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Corona-Heldin: Schulbegleitung auf Distanz

Marion Kubis hilft einem Jungen durch den Schulalltag. Um das trotz Kontaktsperre zu tun, lässt sie sich viel einfallen. Treffen dürfen sich die beiden nicht.

Marion Kubis ist eine von rund 70 Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern, die im Auftrag des Malteser Hilfsdienstes Schülern dabei helfen, in der Schule zurecht zu kommen.
Marion Kubis ist eine von rund 70 Schulbegleiterinnen und Schulbegleitern, die im Auftrag des Malteser Hilfsdienstes Schülern dabei helfen, in der Schule zurecht zu kommen. © Sven Ellger

Ihr Arbeitsplatz ist die Schulbank. Normalerweise. So normal, wie es eben ist, einem Kind 45 Unterrichtsminuten zur Seite zu stehen. Viel mehr, als das ein Lehrer jemals leisten könnte, und intensiver, als jeder Banknachbar Unterstützung wäre. Marion Kubis ist Schulbegleiterin. Vor zwei Jahren haben Max* und sie begonnen, ein Team zu werden, und immer öfter fühlt sich das richtig gut an.

Was Max will und was er braucht, sind nicht immer die gleichen Dinge. Er möchte lernen und hat eine rasche Auffassungsgabe. Doch ohne Marion würde er das Pensum nicht ausreichend schaffen. Zu viele Dinge lenken Max ab, zu große Unruhe wohnt in ihm, zu oft braucht er jemanden, der seine Gedanken zu dem zurückholt, was der Lehrer gerade fordert. Dafür ist seine Begleiterin da. Nicht täglich, doch in den entscheidenden Fächern und Stunden.

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Aber wie soll Marion den Zehnjährigen begleiten, wenn die Schulhäuser geschlossen und der Unterricht an den heimischen Schreibtisch verwiesen ist? Wenn es die Kontaktsperre unmöglich macht, mit Max gemeinsam ins Schulbuch zu schauen? Vor diese Situation sah sich die studierte Sozialpädagogin am 16. März gestellt, als alle Kinder daheim bleiben mussten, um vor Corona geschützt zu sein. Zwar werden für Abschlussklassen die Schulen nach den Osterferien wieder öffnen. Max aber zählt nicht dazu, er muss weiterhin zuhause lernen.

Lernhilfe am Telefon

"Schon am Freitag davor haben wir geahnt, dass diese Entscheidung fallen wird", erinnert sich die 40-Jährige. Sie ließ Max alle Unterrichtsmaterialien mit nach Hause nehmen und plante mit seinen Eltern zunächst, ihn die nächsten Wochen trotzdem beim Lernen zu unterstützen, dann eben im Kinderzimmer. Aber schnell wurde klar, dass das nicht erlaubt ist. 

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Zwar besucht Max eine Regelschule. Als Viertklässler hätte er sicher auch so Schwierigkeiten, den Lernstoff, den die Pädagogen nun aus der Ferne aufgeben, ganz selbstständig zu bewältigen. Seine Besonderheit jedoch fordert ein Maß an Zuwendung, das seine Eltern im Homeoffice und mit der Betreuung jüngerer Geschwister beschäftigt, kaum aufbringen könnten. Wie gelingt es mir dennoch, für Max da zu sein, diese Frage ging Marion nicht mehr aus dem Kopf. 

Von ihrem Arbeitgeber, der Malteser Hilfsdienst gGmbH, und dem Jugendamt Dresden kam schließlich die Nachricht: Eine telefonische Schulbegleitung ist erlaubt. Aber ist sie auch möglich? Seit zwei Jahren sitzt Marion unzählige Schulstunden neben Max. Sie  kennt inzwischen jede seiner Stimmungen und Regungen, weiß, wie sie ihn mit psychologischem Gespür führen, ihn motivieren, fokussieren und Frustrationen auffangen kann. Das alles nur per Wort und Stimme am anderen Ende der Leitung?

Besser als nichts, dachte sie sich. Von den Lehrern erhält sie nun alle Aufgaben, die auch Max bekommt, dazu Bücher und Arbeitshefte sowie die Lösungen. Den dicken Hefter, mit dem sie parallel zu dem Zehnjährigen arbeitet, hat sie immer griffbereit. "Die ersten Tage waren schwierig", gibt Marion zu. Nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern fanden sich Mitte März in einem Ausnahmezustand wieder. Darin mussten sich ganze Familien neu sortieren, ihre heimischen Arbeitsplätze einrichten, den Tag strukturieren, Aufgaben neu verteilen, insbesondere die Betreuung kleinerer Kinder.

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"Anfangs haben wir mittags zu lernen begonnen, jetzt starten wir meistens neun Uhr." Dann besprechen Marion Kubis und Max zunächst, welche Aufgaben er sich für den Tag vornimmt, ob es Unklarheiten damit gibt und wofür er mehr Erklärungen braucht. "Dann motiviere ich ihn, allein zu arbeiten und mich anzurufen, wenn er mit einer Aufgabe fertig ist." Denn Marion Kubis hat nicht grenzenlos Gesprächszeit. Das Jugendamt begrenzt die schulbegleitenden Telefonate auf zweimal eine halbe Stunde pro Tag.

"Das macht mir Sorgen"

Außerdem hat Marion selbst drei Kinder, das jüngste sieben, das älteste 13 Jahre alt. Wie viele Eltern ist sie auch für sie rund um die Uhr Privatlehrerin, Kindergärtnerin, Köchin, Wäscherin, Spielkameradin in Einem. Arbeitet Max eine Zeit lang selbstständig, kann sie unterdessen ihren eigenen Kids über die Schulter schauen. Auf diese Weise lässt sich zudem die Redezeit so verteilen, dass die Uhr nur läuft, wenn es wirklich notwendig ist.

Die Uhr. Marion Kubis lächelt. In ihrem Beruf ist gerade unter diesen besonderen Umständen Zeit ein dehnbarer Begriff. Letztlich investiert sie immer mehr, als sich abrechnen lässt. "Aber ich bin so froh, dass ich Max helfen und auch seinen Eltern eine große Last von den Schultern nehmen kann", sagt sie. "Max ist ein so lieber, ehrlicher, offener Mensch." Wie wichtig es ist, Kindern mit besonderen Bedürfnissen besondere Zuwendung zu geben, weiß sie aus eigener Erfahrung. Ihre kleine Tochter lebt mit dem Downsyndrom.

"Noch geht sie nicht zur Schule", sagt Marion, "Aber dass jetzt Mädchen und Jungen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen über Wochen nicht in ihren Einrichtungen gefördert werden können und ihre Eltern mit ihnen zuhause auf sich gestellt bleiben, macht mir wirklich Sorgen." Kinder als Laie zu beschulen, ist Herausforderung genug. Doch es geht weit schwieriger.

Diese Krisenzeit überrascht die Menschen und will Ungewohntes von ihnen. Marion Kubis hat ihre Antwort darauf gefunden. Das gibt ihr und anderen Kraft.

*Name von der Redaktion geändert

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