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Politik

NRW ordnet zwei Lockdowns an

Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies zieht die Regierung die Notbremse. Andere Länder reagieren - das könnte viele Urlaubsplanungen durchkreuzen.

Ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma geht neben einem Fahrzeug über das Firmengelände des Fleischwerks Tönnies.
Ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma geht neben einem Fahrzeug über das Firmengelände des Fleischwerks Tönnies. © David Inderlied/dpa

Gütersloh/Düsseldorf.  Der massive Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies trifft die Menschen in den westfälischen Kreisen Gütersloh und Warendorf hart. Die Behörden in Nordrhein-Westfalen schränkten am Dienstag den Alltag von mehr als 640.000 Einwohnern in der Region um die größte deutsche Fleischfabrik erheblich ein. Viele der im übrigen Bundesgebiet inzwischen weitgehend aufgehobenen Pandemie-Schutzmaßnahmen treten dort zumindest bis zum 30. Juni wieder in Kraft.

Die Gesundheitsminister der Länder wollen am Mittwoch in einer Telefonkonferenz über ein gemeinsames Vorgehen nach den massenhaften Corona-Neuinfektionen beraten, wie Schleswig-Holsteins Landesregierung am Dienstag ankündigte. Ziel der Gespräche sei ein bundeseinheitliches Vorgehen.

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Denn schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Ausbruch in NRW Auswirkungen auf die Urlaubsplanung vieler Menschen haben dürfte. Auf der Urlaubsinsel Usedom wurden am Montag 14 Menschen aus Corona-Hotspots aufgefordert, vorzeitig abzureisen. In Bayern dürfen Beherbergungsbetriebe künftig keine Menschen mehr aufnehmen, die aus einem Kreis einreisen, in dem die Zahl der Neuinfektionen in den zurückliegenden sieben Tagen bei mehr als 50 pro 100.000 Einwohner liegt. Ausnahmen gibt es nur für Menschen, die einen aktuellen negativen Corona-Test vorweisen könnten. In Schleswig-Holstein müssen Reisende aus Corona-Risikogebieten wie dem Kreis Gütersloh nach ihrer Einreise für 14 Tage in Quarantäne.

Nordrhein-Westfalen, Gütersloh: Menschen stehen Schlange beim gratis Coronavirus-Test für die Bevölkerung.
Nordrhein-Westfalen, Gütersloh: Menschen stehen Schlange beim gratis Coronavirus-Test für die Bevölkerung. © Guido Kirchner/dpa

Bei dem Ausbruch rund um den Tönnies-Betrieb handele es sich um das bisher "größte Infektionsgeschehen" in NRW und auch deutschlandweit, sagte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Der Lockdown, der in der Nacht zum Mittwoch beginnen sollte, sei nötig, um durch Tests feststellen zu können, "ob auch über die Mitarbeiter von Tönnies hinaus in der Bevölkerung das Virus bereits verbreitet ist".

Die Entscheidung der NRW-Landesregierung, auch für den Kreis Warendorf Beschränkungen zu verhängen, kam am Dienstagnachmittag überraschend. Noch am Vormittag hatte Laschet erklärt, Schutzmaßnahmen solle es nur in Orten der direkten Nachbarschaft zum Kreis Gütersloh geben. "Man kann das nicht dorfscharf machen", begründete Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann nun die Ausweitung auf den gesamten Kreis.

Im öffentlichen Raum dürfen sich die Menschen nur noch mit Personen des eigenen Hausstands bewegen. Treffen dürfen sich auch zwei Personen, die weder der Familie angehören noch zusammen leben. Zudem verbieten die Behörden nach dem neuen Sicherheitspaket Sport in geschlossenen Räumen sowie zahlreiche Kulturveranstaltungen. Fitnessstudios werden ebenso geschlossen wie Kinos und Bars. Schulen und Kindertagesstätten sind im Kreis Gütersloh bereits seit dem 17. Juni geschlossen. Im Kreis Warendorf geschieht das am Donnerstag - zwei Tage vor Ferienbeginn in NRW.

Laschet warnte indes davor, die Menschen aus dem Kreis Gütersloh unter "Generalverdacht" zu stellen. "Dazu gibt es überhaupt keinen Anlass." Der Lockdown bedeute kein Ausreiseverbot, betonte der Regierungschef mit Blick auf geplante Urlaubsreisen. Auf eine Frage, ob Bewohner des Kreises Gütersloh in die Ferien fahren dürften, sagte er: "Wer Urlaub plant, kann das natürlich machen." Zugleich appellierte er aber an die Bewohner, "jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren".

Es kam zu Doppelzählungen

Die jetzt verkündeten Einschränkungen seien weniger umfangreich als die Regelungen im März, sagte der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer. So dürften zum Beispiel die Geschäfte geöffnet bleiben. Die Einhaltung der Quarantäne der rund 7000 Tönnies-Mitarbeiter, darunter viele Arbeiter aus Osteuropa, soll mit Hilfe der Polizei kontrolliert werden.

Wie viele Beschäftigte des Tönnies-Betriebs in Rheda-Wiedenbrück sich infiziert haben, ist unklar. Der Kreis will bei seinen Angaben vorerst nicht mehr nach Tönnies-Mitarbeitern und Personen ohne Bezug zu dem Schlachtbetrieb unterscheiden. Es sei zu Doppelzählungen in den Wohnungen und auf dem Werksgelände gekommen. Insgesamt gebe es im Kreis 1.952 positive Befunde. Laschet hatte am Vormittag von 1.553 infizierten Tönnies-Mitarbeitern gesprochen.

Ein weiterer Corona-Ausbruch bei einem Schlachthof wurde unterdessen aus Niedersachsen gemeldet. Mitarbeiter der PHW-Gruppe ("Wiesenhof") in Wildeshausen seien positiv auf das Coronavirus getestet worden, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Eine am Montag erfolgte Reihentestung sei bei 23 von 50 Mitarbeitern positiv verlaufen, sagte ein Sprecher des Landkreises. Der PHW-Gruppe zufolge sollen alle mehr als 1.100 Mitarbeiter des Schlachthofes getestet werden.

Quarantäne-Maßnahmen gab es auch in Berlin-Friedrichshain. Dort wurden bei 44 Bewohnern eines Gebäudekomplexes Corona-Infektionen nachgewiesen. Die betroffenen Haushalte wurden unter Quarantäne gestellt.

Nach den Corona-Ausbrüchen unter anderem im Kreis Gütersloh rief das Robert Koch-Institut (RKI) die Menschen in Deutschland zur Vorsicht auf. "Wir müssen weiterhin achtsam sein", sagte RKI-Chef Lothar Wieler am Dienstag in Berlin. Das gelte für weitere Monate. Das Virus sei noch im Land. "Wenn wir ihm die Chance geben, sich auszubreiten, nimmt es sich diese Chance. Das sieht man an den derzeitigen Ausbruchsgeschehen. (...) Ich denke nicht, dass die Lockerungen völlig folgenlos bleiben werden."

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Wieler zeigte sich allerdings optimistisch, dass eine zweite Welle in Deutschland mit den bereits erprobten Werkzeugen verhindert werden kann: "Das liegt echt in unserer Hand." Vor allem lokale Ausbrüche treiben nach RKI-Einschätzung die bundesweiten Zahlen in die Höhe. Nachdem in den vergangenen Wochen im Mittel etwa 350 neue Fälle pro Tag ans RKI gemeldet worden seien, stiegen diese Zahlen seit vergangenem Dienstag wieder etwas an, sagte Wieler.(dpa)

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