzt schon mehr, was passieren könnte“, sagt Boden. „Ohne Anfassen geht’s ja nicht. Man muss Tonnen anfassen, Türklinken.“ Ein Desinfektionsmittel haben sie jetzt an Bord, in der Betriebskantine ist man auseinandergerückt, damit maximal vier Personen zusammensitzen. „Ein bisschen Angst hat man schon, beim Frühstück setzt man sich weiter weg“, sagt Boden.

Er lässt den Blick über die vielen Spiegel seines Wagens huschen. Wenn eine Tonne zu schwer für den Einzelnen ist, muss er das rechtzeitig erkennen, um mitzerren zu können. Kollege Reich trabt über Gehsteige, sammelt Tonnen aus Höfen und Verschlägen, reicht sie dem Wagen einhändig in dessen Halterung. „Wenn man den Müll in den Wagen schüttet, kommen Dämpfe raus. Da kommen wir schon in Berührung mit dem Hausmüll, das ist unvermeidbar“, sagt Boden.

Deutlich mehr Hausmüll gebe es gerade. Wenn die Leute in Kurzarbeit sind, sie auf Reisen, Konzerte, Treffen mit Freunden und Familie verzichten müssen, bleibt viel Zeit zu Hause. Menschen räumen Keller und Böden auf, essen mehr am eigenen Tisch als unterwegs und auf der Arbeit. „Leere Kübel hat man kaum noch.“

Der Müllwagen fährt durch gepflasterte Alleen mit sonnendurchfluteten Gärten, durchquert die Schandauer Straße, vorbei am geschlossenen Programmkino Ost. Die vielen Sticker auf dem Rumpf des Wagens erinnern an das Klo einer Punkerkneipe, die Fühler, das Blinken und der große Schlund an einen Tiefseefisch.

Ein Mädchen starrt durch den Gartenzaun auf das Gebilde, nuckelt am Zeigefinger. „Kleine Zuschauer haben wir gerade oft“, sagt Boden. Sonst gehen Kinder meist zur Schule oder in die Kita, während die Müllabfuhr die Kübel leert. Die Mutter des Mädchens lehnt sich herunter, streicht der Kleinen über den Kopf, wispert ihr etwas ins Ohr. Wahrscheinlich, was die Männer mit dem Wagen machen.

„Durch Häuserblöcke durchzufahren mit dem großen Wagen, ist der Wahnsinn, du kommst kaum noch um die Kurven rum“, sagt Mario Boden, der das große Müllauto an diesem Tag lenkt.
„Durch Häuserblöcke durchzufahren mit dem großen Wagen, ist der Wahnsinn, du kommst kaum noch um die Kurven rum“, sagt Mario Boden, der das große Müllauto an diesem Tag lenkt. © Ronald Bonß

An einem Tag wie heute, sagt Boden, „macht die Arbeit richtig Spaß, einwandfrei.“ Es ist warm genug, um Tonnen im T-Shirt einzusammeln und frisch genug, um nicht zu schwitzen „Man muss wirklich wetterfest sein, auch bei Regen und Schnee rausfahren. Noch schlimmer ist es aber bei brüllender Hitze, da stinkt der Müll ums Dreifache mehr“, sagt Boden. „Aber das ist auch so was Gutes an dem Job: Man arbeitet alles hintereinander weg, guckt gar nicht auf die Uhr.“

Gelernt hat Boden Schlosser im Sachsenwerk, doch da sei ihm schnell das Dach auf den Kopf gefallen. „Das sage ich auch immer zu meiner Frau, wenn sie in ein Möbelhaus gehen will. Da bin ich lieber auf dem Müllwagen an der frischen Luft, als in einer fensterlosen Halle mit künstlichem Licht.“ 

Leise kann Boden all das nicht sagen, den Wagen übertönt man nur mit gehobener Stimme. Bei jeder Tonne rumpelt der Wagen, oft zischt er, immer röhrt er, weil der Motor auch im Stehen gut zu tun hat. Michael Reich schreitet auf einen menschenhohen Kübel zu, das sieht Boden durch das Fenster. „Das ist bissel schwer, da muss ich jetzt mal helfen.“

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Die beiden packen einen grünen Plastik-Container, kichern. „Das ist bei uns neben der Frau der sportliche Ausgleich“, sagt Reich und grinst. Der Müllwagen packt die Tonne, hackt sie zwischen zwei Lappen durch in sich hinein. Tüten, Gläser, Windeln und Glas vermengen sich so rasch zu einem Brei, dass die Augen dem Geschehen kaum folgen können.

Ob man mal näher hinsehen darf? „Da möchteste nicht reinkommen“, sagt Boden. „Ist mal einem passiert, der ist dann gestorben.“ Um möglichst effektiv Müll zu sammeln, presst der Wagen seinen Inhalt während der Fahrt zu einem komprimierten Klotz zusammen. Elf Tonnen kann er laden, er selbst wiegt gute 15. Drei bis vier Stunden dauert es bei Restmüll-Touren durch Wohngebiete, bis die elf Tonnen geladen sind, dann liefert das Duo sie ab und fährt weiter.

Restmüll, sagt Boden, ist seine Lieblingsart von Abfall. „Der ist anspruchsvoller, die Tonnen sind nicht übergroß, man hat schwere Kübel, aber kann ein großes Gebiet abfahren. Man braucht nicht ewig wie beim Verpackungsmüll, bis der Wagen voll ist.“ Über Feiertage wie Ostern fällt besonders viel Biomüll an, Menschen fegen ihre Straßen, entrümpeln die Beete. Auf dem Schrittzähler von Boden und Reich stehen am Ende ihres Arbeitstags oft 15 Kilometer.

Restmüll, sagt Boden, ist seine Lieblingsart von Abfall. „Der ist anspruchsvoller, die Tonnen sind nicht übergroß, man hat schwere Kübel, aber kann ein großes Gebiet abfahren. Man braucht nicht ewig wie beim Verpackungsmüll, bis der Wagen voll ist.“ Sein
Restmüll, sagt Boden, ist seine Lieblingsart von Abfall. „Der ist anspruchsvoller, die Tonnen sind nicht übergroß, man hat schwere Kübel, aber kann ein großes Gebiet abfahren. Man braucht nicht ewig wie beim Verpackungsmüll, bis der Wagen voll ist.“ Sein © Ronald Bonß

Der Müllwagen rumpelt durch die Altenberger Straße, Autos fahren Slalom um ihn herum. Mario Boden wippt hoch und runter, sein Stuhl federt Bewegungen ab. Er blickt auf einen Bildschirm neben dem Lenkrad, der die Tour anzeigt. 406 Tonnen werden sie heute leeren. Der Wagen passiert eine Baustelle, „wenn die fertig ist, sind es wohl eher 450 Tonnen, die Touren werden immer größer.“

Der Wagen nähert sich dem Friedhof, als Bodens Handy mit Dynamohülle klingelt. Wann er wohl das nächste Spiel des Dresdner Fußballvereins sieht? Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Boden hüpft wieder raus, hilft dem Kollegen. Am härtesten sei es, wenn man schwere Kübel über Schotter ziehen muss oder Bordsteine nicht abgehängt sind.

Manchmal haben sich Ratten in den Tonnen eingenistet, die beim Leeren rausspringen, nachdem sie den halben Inhalt weggefressen haben. Besonders ungern leert Boden die windelbepackten Tonnen von Altenheimen. „Oh, jetzt muss ich mich kurz konzentrieren“, kündigt er an. 

Rückwärts fährt der piepsende Wagen in eine Einfahrt hinein, deren Bordstein nicht abgesenkt ist. Eine Luftfeder hebt den Koloss auf Befehl an, damit er nicht aufliegt. „Durch Häuserblöcke durchzufahren mit dem großen Wagen, ist der Wahnsinn, du kommst kaum noch um die Kurven rum.“

Ein Hund mit weißen Dreadlocks hockt vor einer Haustür und blickt dem Wagen hinterher, zwei Maskenträgerinnen unterhalten sich am Straßenrand, eine Postbotin radelt vorbei und grüßt. Man bemerke schon, dass Menschen gerade auf Abstand gehen, sagt Boden. Gleichzeitig seien sie in ihrem Striesener Bezirk gerade besonders freundlich. 

Erst vor Kurzem hat ein Mann Mitte 30 angehalten, der mit seinem Kind auf dem Fahrrad unterwegs war. Er wollte sich bedanken, erzählt Boden. „Es ist nicht selbstverständlich, heute die Arbeit zu machen, die Sie machen“, habe er gesagt. „Ich ziehe meinen Hut vor euch.“

Jetzt, in Corona-Zeiten, gibt es manchmal sogar ein Dankeschön von Anwohnern an der täglichen Route der Müllmänner.
Jetzt, in Corona-Zeiten, gibt es manchmal sogar ein Dankeschön von Anwohnern an der täglichen Route der Müllmänner. © Ronald Bonß

Mario Boden biegt um die nächste Ecke, Kollege Michael hüpft vom Tritt, dirigiert ihn mit Fingerdeuten unter seinen Handschuhen hervor in eine Einfahrt. 84 Tonnen haben die beiden Saubermänner bisher geleert, der Großteil liegt noch vor ihnen. In ihrem Beruf gehören sie zu der Gruppe von Menschen, die sich die Frage gar nicht leisten können, ob ihnen das Risiko zu groß ist, wenn sie arbeiten gehen.

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