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100.000 Mal Hilfe bei Corona-Ärger

Wie einzelne Anbieter in der Krise mit Kunden umgehen, macht Sachsens obersten Verbraucherschützer fassungslos.

Nichts fliegt mehr, doch viele Reiseveranstalter und Airlines haben in der Corona-Zeit erstatten Gelder viel zu spät.
Nichts fliegt mehr, doch viele Reiseveranstalter und Airlines haben in der Corona-Zeit erstatten Gelder viel zu spät. © Symbolfoto: Ronald Bonss

Der Kunde ist König? Diese Regel gilt in Pandemiezeiten nicht immer, wie die Flut von rund 100.000 Hilfeersuchen bei der Verbraucherzentrale Sachsen im vergangenen Jahr zeigt. Sächsische.de sprach darüber mit Vorstand Andreas Eichhorst.

Herr Eichhorst, was war das größte Problem für Verbraucher im letzten Jahr?

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Wir spüren in der Coronazeit eine enorme Verunsicherung bei den Menschen. Im vergangenen Jahr war das insbesondere bei Stornierungen und Umbuchungen von Flügen und Urlaubsreisen der Fall. Dazu haben wir Tausende Sachsen beraten. Nicht selten ging es dabei um vierstellige Summen. Das EU-Pauschalreiserecht garantiert einen Erstattungsanspruch. Was wir jedoch festgestellt haben: Obwohl die Reiseveranstalter verpflichtet sind, die Erstattungen schnell zurückzuzahlen, hat es in vielen Fällen zu lange gedauert. Es war eine wilde Zeit.

Haben nun alle Reiseanbieter gezahlt?

Ja, die meisten, wenn auch nach langen Verzögerungen. In der Regel ging es etwas schneller, wenn wir uns eingeschaltet haben. Aber selbst wir, die Ansprechpartner bei den Unternehmen kennen, haben teilweise auf Granit gebissen. Viele hatten anfangs auf die Zwangsgutscheine gehofft.

Was muss besser werden?

Das Vorauskasse-Prinzip kann so nicht weitergeführt werden. Ebenso sind Reisende bei Insolvenzen nicht ausreichend geschützt. Das haben nicht nur die Insolvenzen von Air Berlin und Germania gezeigt. Restzahlungen für Pauschalreisen sollten zum Beispiel erst eine Woche vor Reisebeginn fällig werden.

Welche Probleme gab es noch?

Dass Zwangsgutscheine für abgesagte Veranstaltungen eingeführt wurden, ist für uns ein sehr großes Ärgernis. Auch wenn es hier meist nicht um so große Summen, wie bei Urlaubsreisen, geht. Man kann nur mit dem Kopf schütteln, wie große Ticketverkäufer wie CTS Eventim mit ihren Kunden umgehen – bei allen Herausforderungen, die die Veranstaltungsindustrie hat. Und das Problem ist ja nicht ausgestanden. Was passiert, wenn Konzerte wieder losgehen? Auf der einen Seite versuchen die Anbieter gerade, salopp gesagt, die Verbraucher unter Druck zu setzen – auf der anderen Seite wundere ich mich, wenn Kunden voll Vertrauen neue Tickets buchen.

Viele Sachsen stecken wegen Corona in Geldnot. Welche Erfahrung gab es da?

Für viele Menschen brachte das Jahr durch Kurzarbeit oder Jobverlust schwere Herausforderungen. Die Folge: Das Geschäft mit schnellen Onlinekrediten und skrupellosen Kreditvermittlern floriert. Oft verschlechtert sich die Situation der Kunden dadurch sogar. Schuld sind teure Kreditkarten, hohe Dispozinsen, Zusatzkosten oder Restschuldversicherungen. Die waren auch vor der Pandemie schon ein großes Thema. Wir hatten Fälle mit einer Kreditsumme von 35.000 Euro und Kosten für die Restschuldversicherung von 18.500 Euro, die ebenfalls verzinst werden. Wir fordern eine verantwortungsvolle Kreditvergabe. Ich gehe davon aus, dass es viele Insolvenzen und Privatinsolvenzen geben wird. Wir bemerken bereits eine verstärkte Nachfrage bei unserer Schuldner-Insolvenzberatung.

Was halten Sie vom Verhalten mancher Anbieter gegenüber ihren Kunden?

Manchmal bin ich jetzt noch fassungslos, wie einige Banken agieren. Es gab Fälle, da haben Kunden mit einem Sofortkredit von 1.000 Euro bei Media Markt angefangen und sind nach fünf Umschuldungen bei 70.000 Euro gelandet. Und sie wissen, dass sie das mit ihrem Einkommen nie ablösen können. Das Verhalten ist schäbig. Es gibt jedoch viele Unternehmer, die sich während der Pandemie um ein hervorragendes Verhältnis zu ihren Kunden bemühen.

Welche Themen waren neu?

Immer wieder überrascht bin ich, wie kreativ und findig Betrüger sein können. Da wurden im Internet Corona-Wasserfilter für mehrere Tausend Euro angeboten und Heilsversprechen gegeben, die nicht gehalten werden. Vieles spielte sich online ab. Einige unserer Kunden waren damit überfordert. Das haben wir mit Sorge beobachtet. Viele kamen dann zu uns, als wir im Sommer unsere Beratungseinrichtungen vorübergehend wieder öffnen konnten.

Andreas Eichhorst ist seit 2016 Vorstand der Verbraucherzentrale Sachsen. Der 58-Jährige kam aus Berlin nach Sachsen.
Andreas Eichhorst ist seit 2016 Vorstand der Verbraucherzentrale Sachsen. Der 58-Jährige kam aus Berlin nach Sachsen. © VZS

Was planen Sie in diesem Jahr?

Da wir unser 30. Jubiläum feiern, haben wir 30 Schwerpunkte abgeleitet. Dazu gehören Mini- und Kurzzeitkredite, Telefonwerbung, Patientenrechte, Tierwohl, Nahrungsergänzungsmittel, Lebensmittelüberwachung, digitale Teilhabe oder Versicherungsschutz für Wohngebäude. Wir beraten ja nicht nur, sondern engagieren uns auch in Verbraucherbildung. Zum Thema Lebensmittel und Ernährung wollen wir mit einer Schule zusammenarbeiten und Nachhaltigkeit thematisieren. Das ist wichtig, wenn man sieht, wie sehr unsere Essgewohnheiten zum Klimawandel beitragen.

Wie erreichen Sie mehr jüngere Leute?

Wir versuchen etwa, die Fridays for Future-Bewegung mit einzubinden. Klimaschutz gehört an die Schule. Es ist wichtig, bei jungen Menschen ein Bewusstsein für Zusammenhänge im Alltag zu schaffen. Dazu gehören Energie und Mobilität ebenso wie Ernährung, Kleidung oder Finanzen. Wir gehen in Schulen und erklären, was bei der ersten eigenen Wohnung zu beachten ist. Thema sind auch In-App-Käufe, zu denen Kinder in Spiele-Apps animiert werden.

Wie ist der aktuelle Stand zum Thema Sparkassen-Prämiensparen?

Wir erwarten mit Spannung die Entscheidung des Bundesgerichtshofes zur Zinsanpassung bei Prämiensparverträgen. Mittlerweile haben wir sechs Musterfeststellungsklagen gegen sächsische Sparkassen eingereicht. Das ist für uns als relativ kleine Verbraucherzentrale ein großes Ding. Zudem hat mit der Sparkasse Oberlausitz/Niederschlesien nun die vorletzte in Sachsen die Prämiensparverträge gekündigt. Nachdem das Oberlandesgericht einige Urteile zugunsten der Sparer gefällt hat, muss nun der BGH entscheiden, wie die Zinsnachzahlungen konkret berechnet werden sollen. Wir hoffen auf ein positives Urteil, wonach Banken und Sparkassen den Differenzbetrag innerhalb von vier Wochen nachzahlen sollten. Für viele Sachsen mit einem 2017 gekündigten Vertrag „Prämiensparen flexibel“ geht es um durchschnittlich 4.000 Euro Zinsnachzahlung pro Vertrag.

Sie richten derzeit Kompetenzzentren in ländlichen Regionen ein. Was ist das?

Dahinter steckt der Gedanke, einen Ort zu schaffen, an dem Verbraucher viele Synergien nutzen können. Es gibt andere Organisationen, die Menschen beraten, etwa den Mieterverein zum Mietrecht, den Weißen Ring zur Opferhilfe, die IG Metall zum Arbeitsrecht. Einige können sich keine eigene Beratungsstelle auf dem Land leisten. Wir möchten sie in unsere Kompetenzzentren integrieren und den Menschen so eine Anlaufstelle bieten. Das erste Zentrum in Auerbach ist bereits eröffnet. Das nächste ist in Görlitz geplant. Weitere folgen.

Haben Ihre Beratungsstellen geöffnet?

Nein, aktuell haben wir auf telefonische und E-Mail-Beratung umgestellt. Alle Mitarbeiter sind mittlerweile in der Lage, mobil und im Homeoffice zu arbeiten. Das klingt selbstverständlich, doch wir hatten da einen großen Aufholbedarf. Viele Gespräche können ortsungebunden geführt werden.

Beratungstermine bei der Verbraucherzentrale können unter 0341/6962929 oder online vereinbart werden: www.verbraucherzentrale-sachsen.de

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