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Corona: Wie ein Pirnaer Lkw-Fahrern hilft

Thomas Heinz öffnet einen privaten Caravanstellplatz für Trucker, sie können dort kostenlos duschen und auf Toilette gehen. Die Resonanz ist gewaltig.

Physiotherapie-Geschäftsführer Thomas Heinz: Einfach eine nette Geste für die Lkw-Fahrer.
Physiotherapie-Geschäftsführer Thomas Heinz: Einfach eine nette Geste für die Lkw-Fahrer. © privat

Beruflich geht Thomas Heinz, wie er selbst sagt, derzeit täglich durch die Hölle. Heinz ist Geschäftsführer der Gesundheits- und Therapiezentren Sachsen, das Unternehmen betreibt therapeutische Einrichtungen in Dresden, Bischofswerda und Pirna.

Seine Physiotherapie-Praxen, auch jene im Schlosspark auf dem Pirnaer Sonnenstein, müssen trotz Corona-Pandemie weiter geöffnet sein. Die Mitarbeiter haben täglich Kontakt mit Hunderten Patienten, nahezu ungeschützt. "Eigentlich ist das Wahnsinn", sagt Heinz. Er sähe es lieber, die Praxen würden behördlich geschlossen. "Niemand wird sterben, wenn wir mal nicht offen haben", sagt der Geschäftsführer. Bislang aber weigern sich die Behörden.

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Manche sind noch bescheidener dran

Wie groß das Risiko sein kann, sich anzustecken, hat Heinz selbst erfahren. Eine seiner Ärztinnen in Dresden wurde positiv auf Corona getestet. Kurz darauf zeigten sich bei ihm erste Symptome, er ließ sich testen, verbrachte einige Tage im Krankenhaus. Der Ersttest war negativ, weitere Ergebnisse stehen noch aus.

Seit einigen Tagen schon ist Heinz in Quarantäne, seitdem hat er viel Zeit nachzudenken, auch über Berufsgruppen, die derzeit noch bescheidener dran sind als seine Zunft: Lkw-Fahrer. Seine beiden Cousins, sagt Heinz, sitzen täglich auf dem Bock, sie liefern Lebensmittel an Supermärkte. 

Tag und Nacht sind sie unterwegs, müssen überall hin, Nachschub wird in diesen Tagen ständig benötigt. "Die Versorgungskette darf nicht ins Stocken geraten", sagt Heinz, "damit es nicht irgendwann Lieferengpässe gibt."

Katastrophale Hygiene-Bedingungen

Die hygienischen Bedingungen, unter denen momentan viele Lkw-Fahrer arbeiten, sind allerdings zum Teil katastrophal. Für sie gibt es selten Pausen, wenn sie mal müssen, verrichten sie ihre Notdurft auch schon mal im Wald. Auch für die übrige Körperhygiene fehlt oft die Zeit - und vielerorts auch die Möglichkeit. Daran, beschloss Heinz, muss  sich etwas ändern.

Die Initialzündung für eine eigene Aktion ging von einem Lkw-Fahrer aus, der auf dem Sonnenstein ganz in der Nähe der Physiotherapie einen Discounter belieferte. Er fragte in der Praxis an, ob er mal auf Toilette gehen dürfe. Er durfte. Heinz ließ ihn gleich noch duschen und entschied: Ich gebe das jetzt für alle frei.

Heinz betreibt gleich neben der Physiotherapie auf dem Grundstück Schlosspark 13 a einen privaten Caravanstellplatz. Bis zu acht Wohnmobile können dort stehen, für Camper gibt es einen Sanitärtrakt, freies WLAN, sie können dort auch das Brauchwasser tauschen. 

Patienten-Kontakt ausgeschlossen

Weil aber derzeit sowieso niemand verreist und der Platz leersteht, öffnet Heinz das Areals jetzt für die Trucker. Geld dafür will er keines haben. 

Lkw-Fahrer können ihr Gefährt einfach auf dem Gelände abstellen, zudem gleich nebenan kostenlos duschen und auf Toilette gehen. Heinz hat auch nichts dagegen, wenn sie auf dem Platz mal eine Nacht pennen.

Eine Gefahr, dass die Lkw-Fahrer mit den Physiotherapie-Patienten in Kontakt kommen, besteht nicht. Der Sanitärtrakt für die Camper, jetzt für die Trucker, liegt separat, der Geschäftsführer lässt ihn regelmäßig reinigen und desinfizieren.

Caravanstellplatz im Schlosspark auf dem Pirnaer Sonnenstein: Auf einen Schlag bundesweit im Gespräch.
Caravanstellplatz im Schlosspark auf dem Pirnaer Sonnenstein: Auf einen Schlag bundesweit im Gespräch. © Thomas Möckel

Überwältigendes Echo

Heinz postete sein Angebot vor kurzem bei Facebook, die Resonanz auf die Aktion ist gewaltig. Der Beitrag wurde bislang weit über 16.000 mal geteilt, die Offerte macht inzwischen bundesweit die Runde.

Das Echo ist überwältigend. "Tolle Aktion. Danke für diese so menschliche Geste", schreibt beispielsweise Meike Fischer. Isolde Elisabeth Respondek kommentiert: "Supergute Aktion. Sie zeigt, dass es in der heutigen Zeit Menschen mit Herz für unser aller Mitmenschen gibt." Und Steffi Welker postet: "Respekt, Thomas Heinz, das ist ein Grund, in guten Zeiten zu euch zu kommen."

Die Reaktion freuen Heinz, aber er gibt sich bescheiden. Er will das Angebot einfach als kleine nette Geste verstanden wissen. Nein, als Held fühle er sich nicht. Die Lkw-Fahrer da draußen, sagt er, sie seien die Helden.

Keine Angst vor Knöllchen

Allerdings gibt es bei Heinzes Offerte ein Problem. Die Straße im Pirnaer Schlosspark ist schmal, große Lkws können dort nirgendwo so richtig wenden. Heinz regte daher im Rathaus an, die Stadt möge doch wenigstens vorübergehend die Poller auf der Dr.-Benno-Scholze-Straße entfernen. Die Trucker könnten so über diese Trasse, die Herbert-Liebsch-Straße und die Struppener Straße wieder zurück zur B 172 fahren, ohne aufwendig im Schlosspark herumzurangieren.

Von Erfolg gekrönt ist der Vorstoß allerdings nicht: Zwar begrüßt die Stadt Heinzes Initiative. Doch nach Aussage des Rathauses erweise es sich als schwierig, die Poller zu öffnen. Vor einigen Jahren habe man auf Wunsch der Anwohner die verkehrsberuhigte Trasse abgeriegelt, um den Durchgangsverkehr zu stoppen, der regelmäßig über diese Strecke versuchte, den Stau auf der B 172 zu umfahren. Damit dieser nicht wieder auflebt, sollen die Poller stehenbleiben.

Und es gibt noch ein Problem: Große Lkws passen nicht auf den Caravanstellplatz. Heinz empfiehlt den Truckern, ihre Gefährte für die Zeit der Körperhygiene einfach an der Straße stehen zu lassen. Dort besteht jedoch Halteverbot. Er hofft nun auf die Milde des Ordnungsamtes, damit die Gegend momentan nicht mit übergroßer Sorgfalt kontrolliert wird. Sollte es dennoch mal ein Knöllchen für einen Lkw-Fahrer geben, müssen die Trucker nicht selbst dafür aufkommen. "Im Ernstfall", sagt Heinz, "zahle ich das Bußgeld für sie."

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