merken
Sachsen

Die Touris kommen, die Anwohner nicht

Gastwirte in Sachsen können nach der Corona-Zwangspause wieder arbeiten. Doch die Vorschriften sind gewaltig und lähmen das Geschäft.

Barbara Motz betreibt die Brückenschänke in Sebnitz. Zwei Monate lang musste sie das Restaurant wegen Corona schließen.
Barbara Motz betreibt die Brückenschänke in Sebnitz. Zwei Monate lang musste sie das Restaurant wegen Corona schließen. © Daniel Schäfer

Sebnitz. Hunderte leere Stühle stehen als SOS geformt am 1. Mai auf dem Neumarkt in Dresden. Wirte und Hoteliers machen so auf ihre dramatische wirtschaftliche Lage aufmerksam. Das Foto wird zum Symbol für den Existenzkampf einer Branche und Titelbild für das neue Buch „Corona – Sachsen im Ausnahmezustand“.

Am 1. Mai demonstrierten Sachsens Gastronomen auf dem Neumarkt in Dresden.
Am 1. Mai demonstrierten Sachsens Gastronomen auf dem Neumarkt in Dresden. © dpa/Robert Michael

Schon am 24. April demonstrieren 50 Gastronomen und Hotelbetreiber aus der Sächsischen Schweiz auf dem Pirnaer Marktplatz. Mit dabei Barbara und Andreas Motz, die in Sebnitz die Brückenschänke betreiben. 

Anzeige
Reiseziel? Deutschlands toller Norden!
Reiseziel? Deutschlands toller Norden!

Attraktive Sommerangebote warten in den Resorts von Precise. Und wer mindestens drei Nächte bucht, kann sich als SZ-Leser einen exklusiven Rabatt sichern.

Die staatlich verordnete Zwangspause, um die drohende Virusgefahr abzuwenden, kommt im März zu jenem Zeitpunkt, wo das Geschäft nach dem Winter eigentlich wieder anlaufen sollte. Doch es läuft nichts. „Aufgrund der Corona-Krise droht 30 bis 50 Prozent der gastronomischen Einrichtungen in der Sächsischen Schweiz das Aus“, sagt Judith Fichtner, Vorsitzende des Dehoga-Regionalverbandes Sächsische Schweiz während der Demonstration in Pirna.

Schon Tage vorher hatte Andreas Motz Mails mit der Bitte versendet, eine Petition zu unterschreiben, den Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent für jeglichen Lebensmittelverkauf auch in Restaurants einzuführen. Nach dem Stühle-Protest ist klar, die Bundesregierung senkt die Mehrwertsteuer für die Gastro-Branche auf sieben Prozent. Ein Hoffnungsschimmer.

Die Brückenschänke hat wie viele andere Restaurants in Sachsen nach zwei Monaten Schließzeit mit einem Hygienekonzept wieder geöffnet. Auf Nachfrage, wie die Geschäfte laufen, sagt Barbara Motz: „Wir haben wieder Gäste, aber die Lage ist vor allem bürokratisch.“ Die Mehrwertsteuer werde ja ab 1. Juli sogar auf fünf Prozent gesenkt, aber nur bis Ende Dezember. Das bedeute, die Kassen umzustellen, was ein Servicedienst erledigen und jede Einrichtung selber bezahlen müsse.

Diese Fahne hing während der Schließzeit an der Brückenschänke.
Diese Fahne hing während der Schließzeit an der Brückenschänke. © Steffen Unger

Das bürokratische Wirrwarr verdeutlicht sie an einer Zitrone: Eine heiße Zitrone als Getränk müsse sie ab 1. Juli mit 16 Prozent Mehrwertsteuer berechnen, ab Januar 2021 wieder 19 Prozent. Bei einer kalten Scheibe Zitrone müsse sie fünf Prozent, ab Januar sieben Prozent und ab Juli 2021 wieder 19 Prozent berechnen.

Positiv sei, dass ihrem Haus von der Sächsischen Aufbaubank die Liquiditätshilfe von 9.000 Euro zugesagt wurde, aber bisher sei nicht klar geregelt, wie sich das steuerlich geltend macht. Dazu fehle bis heute jegliche Regelung. Gut sei außerdem, dass sie im Hotel wieder viele Gäste begrüßen können. „Vor allem die Bayern entdecken plötzlich die Sächsische Schweiz und reisen massenhaft an. Letztens erst war sogar erstmals das Weizenbier alle. Das gab es noch nie.“

Außerdem gebe es zwei weitere Phänomene. Erstens seien viele Touristen nach wie sehr vorsichtig und würden nicht im Restaurant essen, sondern sich mit selbst mitgebrachten Lebensmitteln auf ihren Zimmern versorgen. Es werde außerdem nur noch kurzfristig gebucht und Einheimische würden überhaupt nicht ins Restaurant kommen. „Ich habe manchmal das Gefühl, das Land leidet an einem gesellschaftlichen Burnout, emotionaler Erschöpfung und ein Gefühl von Überforderung. Mal sehen, was noch alles kommt, hoffentlich kein SOS.“

Sachsens erstes Corona-Buch

Das Buch „Corona – Sachsen im Ausnahmezustand“ ist in allen DDV-Lokalen/SZ-Treffpunkten erhältlich.
Das Buch „Corona – Sachsen im Ausnahmezustand“ ist in allen DDV-Lokalen/SZ-Treffpunkten erhältlich. © SZ

Heinrich M. Löbbers, Peter Ufer (Hrsg.): Corona – Sachsen im Ausnahmezustand. DDV edition, 112 S., 20 €; ab sofort in allen DDV-Lokalen/SZ-Treffpunkten und in unserem Online-Shop erhältlich

Mehr zum Thema Sachsen