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"Ich nehme alles, was kommt"

Elisabeth Jahnke aus Dresden desinfiziert in der Corona-Krise Einkaufswagen. Eigentlich betreibt sie eine Kampfsport-Schule und hat viel riskiert.

Elisabeth Jahnke bringt Menschen eigentlich die Kampfkunst Taekwon-Do bei. Weil ihre Schule geschlossen ist, hilft sie jetzt in Supermärkten aus.
Elisabeth Jahnke bringt Menschen eigentlich die Kampfkunst Taekwon-Do bei. Weil ihre Schule geschlossen ist, hilft sie jetzt in Supermärkten aus. © René Meinig

Dresden. Im Sommer 2019 erfüllt sie sich ihren großen Traum: Elisabeth Jahnke eröffnet eine eigene Taekwon-Do-Schule. Dafür hat sie eine große Industriehalle in Radebeul angemietet, ein Schritt der angesichts hoher monatlicher Kosten wohlüberlegt sein will. Jetzt, in der Corona-Krise, weiß die 43-Jährige, dass es durchaus bessere Zeitpunkte für derartige Projekte gibt. Seit 19. März ist auch ihre Kampfsport-Schule geschlossen. 

Um mit ihrer Familie halbwegs über die Runden zu kommen, desinfiziert Elisabeth Jahnke nun Einkaufswagen vor Dresdner Supermärkten. Zuletzt war sie vor dem Penny an der Bodenbacher Straße und im Kaufland an der Borsbergstraße im Einsatz. Dabei hat sie neben der Kampfsport-Schule ohnehin mehrere Standbeine, sollte es mit dem Taekwondo mal nicht so gut laufen. 

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Was sie vor Corona nicht wissen konnte: Keinen ihrer drei Nebenjobs kann sie in der Corona-Krise ausüben. "Ich habe komplett aufs falsche Pferd gesetzt", sagt sie und lacht gequält. Ein Kellnerjob im Restaurant, eine AG in einer Schule, ein Selbstverteidigungskurs im Seniorenheim - nichts davon ist derzeit möglich.

"Deshalb nehme ich alles, was kommt." Wie den Ordnerjob vor Supermärkten, nah dran an den Kunden, mittendrin in den Corona-Hygiene-Auflagen des Einzelhandels. Über eine Dresdner Agentur bekommt sie hin und wieder einen der begehrten Aufträge, tageweise. Eine regelmäßige Einnahme ist auch das nicht.

Und wie gehen die Dresdner mit den Einlasskontrollen um? Viele Supermärkte dürfen ausschließlich mit Einkaufswagen betreten werden, damit die Ordner überschauen können, wie viele Menschen sich drinnen aufhalten. Dafür wurde die Zahl der Einkaufswagen auf eine bestimmte Menge reduziert. Hintergrund ist, dass die Kunden im Laden genug Abstand voneinander halten sollen. Elisabeth Jahnke teilt die Wagen zu, nachdem sie die Handgriffe mit Desinfektionsmittel gereinigt hat. "Die meisten Kunden halten sich an die Regeln und sind freundlich zu mir." Ein, zwei gebe es am Tag, die den Einkaufskorb partout ablehnen und nicht verstehen, warum das gemacht wird, erzählt Jahnke. Da sei Geduld und Beharrlichkeit gefragt, manchmal auch ein dickes Fell. 

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"Man lernt viel über Menschen"

"Man lernt viel über Menschen. Viele wünschen mir alles Gute und bedanken sich." Das wiege zumindest ein klein wenig den Ärger auf, und auch den geringen Lohn. Auf finanzielle Soforthilfeprogramme von Bund und Land kann Elisabeth Jahnke derzeit nicht zurückgreifen. Ein kleines Häkchen an der falschen Stelle ist Schuld daran. Weil sie die Taekwon-Do-Schule nicht im Haupt-, sondern nur im Nebengewerbe betreibt, hat sie keinen Anspruch. Seit 2011 leitet Elisabeth Jahnke zwar selbstständig ihre eigenen Gruppen - als Hauptgewerbe hat sie das aber nie umgemeldet.

Mit ihrer eigenen Schule könnte ihr das finanziell nun heftig auf die Füße fallen. Deshalb will sie ihre Kunden um jeden Preis halten, hofft, dass sie weiterhin ihren Beitrag bezahlen. Dafür bietet Jahnke dreimal wöchentlich insgesamt elf Stunden Online-Training an. "Für mich steht die Schule ganz oben, da steckt meine ganze Rente drin." Der Spagat zwischen Online-Kursen, die gut vorbereitet und völlig anders seien, als richtiges Training, und dem Ordnerjob vor den Supermärkten ist nicht immer einfach. 

Dazu kommen die Sorgen um ihre Familie: Auch ihr Mann ist selbständig, kann derzeit nicht arbeiten und macht ab dieser Woche ebenfalls Einlasskontrollen. Die 22-jährige Tochter musste aus England nach Dresden zurückkommen, auch sie kann nicht arbeiten. Was mit der Ausbildung ihrer jüngeren Tochter passiert? Niemand kann das derzeit sagen. Im Sommer will sie ihre Prüfung ablegen, dann nach Australien gehen. "Es kann halt nicht jeder im Homeoffice irgendwie weitermachen. Viele stehen einfach vor dem Nichts", sagt Elisabeth Jahnke. 

Für die Zeit nach Corona vertraue die 43-Jährige auf sich selbst. "Ich habe es vorher gut gemacht, war Taekwon-Do-Lehrerin, Mutti für die kleinen, Freundin für die größeren Schüler." Die Kampfkunstgemeinde sei sehr verbunden miteinander, nun müsse sie darauf hoffen, dass das starke Band zu ihren Schülern hält. "Ich habe gar keine andere Wahl. Für mich muss es weitergehen." An eine andere Option will Elisabeth Jahnke  zurzeit nicht denken. Dann wischt sie den nächsten Einkaufskorb ab. 

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