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Erst die Kündigung im Büro, dann drei Siebentausender

„PMX21“ lautet der Name der sächsischen Pamir-Expedition, die im Mai starten soll. Das Projekt hat seinen Preis – Auftakt der Serie „Wenn Abenteuer auf Corona trifft“.

„PMX21“ heißt die Pamir-Expedition, und die Protagonisten sind: Nele Sadler, Milan Lülsdorf, Matthias Nolden, Elias Betka und Philipp Werner (v. l.).
„PMX21“ heißt die Pamir-Expedition, und die Protagonisten sind: Nele Sadler, Milan Lülsdorf, Matthias Nolden, Elias Betka und Philipp Werner (v. l.). © Elias Betka

Dresden. Traumziele sind schwer zu erreichen. Sonst wären es keine. Jetzt scheinen sie noch weiter weg zu sein, da ein Virus mit seinen Mutanten die Welt aus den Angeln hebt. Die Pandemie macht alle Reisepläne zur Lotterie. Doch Elias Betka und seine Mitstreiter sind fest entschlossen. In Kirgistan möchten sie im Mai drei Siebentausender besteigen.

Eine Plakette gab den entscheidenden Anstoß: der Schneeleoparden-Orden. Den bekamen Bergsteiger, die alle fünf Siebentausender der Sowjetunion bestiegen hatten. „Ich las und hörte spannende Geschichten über die Schneeleoparden“, sagt Betka und, dass in seinem Kletterklub „Daxensteiner“ Erzählungen aus erster Hand kursierten aus „Zaunzeiten“ – also vor dem Mauerfall – zu den damals höchsten erreichbaren Bergen.

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Der 32-jährige Dresdner kraxelte schon als Kind an Felsen, suchte aber auch andere Herausforderungen. Mit den American Footballern der Dresden Monarchs spielte er in der ersten Bundesliga, versuchte sich als Boxer und fand dann über Marathons und Ultratrails zurück in die Berge. „Ich mache alles, was mit Ausdauer und Bergen zusammenhängt, zu Fuß, mit Rennrad, Mountainbike oder auf Skiern. Mir macht es Spaß, mich bei extremen Aufgaben auszureizen“, sagt Betka lachend.

Mit Matthias Nolden, einem gebürtigen Bonner, fand er beim Innenarchitektur-Studium in Halle an der Saale einen Gleichgesinnten. Der Sachse und der Rheinländer können gut miteinander. Das spürten sie bei ersten gemeinsamen Touren in der Sächsischen Schweiz, und immer wieder kamen sie auf die Schneeleoparden in Zentralasien zu sprechen.

Inzwischen arbeiten beide in einem Architekturbüro in der Dresdner Neustadt und entschieden vor zwei Jahren, die Gipfel der Schneeleoparden zu ihrem Projekt zu machen. Die Probetour führte sie per Fahrrad und mit Ski zu den Seven Summits der Alpen – in Anlehnung an die sieben höchsten Gipfel der Kontinente. „Wir waren zum ersten Mal gemeinsam zwei Monate mit einem kleinen Zelt unterwegs, mussten auf engstem Raum auskommen, konnten uns nicht aus dem Weg gehen“, erzählt Nolden. „Da reichen im Lauf der Zeit Kleinigkeiten, um aneinanderzugeraten. Wir haben uns nicht geschont und dabei gemerkt, dass wir keinen Stress miteinander haben, wenn es kritisch wird. Dann ist vor allem Kommunikation gefragt.“

Elias Betka und Matthias Nolden erreichen bei der Seven-Summits-Alpen-Tour die Dufourspitze.
Elias Betka und Matthias Nolden erreichen bei der Seven-Summits-Alpen-Tour die Dufourspitze. © privat

Seitdem sind sie sich einig: 2021 geht es in den Pamir. Achttausender, meinen sie, wären zum Auftakt der falsche Schritt gewesen, da es so viele andere interessante Berge gebe. Nolden hatte einen Eindruck davon bekommen, als er ein Jahr in Westchina als Architekt in einem französischen Planungsbüro gearbeitet hatte.

Nachdem ihr Arbeitgeber auch Verständnis zeigte für die angekündigte Auszeit von fünf Monaten, setzen sie nun alles auf eine Karte: Job kündigen und nach dem Abenteuer wieder in der Firma einsteigen. Weniger schnell verlief die Suche nach Mitstreitern. Sie klopften ihr Umfeld ab und fragten bei Kletterklubs an, lernten viele Interessenten kennen. „Aber oft passte das Gesamtpaket nicht“, sagt Betka. „Die Kosten sind für keinen einfach zu stemmen, und dann scheiterte es oft an der Länge. Meine Freundin wollte mich auch nicht schon wieder Monate weglassen.“

Das Problem löste er elegant und überzeugte Nele Sadler, mitzukommen. Cousin Milan Lülsdorf, der in den Alpen schon Begleiter bei Bergtouren war, ließ sich auch begeistern. Als Student kann er sich die Zeit einrichten. Und Ex-Kollege Philipp Werner bekam ebenfalls Lust auf das Abenteuer, wollte Expeditions-Flair kennenlernen. Anfang 2020 stand schließlich das Team samt Arbeitsteilung: „Philipp wird mit Nele uns drei Gipfelgängern den Rücken frei halten“, sagt Betka.

Zur Expeditions-Einstimmung planten sie 2020 drei große Touren. Im April sollte die Patrouille des Glaciers der erste Test sein, das härteste Rennen der Welt für alpine Skibergsteiger. Die 57,4 Kilometer von Zermatt nach Verbier haben es in sich. Die Dreier-Teams müssen sogar in der Lage sein, angeseilt Ski zu fahren. „Wir hatten hart trainiert, haben Höhenmeter geschrubbt im Erzgebirge und in Tschechien, waren gut drauf. Dann folgte der erste harte Dämpfer, die coronabedingte Absage“, erzählt Betka und stellt rückblickend fest: „Da kam es endgültig bei mir an, dass das noch ganz andere Kreise ziehen wird mit diesem Virus.“

Bei einem Selbstverpfleger-Radrennen von Wien über die Alpen bis Nizza konnte sich das Trio im Sommer über 2.000 Kilometer mit 35.000 Höhenmetern ausreizen. „Eine Grenzerfahrung. Wir konnten kaum schlafen. Die Zeit lief weiter. Das ging ans Mentale, jeden Tag Kilometer prügeln und Pässe fahren, war echt zäh“, sagt Betka. Im Herbst wollte er noch beim Ultratrail rund um den Monte Rosa erstmalig über 170 Kilometer laufen. Corona kam wieder dazwischen.

Trotz aller Hiobsbotschaften trainierten sie weiter. „Bis vergangenen Herbst waren wir auch außerhalb Dresdens mit dem Rennrad unterwegs, fuhren bis nach Tschechien und waren viel laufen, auch im Elbsandsteingebirge. Doch mit der Corona-Bannmeile wurde es schwierig, Höhenmeter zu schrubben“, beschreibt Betka die Vorbereitungen. Bergsprints an den Elbhängen waren ein einigermaßen akzeptabler Kompromiss, zudem Treppenläufe mit Gewichten in Rucksäcken. Lieber hätten sie die Trainingseffekte auf Skiern in den Alpen erreicht.

Das ist der Weg und das Ziel der 7.134 Meter hohe Pik Lenin im Pamir-Gebirge.
Das ist der Weg und das Ziel der 7.134 Meter hohe Pik Lenin im Pamir-Gebirge. © Elias Betka

Auch der Tourplan hat sich verändert. Ursprünglich wollten die Fünf mit einem Kleintransporter in Dresden starten, über Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan in den Pamir fahren. Der Rückweg sollte über den Pamir-Highway führen. „Geschlossene Grenzen haben uns zum Umdenken gezwungen. Uns bleibt nur noch das Flugzeug, was wir vermeiden wollten“, sagt Betka. Auf drei Siebentausender in Kirgistan beschränken sie sich zudem. Dafür reichen – Stand jetzt – negative Corona-Tests. Ursprünglich sollte es nach der Besteigung des Pik Lenin (7.134 Meter) nach Tadschikistan zum Pik Kommunismus und Pik Korshenewskaja weitergehen. Diese Gipfel heben sie sich nun für später auf. Jetzt planen sie nach der Akklimatisierung am Pik Lenin die Besteigung des Pik Khan Tengri (7.010 m) und Pik Pobeda (7.439 m).

„Die sind beide einen Zacken schärfer und anspruchsvoller als der Auftaktgipfel. Man muss dort größere Eisbrüche überwinden. Besonders der Pik Pobeda wird seltener bestiegen, weil weite Distanzen in großer Höhe bewältigt werden müssen, es schwere Kletterstellen gibt, die oft extremem Wetter ausgesetzt sind“, sagt Betka.

Bis zum Start bleiben Ungewissheiten und Unwägbarkeiten, wie der Umgang mit den Corona-Mutanten zeigt. „Wir haben ein Jahr lang gelernt, mit dem Virus zu leben und zu planen. Wenn es noch jähe Wendungen kurz vor dem Start gibt, müssen wir das akzeptieren und reagieren. Wir haben gerade Plan B am Start und hätten noch die Varianten C und D, wenn nötig. Wenn alle Stränge reißen, werden wir in die Alpen gehen“, sagt Nolden.

Elias Betka steht im Rahmen der Seven-Summits-Alpen-Tour auf dem Gipfel des Großglockner.
Elias Betka steht im Rahmen der Seven-Summits-Alpen-Tour auf dem Gipfel des Großglockner. © privat

Das Projekt hat seinen Preis. Die Gipfelgänger rechnen mit rund 10.000 Euro pro Person. Auch deshalb war Planungs-Vorlauf notwendig, um mögliche Sponsoren zu finden. Den Alpen-Rad-Ski-Trip hatten sie „im Nachhinein unter die Leute gebracht“, wie Betka sagt. Der Vortrag gewann 2019 den Wettbewerb der Kurzbeiträge beim Dresdner Bergsichten-Festival. Damit ergaben sich einige Kontakte zu Sponsoren – eine unerwartete Erfahrung für Betka und seine Mitstreiter.

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Beim wegen Corona abgesagten Bergsichten-Festival im November 2020 hätte ihr Vortrag sogar einen Platz im Hauptprogramm bekommen. „Mal sehen, ob er dieses Jahr nachgereicht wird oder wir bis dahin einen neuen Beitrag haben“, sagt Betka. „PMX 21“ könnte dann im Titel stehen, der Name ihrer Expedition – hergeleitet aus PamEx, wie die Alpinistik-Projekte der DDR-Höhenbergsteiger genannt wurden. Das Kürzel sollte kurz und knackig sein. Die Vorbereitungen sind das Gegenteil. Alles ist schon jetzt ein großes Abenteuer.

Im zweiten Teil lesen Sie: Corona stoppt den Profi-Bergsteiger und berufsmäßigen Abenteurer Stefan Glowacz. In der Pandemie stellt er fest, nicht um die halbe Welt fliegen zu müssen, um einen Berg zu besteigen.

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