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Weshalb das Impfen nicht schneller geht

Die höchste Prioritäten-Gruppe könnte im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge in sechs Wochen vollständig geimpft sein. Dazu muss aber alles nach Plan laufen.

Am Impfzentrum an der Radeberger Straße in Pirna ist die Wartezeit für die Angemeldeten nur kurz.
Am Impfzentrum an der Radeberger Straße in Pirna ist die Wartezeit für die Angemeldeten nur kurz. © Norbert Millauer

Die Zahl der gegen Covid-19-Erkrankungen geimpften Menschen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist jetzt fünfstellig. Etwa 40 Prozent davon haben bereits die nötige zweite Impfung bekommen. Damit hat erst ein Drittel der Menschen mit der höchsten Priorität - wie per Gesetz festgelegt - ein Impfangebot erhalten. Seit Dezember sind mobile Impfteams unterwegs. Das Impfzentrum in Pirna-Jessen hatte am 11. Januar den Betrieb aufgenommen.

Anfangs standen lediglich 180 Impfdosen pro Tag für den gesamten Landkreis zur Verfügung. Das Impfzentrum war nicht mal zur Hälfte ausgelastet. "Das hat sich jetzt grundlegend geändert und das ist ja auch gut so", sagt Christian Thie vom DRK, der die Einrichtung an der Radeberger Straße leitet. Mangelnder Impfstoff sei nun nicht mehr das Problem - könnte man meinen. Doch das trifft nur auf Astrazeneca zu, der nur an unter 65-Jährige abgegeben wird. Biontech und Moderna stehen aber weiterhin nur begrenzt zur Verfügung. Das sorgt für Verschiebungen in der Impfreihenfolge, die die Ethikkommission so nicht vorgesehen hatte.

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Kapazität: Bis zu 1.100 Impfungen täglich

Jürgen Gleißberg aus Heidenau ist froh, dass er nach fünf Wochen unzähliger erfolgloser Versuche, endlich einen Termin auf dem Online-Impfportal des Freistaates bekommen hat. "Das Verfahren zur Terminvergabe bedarf einer dringenden Verbesserung, wenn man betrachtet, dass die überwiegende Anzahl der Impfungen erst noch bevorsteht", erklärt der 81-Jährige in einer E-Mail an Sächsische.de.

Viele der Gruppe der höchsten Priorität haben auch keinen Internetanschluss wie er. Doch die Gruppe dürfte in etwa sechs Wochen mit dem Impfen durch sein. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind das etwa 30.000 Menschen. Bis zu 1.100 Impfungen schaffen die mobilen Impfteams und das Impfzentrum pro Tag. In Kliniken werden eigenständig zusätzlich Hunderte Beschäftigte geimpft.

Wenn man von der sehr hohen Impfbereitschaft in dieser Gruppe von 80 Prozent ausgeht, wären mit Erst- und Zweitimpfung ungefähr 48.000 Impfungen nötig. Rechnet man die Kliniken hinzu, stehen jetzt noch etwa 30.000 Impfungen für Gruppe 1 an. Das könnte bei aktuellem Tempo zwar in vier Wochen erledigt sein, doch weil zwischen der ersten und zweiten Impfung drei Wochen Zeit bleiben muss, dürfte es noch sechs Wochen dauern, bis die Gruppe 1 vollständig geimpft ist.

Idee: Effizientere Terminvergabe organisieren

Ob jeder, der sich aus der Gruppe 1 impfen möchte, für die nächsten sechs Wochen einen Termin bekommen hat, weiß aber niemand. Das Anmeldeverfahren ist dafür nicht ausgelegt. Gleißberg hält es auch für zu aufwendig. Statt nach der Registrierung immer wieder x-Versuche am Onlineportal starten zu müssen, um dann einen Termin zu bekommen, hat er eine andere Idee.

Jeder könnte doch nach der Auswahl des gewünschten Impfzentrums eine fortlaufende Nummer bekommen. "In dieser Reihenfolge könnten entsprechend der gelieferten Impfdosen die Impfwilligen direkt informiert werden. Die E-Mail-Adresse ist mit der Anmeldung ja bekannt", schreibt Gleißberg.

Im Januar hatte er das der Sächsischen Staatsregierung und dem DRK Sachsen geschrieben, das für die Impf-Logistik zuständig ist. "Deren Antworten waren kurz gehalten und unkonkret", erklärt Gleißberg. Wenn im Landkreis noch 150.000 weitere Menschen oder noch mehr geimpft werden sollen, sei eine Vereinfachung der Terminvergabe dringend erforderlich. Jedem Impfwilligen im Landkreis ein Angebot zu machen, dauert nach aktuellem Impftempo noch mindestens bis zum August.

Praxisproblem: Warteschlangen vor Impfzentren

Die vier Ärzte, die im Pirnaer Impfzentrum eingesetzt werden können, schaffen es zusammen, höchstens 800 Impfberatungsgespräche pro Tag zu führen. In der Theorie haben sie dafür drei Minuten Zeit. In der Praxis ist das aber nicht immer ausreichend. Das ist auch nur ein Grund, warum es jetzt immer hektischer in den Impfzentren in Sachsen zugeht und es zu Warteschlangen davor kommt.

Am Impfzentrum in Riesa mussten die über 80-Jährigen, die ihren Impftermin wahrnehmen wollten, am Sonnabendnachmittag bis zu 45 Minuten anstehen, um an den Check-in zu kommen. Auch in Dresden bildete sich schon eine größere Warteschlange. Zwar wurden Stühle bereitgestellt, als Zumutung empfanden das aber trotzdem fast alle.

Als Problem entpuppte sich, dass es am Empfang nur einen Rechner gab, in dem die erforderlichen Daten abgeglichen wurden und die Impfwilligen ihren Laufzettel erhielten. Bei den wenigen Impfdosen, die bislang zur Verfügung standen, machte sich dieses Nadelöhr nicht bemerkbar.

Vor dem Impfzentrum in Pirna habe es noch keine längeren Warteschlangen gegeben, erklärt dessen Leiter, Christian Thie. Das war allerdings eine Herausforderung, innerhalb kürzester Zeit das Personal aufzustocken, als es hieß, dass viel mehr Impfstoff geliefert wird und von heute auf morgen entsprechend viele Termine vergeben wurden. Insbesondere Ärzte und Fachpersonal fürs Impfen stehen nicht unbegrenzt auf Abruf.

Impfstoffdilemma: 65- bis 80-Jährige bleiben noch außen vor

Die Besonderheiten der verschiedenen Impfstoffe machen es zusätzlich kompliziert. In Pirna werden alle drei abgegeben - Biontech, Moderna und Astrazeneca. Letzterer hat zwar ein Imageproblem und nur eine Zulassung für Menschen unter 65 Jahren. Es steht aber mehr zur Verfügung, als noch unter 65-Jährige aus Gruppe 1 geimpft werden könnten. Deshalb wurde Astrazeneca nun auch für einen Großteil der Gruppe 2 geöffnet.

Das führt jedoch dazu, dass nun einige Menschen aus Gruppe 2 mit Astrazeneca eher geimpft sind als die über 80-Jährigen aus Gruppe 1, die noch auf ihre Impfung mit Biontech oder Moderna warten. Die 65- bis 80-Jährigen sind weiterhin komplett außen vor, selbst wenn sie Vorerkrankungen haben oder zu sonstigen Risikogruppen gehören. Für Astrazeneca sind sie zu alt. Von Biontech und Moderna fehlen noch ausreichend Impfdosen, sodass diese noch nicht für Gruppe 2 freigegeben wurden.

Dass es bei den 65- bis 80-Jährigen aber auch eine große Impfbereitschaft gibt, kann Christian Thie aus seiner Praxis bestätigen. Fast täglich fragten Leute vor Ort nach, ob sie übrig gebliebenen Impfstoff von Biontech oder Moderna erhalten könnten. "Unsere Pinnwand ist bereits voll mit Telefonnummern", sagt Thie.

In der Altersgruppe der 65- bis 80-Jährigen ist der Respekt vor einer Covid-19-Erkrankung noch größer als bei Jüngeren. Zurecht. Denn bei genauerer Betrachtung der Corona-Todesfälle ist eindeutig erkennbar, dass fast ausschließlich Rentner betroffen sind. 98,4 Prozent der Toten im Zusammenhang mit Covid-19 im Landkreis waren älter als 60 Jahre.

"Dennoch geben wir auch den übrig gebliebenen Impfstoff nur an Personen der höchsten Priorität ab", sagt Thie. So wie es vorgeschrieben ist. Am Ende jedes Tages stünden höchstens eine Handvoll zusätzlicher Impfungen zur Verfügung. Dann werden nachmittags Telefonketten aktiviert. "Wir rufen Arztpraxen an, die wiederum ihnen bekannte Patienten der Gruppe 1 anrufen, die kurzfristig ins Impfzentrum kommen können", sagt Thie.

Dass Astrazeneca nur für unter 65-Jährige abgegeben werden darf, führt nun zu einem ethischen Dilemma. Gesunde junge Menschen, die etwa in einem Asylbewerberheim oder einer Grundschule arbeiten, bekommen ab sofort ein Impfangebot mit Astrazeneca. Eine 70-Jährige mit Lungenkrankheit hat dagegen noch keine Chance auf einen Termin.

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Diese politische Entscheidung sei eine Abkehr vom Prinzip, zunächst die besonders gefährdeten Gruppen zu impfen, sagte dazu Alena Buyx, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Der wurde bei der Einführung der ursprünglichen Prioritätengruppen noch beteiligt. Um Astrazeneca so schnell wie möglich zu verteilen, gehen Bundes- und Landesregierung nun einen anderen Weg.

Folgende Personen der Gruppe 2 unter 65 Jahre können ab sofort Impftermine buchen:

Bei sehr hohem oder hohem Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf nach einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-Cov-2, für Personen unter 65 Jahren:
  • mit Trisomie 21,
  • nach Organtransplantation
  • mit einer Demenz oder mit einer geistigen Behinderung oder mit psychiatrischer Erkrankung
  • mit malignen hämatologischen Erkrankungen, nicht in Remission befindlichen Krebserkrankungen oder Krebserkrankungen vor oder während einer Krebsbehandlung oder einer onkologischen Anschlussrehabilitation
  • mit interstitieller Lungenerkrankung, COPD, Mukoviszidose oder anderer ähnlich schwerer chronischer Lungenerkrankung
  • mit Diabetes mellitus (HbA1c ≥ 58 mmol/mol 7,5%)
  • mit Leberzirrhose und anderer chronischer Lebererkrankung
  • mit chronischer Nierenerkrankung
  • mit Adipositas (BMI > 40)
  • bei denen nach ärztlicher Beurteilung und Prüfung durch eine Einzelfallkommission ebenfalls ein (sehr) hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf nach einer Infektion mit dem Virus besteht
Enge Kontaktpersonen (bis zu zwei)
  • von nicht in einer Einrichtung befindlichen pflegebedürftigen Person, die älter als 70 Jahre ist oder eine der oben genannten Erkrankungen hat;
  • von schwangeren Personen, die von dieser Person oder von ihrem gesetzlichen Vertreter bestimmt wird, auch Hebammen bzw. Personal involviert in die Geburtsvorbereitung;
  • Personen, die in stationären Einrichtungen zur Behandlung, Betreuung oder Pflege geistig oder psychisch behinderter Menschen tätig sind oder im Rahmen ambulanter Pflegedienste regelmäßig geistig oder psychisch behinderte Menschen versorgen,
  • Personen, die in Bereichen medizinischer Einrichtungen mit einem hohen oder erhöhten Expositionsrisiko in Bezug auf das Coronavirus Sars-Cov-2 tätig sind
  • Personen nach Organtransplantationen
  • Ärzte und sonstiges Personal mit regelmäßigem unmittelbaren Patientenkontakt, sofern nicht in der höchsten Priorisierungsstufe
  • Personal der Blut- und Plasmaspendedienste;
  • Polizei- und Ordnungskräfte, die in Ausübung ihrer Tätigkeit zur Sicherstellung öffentlicher Ordnung, insbesondere bei Demonstrationen, einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind,
  • Personen, die im öffentlichen Gesundheitsdienst tätig sind oder in relevanter Position zur Aufrechterhaltung der Krankenhausinfrastruktur tätig sind;
  • in Obdachlosenunterkünften und Asylbewerberunterkünften untergebracht oder tätig sind.
  • in Kitas, Kindertagespflege, Grund- und Förderschulen tätig sind

Zum Nachweis der Impfberechtigung ist eine Bescheinigung des Arbeitgebers bzw. ein ärztliches Attest notwendig. Geimpft werden können vorerst nur die Menschen der Priorisierungsgruppe 2, die zwischen 18 und 64 Jahre alt sind. Geimpft wird in den 13 Impfzentren mit dem Impfstoff AstraZeneca. Quelle: Sächsisches Sozialministerium

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